August ist da, hurra. Als ich ein Kind war, las ich den Monats- wie einen Männer- oder Clownsnamen mit Betonung auf der ersten Silbe. Man brachte mir anschließend bei, wie es richtig heißt. Später kamen Katharsis und Chihuahua dazu oder Siobhan als irischer Vorname. Edinburgh ist eine Stadt, deren Name ausgesprochen sein will. Sprechen erzeugt Laute, die zu hören sind und verstanden werden möchten. Die Mühen sind anerkannt.
Autor: Holger Tegtmeyer
Geringe Fluchtdistanz
Ich war schon recht müde, als ich ans Wasser trat. Durch die Baumstämme und das Ufergestrüpp hatte der See strahlend blau geleuchtet. Weiße Boote tanzten darauf. Zuvor hatte ich mich verlaufen und war an Müllabladestellen vorbeigekommen, hatte sie photographiert und mich der Kindheit erinnert, als es üblich zu sein schien, seinen Abfall in den Wald zu fahren und in eine irgendeine Senke zu kippen. Da waren wir längst zur Wegwerfgesellschaft degeneriert. Ex und hopp hieß das. Während der Autofahrt Fenster runter und raus damit. Eine Unart nannte das die Mutter, der Vater als Müllfachmann und Amtsinhaber suchte im Waldmüll nach Papieren, die auf den Namen des Missetäters hätten schließen lassen, wurde manchmal fündig. Mich als Kind packte das Grauen angesichts solchen Frevels. Verstörendes Verhalten mancher Menschen, man gewöhnt sich nie daran. Bevor ich hinunter in den kühlen Spreetunnel stieg, hüpfte vor mir ein Rotkehlchen auf und ab. Ich nahm das als gutes Zeichen.
Das dicke b
Schreiben ist schreien, nur leiser.
Grau wie das Blut
Der Körper weiß es immer schon. Es dauert etliche Zeit, bis endlich sogar das Bewußtsein versteht, daß es etwas zu wissen gibt und sich der Sache annimmt – auf seine gewissenhaft umständliche, bürokratische Weise. Das Bewußtsein ist die Regierungs- und Aufsichtsbehörde des sozialen Individuums und empfängt täglich Anfragen, Bitten, Befehle. Das führt oft dazu, daß es heillos überlastet ist und in Routinen ausweicht. Was einstmals funktionierte, dürfte auch diesmal noch hinreichen. Da der Körper es eher weiß, sendet er Signale. Die können überhört und mißverstanden werden. Das Bewußtsein hält sich für allmächtig. Es ist stolz auf seine Techniken. Der Körper hustet sich was oder blutet oder eitert oder entzündet sich an befremdlichen Stellen.
Schandmale der Abhängigkeit
Arbeitet man sich durch bis Ferien- oder Urlaubsbeginn, ähnelt das einer Zieleinfahrt. Die verbleibenden Kräfte werden bis zu jenem letzten Moment des Eintreffens rationiert und portioniert. Eine psychologische Grenze, die insbesondere den Körper betrifft. Erschöpfung, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit. Euphorie nur bei der Überschreitung der Meßgrenze. Anschließend der Versuch, sich auszusteuern unter Nichtbelastung. Man hängt herum wie ein nasses Handtuch, auf einen Plastikstuhl der Marke International gepfeffert, von einem Jugendlichen, der glaubt, seine Mutter hängt das später noch ordentlich auf, nämlich auf die Leine, oder der emsige Stiefvater, der zu gefallen versucht, bis er darauf verzichtet. Dieser Tage könnte ich auf meinen Namen verzichten. Er hört sich fremd an. Gestern mußte ich ihn buchstabieren – nein, das war vorgestern. Ich komme mir vor wie ein Tier in Käfighaltung, das sie rausgelassen haben. Ich tapfe (tapse) entlang der Mauern der Legeherberge oder Erbringungsanlage und blinzle ins fremde Licht der gestundeten Freiheit.
23:27 Uhr, Dienstag, Ende Juli
In diesem Halb-und-halb-Sommer mit wenig Hitze, viel Wind und Wetter, gemischten Gefühlen und zerstreuten Gedanken, einem Hin und Her der Tagesform und einem inneren Auf und Ab frage ich mich, wie es weitergeht. Morgen ist auch noch ein Tag, möge er mich stabilisieren. Ich denke an meinen früheren Mitbewohner M, der eines Tages sagte, er fühle sich wie eine hin und her geschossene Flipperkugel in einem aufgeregt blinkenden und synthetisch lauten Automaten. Es gibt solche Phasen, und man spricht von Phasen, da man hofft, daß sie enden. Ich sehe gar nicht erst auf die Wettervorhersage, die ändert ja nichts. Vorhin war es recht schön, da saß ich an einer Straßenkreuzung und sah dem großstädtischen Leben zu, notierte auch was.
Selbstberuhigung
Wenn ich mich zu langweilen beginne, stelle ich Wortlisten zusammen. Zum Beispiel diese vom Beginn des Jahres: Küchengarten. Krisengespräch. Kupferpfanne. Grabenkrieg. Selbstauslöser. Magerquark. Heidenspaß. Lungenklinik. Zungenbrecher. Nasenwurzel. Mondlandung. Katzenwäsche. Zangengeburt. Krötentunnel. Suppenhuhn. Muskelkater. Mantelvertrag. Jetzt kann der Zettel weg.
Zwischen Nachmittag und frühem Abend
Einmal hat sich ein Eichhörnchen verlaufen, kurvt in Eilsprüngen um die Tische des Cafés, bemerkt, daß es zwischen uns falsch ist, jagt auf die Straße, durchquert den Kreisverkehr, erreicht unbeschadet die baumbestandene Mitte, wählt einen der Bäume und klettert eilends hinauf. Kurz darauf kommen Herr und Hund. Müßte ich ein Bild von ihm, dem Hund, zeichnen, lautete sein Titel Der gute Kamerad. Schon hat er die Trinkschale neben dem Eingang gesichtet und strebt darauf zu, schlabbert auf Hundeart das Wasser ein, die Zunge wie einen Löffel benutzend, kehrt durstgestillt zu seinem Chef zurück und sieht an ihm hoch. Chef ist anderweitig beschäftigt, blickt auf den Bildschirm seines Smartphones. Kamerad setzt sich nieder, ruht aus, sieht dem Wind zu, wie er das Gras umbiegt und in eine Richtung kämmt.
Keinen Blödsinn machen
Es ist nicht normal zu leben
Tief sei die Nacht, versprachen die Romantiker und ersannen eine Welt unterhalb, oberhalb, seitwärts und abwegig der bekannten und geklärten. Ein Rettungsversuch für das Geheimnisvolle, Unerkannte, Schützenswerte. Da sie ahnten, was geschehen könnte, ergäbe sich der forschende und strebende Mensch dorthin, wo Wißbegier und Ausprobieren umschlagen ins Verderben. Menschen machen nirgends halt, wir haben das gelernt oder lernen müssen. Der Fortschritt waltet weiter. Manchmal die Hoffnung, daß daraus doch noch was wird. Andererseits die Furcht, daß Menschen die Gunst vergeigen. Welche Gunst, wird erfragt werden. Ich weiß das nicht.