Wenn die Dinge sich festfahren, wird es interessant. Das erleben wir derzeit. Die alten Rezepte und eingebleuten Parolen simmern ab. Politisch sowieso, kulturell ebenso. Das Kulturelle ist entscheidend – wie wir tun, was wir tun. Deshalb ist der Totenkult entscheidend. Der Blick geht vom Ende zum Anfang, niemals umgekehrt. Niemand kann sein Ende sehen. Man hat die Leute gegeneinander in Stellung gebracht mit Hilfe gräßlicher Parolen. Nun beruhigen sich die Beunruhigenden und die Beunruhigten. Das bedeutet nicht, daß anschließend Ruhe eintritt. Wo Menschen agieren, ist selten Ruhe. Doch Gespräche werden wieder möglich. Hat lang genug gedauert. Bin nicht gespannt, was die sogenannte Künstliche Intelligenz ausspuckt, wenn gefragt würde, was Kultur ist. Übrigens bin ich für das Experiment. Sollen die Menschen doch mal schauen, wo sie bleiben.
Autor: Holger Tegtmeyer
Harte Schläge von unten
Nutzen Sie das Verkehrsangebot der BVG. Ich rumple im Bus der Linie sonstwie über die Clayallee und den Hohenzollerndamm (bereits die Namen entzücken das historische Herz – da kommt zusammen, was zusammen gehört) zum Fehrbelliner Platz und denke: Heilige Scheiße, sind diese Straßen kaputt – im seligen Westen der geeinten Stadt. Als Kind vom Dorf war ich verurteilt, morgens bei Wind und Wetter um 7 Uhr 5 in den Bus zu steigen, um zur Schule zu kommen (wohin ich nicht wollte, lediglich mußte). In Bussen überfallen mich Enge und aufkommende Panik. Froh, da wieder raus zu dürfen. Pfff schließt sich die Tür. Lieber in den Untergrund und durch die Tunnel brettern. Wie vertrauensvoll und arglos die Leute an der Bahnsteigkante stehen. Als hätten sie noch nie von U-Bahn-Schubsern gehört. Ach, man beginnt dauernd von vorn.
Vielmehr Mitleid
Derweil ich die Winde bewundere und beleidige, geht das politische Laienspieltheater weiter. Bald greift jeder jeden an und wähnt sich im Recht. Die meisten Leute, die ich kenne, üben bereits Nachrichtendiät. So sehr ich das verstehen kann, überzeugt sie mich nicht. Mein hilfloser Stolz besteht darin, die üblen Nachrichten auszuhalten und mir etwas durchaus Eigenes dazu zu denken. Ich ziehe Erfahrung heran und schalte Instinkte scharf. Werde ich propagandistisch beschossen und penetriert, suche ich die Ursache solch inhaltlich-argumentativer Schwäche. Warum haben die das nötig? Politik ist ein dreistes und dreckiges Spiel. Man ist froh, daß es welche gibt, die sich dafür hergeben. Dies ganz ernsthaft gesprochen. Ich beneide sie nicht.
Anschließend Sonnenschein
Vorhin fuhr der Wind in die Welt, als sei er ein Besessener. Er preßte die Hitze aus dem Raum, zerteilte und zerfetzte sie, trieb sie mit seinen Kräften fort, ohne vollständig zeigen zu müssen, was er kann. Er brachte auch Regen und unterbrach den Schienenschnellbahnverkehr (S-Bahn). Bitte nutzen Sie die Angebote der BVG. So geriet ich nach Hause. Erneut starb jemand, wurde vom Sturm erschlagen, diesmal in Potsdam. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.
Für
Ein großes Innehalten. Nach den Winden, nach dem Sturm. Die Welt wird wieder weit. Gestern habe ich den Wind angeschrien, nannte ihn einen Idioten. Das war undankbar. Siehe das Gedicht An den Mistral von 1887. „Wolken-Jäger, Trübsal-Mörder, Himmels-Feger, Brausender, wie lieb ich dich!“ Ein Tanzlied auftrumpfender Stärke. So kommt die Berliner Feuerwehr zu fünfhundert Einsätzen, und eine Frau im Spandauer Forst wird in ihrem Auto von einem niederstürzenden Baum erschlagen. Naturgesetz und Naturgewalt. Gnade stammt aus einer anderen Sphäre. Natur ist die Verschwenderin aus Fülle, Fruchtbarkeit und Vernichtung. Sage jedoch niemand, das Individuum zähle nicht. Das ist unsauber gedacht. Man kann aus diesen Alles-oder-nichts-Labyrinthen herausfinden. Froh, daß es dich gibt.
Zurücktreten lernen
Es ist wunderschön und erleichternd, wenn die anderen es machen. Ich möchte nicht sprechen müssen. Mir wäre lieb, ich könnte abseits gewissermaßen verschwinden. Wie gut, daß es Leute gibt, über den Globus verstreut, die verstehen. Ich verspreche, fortan weitere Künstler vorzustellen.
Sommerfeuer, ein Lied, das Leben
Da ist es
Bei sich bleiben
Kühe muhen, Schweine quieken, Getreide knistert
S.G. Goodman kommt vom Bauernhof, ich habe es sogleich gedacht. Seit zwei Jahren höre ich ihre Songs, manchmal oft, dann wieder nicht. Jedesmal berührt mich etwas, das ich nun verstehe. Es hängt damit zusammen, daß wir aus ländlicher Gegend stammen und dort das Leben lernten, als Farmerstochter oder als Bauernsohn. Hinzu tritt das Religiöse: sie wurde in Kentucky baptistisch erzogen. Ich bin zwar konfirmiert, doch konfessionell ungebunden. Scheint so, als könnte ich spüren, daß jemand nicht der leeren Norm entspricht. Soeben erschienen ist ihr neues Album, Planting by the Signs. Ich habe noch nicht gehört. Doch ich weiß, daß aus solcher Herkunft eine doppelte Abwehrhaltung erwächst. Zunächst und allererst gegen die der Herkunftsbestimmung, zweitens aber und später wichtiger die gegen die Einvernahmungsautomatismen der modernen Welt. In solcher Spannung zu leben erzeugt Streß. Künstlerisch geht das aus.