Ich bin in Arbeit

Würde man mich fragen, wie es mir geht, müßte ich antworten: Ich bin in Arbeit. Nichts ist fertig, eine Idee scheint da zu sein, die Erfüllung (Einklang von Form und Inhalt) bedeutete meinen Tod. Die Angelegenheiten eines Menschen und des Lebens benötigen Zeit und Ruhe. Ungeduld ist der Feind ungestörter Entwicklung, wird jedoch als begünstigend oder hervorrufend empfunden. Nicht ganz zu unrecht, denn die Erwartungen korrespondieren mit dem Erwartbaren. Druck oder Sog? Das Leben bedient sich beider Prinzipien. Leben ist opportunistisch. Das bedeutet nicht, daß Opportunisten diejenigen sind, die man vorn oder oben sehen möchte, insbesondere nicht an eigener Seite. Das Leben ist deshalb opportunistisch, weil es sich vollbringen muß. Dafür scheint jedes Mittel recht. Hauptsache da, gilt für jedes Menschlein, ob gewollt oder nicht. Manchmal quält sich das Leben durch, daß es fast schon eine Schande ist. Zu leben ist eine nicht von uns selbst gestellte Aufgabe. Ich kann sie nur nachstellen. Das Leben stellt die Fragen, sagen die Shaolin-Mönche. Wir geben die Antwort oder suchen sie.

Ich bin in Arbeit

Ohne Sperrvermerk

Die Wahrheit tut weh, dafür ist sie da. Dem Schmerz entgehen zu wollen ist menschlich-tierlich. Daß Wahrheit und Leid unausweichlich sind, wird selten akzeptiert. Man mogelt sich herum, selbst um Themen größter Relevanz. Ich selbst war schon Teil solcher Scharaden, und wie denn auch nicht, alt genug, wie ich bin. Der Wahrheit ist eine Schönheit zugeeignet, die zuweilen mißverstanden wird. Nicht die Wahrheit muß schön sein oder auch nur so aussehen, doch die Schönheit ist immer wahr.

Ohne Sperrvermerk

Sonnabend auf Sonntag

Angenehme Stille dort draußen vor dem Fenster, Stille im Raum, Stille in mir. Alles strebt in Gleichgewichtszustände, in den Ausgleich, in eine erträgliche Balance. Kaum ist ein Gleichgewichtszustand erreicht, ist er bereits wieder genommen. Das Nachjustieren oder Neujustieren der Gewichte, Lasten und Mächte nennt man Leben. Es kann nicht einer siegen – jedenfalls nicht für lange. Was aufstrebt, geht unter. Was untergeht, ersteht neu. Wird etwas millionenfach gerufen, erkennt man den Tod einer Idee. Ideen erschaffen sich Institutionen. Sie sind Bastionen der Fortdauer. Herrscht in ihnen kein Leben, trocknen sie aus. Leben ist Geist, aber nicht als Gespenst. In den Grüften taumeln die Gespenster. Tote Räume im Bürohochhaus aus Glas und Stahl, Auslegware zu Füßen, Funktionsdesignertische und auch Stühle und für den Geschmack des Auges progressive Graphik an der Wand und auf dem Glastisch eine Thermoskanne im Stil des Jetzt. Das macht Laune, da spricht sich’s frei.

Sonnabend auf Sonntag

Dauert nicht mehr lange

Wir kommen aus angespannter Zeit und überleben in ihr. Der Druck ist immens. Zugleich wird seitens der Lautsprecher und Verteiler betont werden, daß das, was erlebt und erlitten wird, normal sei. Das neue Normal lernten wir während der Corona-Affäre ausgiebig kennen. Selten so gestaunt. Schon lernen wir die Zeitenwende kennen und erweisen uns neuerlich als schwingungsfähig. Ich wiedererkenne das Wort, es wurde einstmals von jenen gebraucht, denen es nicht gefiel, daß man „vor Christi Geburt“ sagte, wenn es meinetwegen um das Jahr 44 ging. Sie schrieben dann überzeugt und unbeirrt, Gaius Iulius Caesar sei 44 vor der Zeitenwende gestorben. Wem’s gefällt. Wieso im Umkreis des einstmaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz jemand auf die Idee kam, ausgerechnet eine Zeitenwende auszurufen, nur weil man informationstaktisch umdisponieren mußte und außenpolitisch erkennbar desorientiert war, werden die Zeitgeschichtler herauszufinden haben. Doppelwums hat immerhin Aussicht auf den Infantilitätspreis. Meine Frage geht in andere und weniger getösige Gefilde: Wann sprechen wir wieder miteinander, als seien wir Menschen, als könnten wir uns uns benehmen, als müßten wir uns nicht verunglimpfen oder haßerfüllt anschreien?

Auf solche Weise werden Ein- und Anpassungsübungen vorgenommen. – Dieser Satz stand am Ende des obigen Textes, hätte gelöscht sein sollen. Nun hat er es geschafft, doch noch durchzukommen. Ich lasse ihn gern hier stehen oder liegen. Texte sind Gewebe, auf gewisse Weise auch Wesenheiten. Seltsame Angelegenheiten. Manchmal erschauere ich.

Dauert nicht mehr lange

Dies an Rolf Dieter Brinkmann, der nicht höher konnte, als er kommen konnte

Wenn Künstler auf dem Kulturticket unterwegs sind, sind sie falsch abgebogen. Kultur ist die Volkstanztruppe und das Stummfilmprogramm; Theaterschönheit und die Stadtführung; das historische Wien; Porzellan und das Grüne Gewölbe. Anerkanntes und Benanntes. Benanntes heißt, es gibt bereits einen Namen dafür. Wenn es einen Namen dafür gibt, ist es gefangen und unschädlich gemacht. Raubtier im Käfig. Kunst ist einstweilen namenlos, sonst ist sie kaum einen Witz wert.

Dies an Rolf Dieter Brinkmann, der nicht höher konnte, als er kommen konnte

Action Painting

Mir ist danach, eine steile These aufzustellen, nämlich jene, daß die Wissenschaften einer jeweiligen Zeit dazu taugen sollen (Gesellschaftsauftrag), die eigentlichen Fragen unschädlich zu machen. Unschädlich zu machen bedeutet, sie wegzuerklären. Als wären sie nie gewesen. Es gibt keine machtfreien Räume, selbst wenn wir sie uns wünschen. Kein Wort ist harmlos. Das macht in verdächtigender Zeit das Sprechen so kompliziert. Kultur ist nicht Kunst, umgekehrt auch nicht. Nur damit das klar ist.

Action Painting

Was ist Geschichte

Es war süß, daß sie uns ermutigten, nämlich: daß aus Fehlern zu lernen sei, und daß historisch anerkannte Fehler dazu führen möchten, daß fürderhin solche zu verhindern wären. So wurde ich erzogen, studierte die Wissenschaften der Geschichte, alte und neue. Schnell verliert man sich im Gefimmel der Rechthabereien. Schulen trumpfen aufeinander ein. Damals stand Geschichte als historische Sozialwissenschaft im Trend, das war die Bielefelder Schule, die war anerkannt. Mir war das, gesund wie ich war, ein Achselzucken wert. Vermutlich war es für die Protagonisten solch trister Ideen eine Errungenschaft. Die Geschichtsschreibung endlich zu entpoetisieren, zu entsubjektivieren, zu entheroisieren. Denn es wären doch die Strukturen, solche nämlich der Macht und der Interessen, die zu benennen und zu erkennen seien. Eigenartig nur, daß solche Erkenntnis oder auch nur ein Bemühen, diesbezüglich zu forschen, vollkommen abhanden gekommen sind. Fragte man früher falsch, fragt man heute falsch nicht. Das verstört mich. Dieser Text ist eine Skizze. Ich gebe ihr eine würdige Überschrift.

Was ist Geschichte

Muttersprache

Ich unterstelle, daß die Leute sich selbst nicht ernstnehmen. Sonst könnten sie unmöglich sprechen, wie sie sprechen. Oder sie sprechen, wie sie sprechen, weil sie denken, daß so zu sprechen das richtige und bestmögliche Sprechen ist. Wer kann das wissen. Jedenfalls sprechen sie. Irgendwas muß man ja sagen. Müßte ich nun ebenfalls sprechen, wie sie sprechen? Anschlußmotiviert. Zugehörigkeit bedeutet das. Siehe die Spatzen. Ich nehme mich ernst, auch um zu lachen. Nehme ich mich nicht ernst, ist das anfangs gut, später muß ich weinen. Oft nur innerlich, den Umstehenden zuliebe. Benutzte ich Wörter und Phrasen, die aktuell hoch im Kurs sind, und ertappte mich dabei, fiele es mir schwer, solches zu verzeihen. Ich verdanke das meiner Mutter, die einmal sagte, ich spräche noch früh genug wie alle anderen.

Muttersprache