Seltsam, wie die Dinge sich anfühlen, die Verhältnisse, die Gegebenheiten. In den Ferien war ich woanders, nun bin ich von dort zurück. Fremd wird das Eigene, wenn es sich entzieht. Nicht im Nirgendwo lebe ich, doch zwischen den Wirklichkeiten. Ich gerate kaum in Berührung, handle ab, absolviere. Die Reisen halten mich fest. Ich kann kaum denken. In der Fremde war ich wahrer als hier. Noch immer turne ich dort herum, wo ich vor Wochen oder Tagen noch war. Den fahrschnellen Wechsel von hier nach dort verkrafte ich schwer. Unwirklich sind diese Tage, da ich darauf warte, daß ich mir heimkehre.
Autor: Holger Tegtmeyer
Kork auf dem Wasser
Kinder sollen lernen, kritisch zu sein; sie sollen lernen, zu „hinterfragen“. Kann man Kritik lernen, woher käme die Motivation? Wenn alles paßt, gibt es keinen dringenden Grund, die Verhältnisse zu befragen, kaum einen Anlaß.
Leiden macht kritisch. Das bleibt unvergessen, das wirkt „nachhaltig“.
Ah, diese Münzwörter. Man wirft sie in einen Schlitz, und der Automat zeigt Freispiele an. Legitimation und Lizenz auf Zeit. Die Währungen wechseln.
Politische Faustregel
Lieber gar nicht erst dafür sein, dann muß man später nicht dagegen sein.
Mausoleum
In der Fensterbank liegt ein beschriebener Streifen Pappe, Reststück einer Verpackung für 8 Haushaltskerzen, „sauberes, ruhiges Brennverhalten, Länge ca. 19 cm“. Handschriftlich steht geschrieben: „Ich habe nichts wegwerfen wollen oder können. An allem hing etwas, das wichtig schien oder einmal wichtig wurde. Töricht genug.“ Solche Zettelnotizen liegen herum und stauben ein. Sie ähneln Insektenleichen und mürben Resten vertrockneter Zimmerpflanzen hinter einem Vorhang, der vor der Sonne schützt. Hier hat ein jedes seine Chance. Zum Ende hin wird es Text.
Auch so ein Satz aus der Kindheit
Ich komme von außerhalb und kam bereits als Schulkind von außerhalb. Dabei war dieses Außerhalb zunächst ein Innerhalb: ein Schutz, eine Zugehörigkeit, eine Geborgenheit. Wir lebten, bevor ich hinaustrat (hinausgestoßen wurde oder herausgerissen) in die Welt, wie sie angeblich wirklich ist, nicht in einem Reservat und strebten ein solches nicht an. Das weiß ich. Wir lebten nur eigenartig anders, modern und nichtmodern zugleich. Ich denke, das hat sich fortgesetzt in mein weiteres Leben. Ich kann dazugehören, aber ich muß nicht. Was alle tun, interessiert mich zunächst wenig. Wird es nennenswert oder greift nach mir, werde ich ich mich zu verhalten wissen. Immer langsam mit den jungen Pferden. Das Neue muß sich bewähren, bevor es gut ist.
Die Weite
Sternenhoch werde ich schauen, bis die Augen schmerzen. Die Schafe sind im Stall, daß der Wolf sie nicht hole. Im Saal summt die Kühlvitrine ihre einzige Melodie. Gerüche auf dem Land. Was hat man mit den Bauern getan? Gewaltige Maschinen, John Deere und die anderen. Die Apfelbaumallee entlang durch zermatschtes Obst und surrendes Insektenvolk. Die Natur ist eine Verschwenderin. Hier draußen unter Sternen und Wölfen ist Berlin kaum denkbar. Wer weiß, ob es die Stadt noch gibt. Man hätte von ihrem Untergang in der Zeitung gelesen oder im Radio erfahren, auf einer Autobahnraststätte unterwegs beim Zahlen des Tankinhalts oder im Tante-Emma-Laden ohne Personal, wo Musik und Nachrichten laufen, damit man sich nicht fürchten muß als einziger Kunde. Kommt ein Trecker die Straße entlang, grüße ich hinauf zur Fahrerkabine, als sei ich noch immer einer von ihnen, und das ist nun wirklich gelogen. Die große Stadt fürchte ich nicht. Ich weiß etwas, was sie nicht weiß.
Terrasse
Zwischen den Steinplatten ist fingerbreit Platz für Pflanzengrün und versickerndes Regenwasser. Das Haus der starken Wände steht fest auf hohem Grund; daß es in den Räumen nicht spukt, liegt an der Moderne. Eine Schwebfliege besteigt den Schreibstift an dessem obersten Punkt und läßt sich von der Schreibhand über das Papier führen, spürt bis hinauf zu sich das Vibrieren der Tintenkugel, die die Zeichen rollt. Der Wind bringt das Blattgefieder der Esche zum Sprechen. Auf der Terrasse sitzen, lesen und schreiben die Menschen aus einer anderen Stadt, einem anderen Land, einer anderen Sprache. Die Ferne enthält ein Versprechen. An unbekanntem Ort ersteht die Möglichkeit einer Erneuerung. Ich bin noch nicht ich, obwohl ich es bereits bin. Orange oder Zwiebel und die Idee des Eigentlichen. Unterdessen wächst der Bart, und ich denke an die beiden Juden auf der Sitzbank am Silser See, die mich ausfragten, als könnten sie die Wege segnen. Ihre Patriarchenbärte glänzten silbern im Licht der Mittagsstunde. Heute vor einhundertfünfundzwanzig Jahren starb Friedrich Nietzsche, geistig umnachtet, wie es heißt, aber nicht in Sils-Maria. Vielmehr in Weimar, die Villa Silberblick ist ein muffiger Ort. Mit Nietzsche läßt sich tanzen, er will das.
Augenblick, Moment, Gegenwart
„Jetzt ist schon vorbei“, steht an der betonierten Unterführung. Das alte Jetzt ist fort, doch schon ist ein neues da. Immer ist jetzt, dauernd ist jetzt. Jetzt hört gar nicht mehr auf. Daß das jeweils alte Jetzt verschwinden muß, liegt in seiner Natur als Jetzt. In seinem Verschwinden liegen Wert und Würde des Jetzt, falls das nicht zu pathetisch klingt.
Deutung ins eigene Interesse
Schwärme flüchtigen Lichts
Nun gerate ich in die Ruhe. Die Nervosität fällt auf, wenn man sie verläßt. Wir sollen mehr arbeiten, sagt das erwachsene Karrieremädchen. Doch wir haben kaum je etwas anderes getan, als zu arbeiten. Wir sind Teil eines Gesamtkunstwerks namens Arbeit. Ein mittelgroßes Land in der Mitte Europas, etwa so groß wie ein Büchsenschuß ins Herz eines Kontinents, rotiert sprachlich, inhaltlich, mental. Man kommt hier schon gar nicht mehr ins Nachdenken. Kann man sich nicht leisten. Angstvolle Blicke. Bitte sag uns, was wir schon wissen. Umgeben von neun Nachbarländern, die auch was wollen, und sicherlich jeweils zu Recht. Hochtourig umkreist man in solchem Land dessen offenkundige Überforderung. Da kommen die Perseiden gerade rechtzeitig.