Also schweigen wir

Ach, ich möchte deutlicher werden. Es kotzt mir aus der Seele. Die vergangenen Jahre sind mir deutlich wie eine Alptraumzeichnung stupider Machart, eine Quälerei der Sinne, eine Vergewaltigung der Vernunft. Es kommen nur Töne aus mir, fragt mal jemand nach. Der Körper bebt noch immer. Es fragt niemand nach. Die, die fragen könnten, sind froh, daß es vorbei ist. Es ist eine Angelegenheit, die tabu gesetzt worden ist. Nicht darüber zu sprechen bestätigt und festigt das Tabu.

Also schweigen wir

Der lange Weg zurück, ohne daß es ein Zurück geben kann

Ich möchte meine Freunde stärker ehren. Mir ist, als wäre ich gelähmt gewesen und hätte nicht zeigen könne, wie sehr ich. Schubweise lösen sich meine Beklemmungen, doch ich stecke teilweise leider weiter fest. In Anläufen und immer neuen Heimsuchungen kehrt die schlimme Zeit zurück, als sie mich hier aussonderten und einer G-Klasse zuordneten, die minderwertig war. Mir blieben folgende Zugänge: Ich durfte arbeiten und zur Arbeit fahren und im Supermarkt einkaufen. Mehr nicht. Das war’s. Um zur Arbeit fahren zu dürfen, benötigte ich tagtäglich einen Test. Ich ging zum Reisebüro, das zur Teststation erhoben war, ließ mir mit Stäbchen in der Nase bohren, daß mir Tränen aus den Augen schossen, ging eine Runde um den Block, meist in Richtung Tempelhofer Feld (Himmel, Erde, Wolken), kehrte zurück und bekam von der Teststation den Befund, daß ich zur Arbeit fahren dürfe. Das Testergebnis legte ich pflichtgemäß meinem Arbeitgeber vor, so daß ich eintreten und arbeiten durfte. Dort arbeitete ich hinter einer Plexiglasscheibe, die als Spritzschutz deklariert war. Ich war Zeuge, wie ein Kollege auf offener Straße einen Test machen mußte, sonst hätten sie ihn nicht hereingelassen. Was ist los? fragte ich ihn. Er sagte: Die haben einen Schuß. Kleiner Sprung: Ich erinnere mich auch des Gesprächs (vor drei Monaten), als ich mit einer Engagierten politisch über Aussonderung sprach, und sie nicht verstehen konnte, daß ich aus einer solchen Erfahrung komme und spreche. Mir wäre es lieb, wenn man mich nicht nur hörte, sondern verstünde.

Der lange Weg zurück, ohne daß es ein Zurück geben kann

Haben, sein, können, wollen

Wir sind alle erschöpft. Das ist ein schöner Satz. Nach einem solchen Satz fällt es schwer, einen weiteren schönen Satz zu plazieren. Ich versuche es. Wir sind bedürftig. Es soll nicht länger gequält werden. Die Mächte möchten sich in ein Einvernehmen bringen. Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen, wir sind es leid. Wir sind nicht getrennt, also versuche man nicht neuerlich, uns zu zertrennen. Mitternacht durch, ich gehe schlafen, versuche es. Nicht die Leute wollen den Krieg, sondern die Mächte. Benennen wir sie.

Haben, sein, können, wollen

Das helle Café

Es war noch ein wenig kühl. Es gab ein Innen und ein Außen. Das Café verwandelt sich des Nachmittags zum Abend und wird Bar. Ein heller Ort, nirgendwo sonst sind wir so wie dort. Es wurde gefragt, ob es uns recht sei, wenn die großen Fenster geöffnet würden. Es war uns recht und verband außen und innen, so daß es seltsam war, die vor dem Fenster plötzlich ohne Fenster zu sehen. Das Bewußtsein ist langsam, es weiß meist als letztes, was geschieht. Den Bäumen geht es gut, dem Hund ging es sonderlich gut auf der Bank neben dem Freund. Hunde werden nicht alt, deshalb vielleicht zählt jeder Augenblick stärker. Der Hund hielt die Augen geschlossen. Es war ihm recht, wie alles ist.

Das helle Café

Schnäbel

Es ist gut, vom Rand her zu kommen, nicht dazugehört zu haben. Das schärft die Sinne und den Verstand. Zu wem würde man denn gezählt haben wollen. Mit welchen Milieus mag man sich denn eingelassen haben und für wie lange. Wohin strebt das soziale Begehren. Fragen dringen ins Herz der Ungewißheit und durchbohren den schwachen Panzer des Verschweigens. Man darf sich klären, sonst besorgt das die gnädige Zeit. Ein Lebensweg ergibt sich nicht von selbst. Entlang der Strecke hocken Geier im Dunkel hoher Bäume und Felsen. Geier sind mir lieber als Truthähne.

Schnäbel

Es müßte in uns selbst beginnen

Ich erhole mich vom Leben durchs Schreiben. Indem ich es sage, banne ich das Schlimme. Das Schöne und das Wahre feiere ich in Worten in immer neuen Anläufen, denn niemals ist das Leben alt. Ich werde nicht aufhören, mich darüber zu wundern: daß etwas ist (in solcher Fülle und Pracht) und nicht vielmehr nichts. Deshalb zürne ich den Menschen, die sich an der Pracht und Fülle des Lebens vergehen. Sicher vergehen sie sich auch an sich selbst. Siehe nur ihre armseligen Gärten und Gedanken. Sie machen alles klein und dumm. Das Viele ergibt unter ihrem fruchtlosen Bemühen keine Fülle, sondern bloße Zählbarkeit. Wie konnte es kommen, daß wir den Quantitativen die Herrschaft überließen? Wir leben in vollständiger Entgeisterung und haben es noch immer nicht genug bemerkt. Das Leben kann sich jederzeit erholen.

Es müßte in uns selbst beginnen

Nichts existiert nicht

Der Abend wir eingeläutet, ich träume in den Garten hinaus. Alles ist bewegt, das macht der Wind. Die Stimmen der Menschen klingen verändert zum Feierabend, sie klingen nach getaner Arbeit. Hier steht ein Fahrrad ohne Hinterrad. Hier sitzt ein Stoffbär auf der Fensterband und sinnt vor sich hin. Hier sitzt ein Mensch an einem Tisch und tippt auf die Tasten. Warum tut er das? Er möchte etwas sagen, er möchte sich verbinden, er sendet seine Worte ins große Nichts.

Nichts existiert nicht

Freitag nach dem Feiertag

Natürlich gibt es die Deutschen nicht. – Man kann solchen Satz unterschiedlich betonen. Ich möchte ihn heute so verstehen, daß es die Deutschen eigentlich nicht geben kann, sondern immer nur bestimmte Deutsche, die dann als ‚die Deutschen‘ wahrgenommen werden. Jeder weiß, wie problematisch es ist, den Mitgliedern großer Kollektive gemeinsame Merkmale zuzuschreiben; wir kennen auch die Rede vom sogenannten Nationalcharakter, ebenso die endlose Suche nach dem deutschen Wesen.

Es gab zahllose Versuche, sich ihm zu nähern. Spontan kommen mir Syberbergs Filme in den Sinn: Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (1972); Karl May (1974); Hitler, ein Film aus Deutschland (1977-1980). Ich denke auch an den „deutschen Sonderweg“ in der Geschichte, wie er eine Zeitlang von Historikern thematisiert und problematisiert wurde. Als die Deutschen noch verteilt auf zwei Staaten lebten und die Trennung sie neurotisch machte, verging keine Woche ohne ein „Nachdenken über Deutschland“.

Wer also sind wir? Welche Eigenschaften schreibt man uns zu? Man greift in den Beutel und zieht Kapseln wie bei einer Lotterie, öffnet sie und entrollt beschriftete Papierstreifen, auf denen beispielsweise zu lesen ist:

Rechthaber. Klugscheißer. Besserwisser. Ordnungsfanatiker. Denunzianten. Richter und Henker. Gemütlichkeit. Romantik. Idealisten. Ingenieure. Handwerker. Zwanghaftigkeit. Perfektionisten. Homogenität. Provinzler. Speichellecker und Radfahrer. Untertane. Tollpatsche. Sturzkampfbomber. Endsiegspezialisten. Biertrinker. Grillmeister. Jagd- und Forstaufseher. Kindergärtner. Schulmeister. Weltverbesserer. Getrenntzahler. Vereinsmeier. Herrenmenschen. Neidhammel. Berührungsängste. Fanatiker. Kleingärtner. Krähwinkelei. Schwermütigkeit. Grübelei. Tiefschürfer. Selbstunsicherheit. Flucht nach vorn. Mustermänner.

Ach, die deutsche Angst. Angst in allen Ausprägungen, hinzu noch die Angst vor der Angst. Seit die Deutschen sich sensibel geben, ist noch mehr Angst dazu gekommen. Angst, etwas falsch zu machen. Deshalb sind die Deutschen die Richtigmacher, und aus ihrem Richtigmachen haben sie Regeln und Vorschriften deduziert, mit denen sie die eigenen Leute und die fremden Leute pädagogisieren. Deutschland ist Richtigland und muß es bleiben, denn einst war es Falschland. Das soll es nie wieder werden. Daß es eine Dialektik gibt, nach der das Richtige ins Falsche umschlagen kann, scheint derzeit wenigen bewußt zu sein. Endlich sind Freund und Feind im Bürgerkrieg kaum mehr zu unterscheiden. Methodische Angleichung und Annäherung im gemeinsamen Werk: dem der Zerstörung.

Gestern war Feiertag. Heute ist der Tag danach. Die Sonne scheint. Die Deutschen sind mir egal, ich habe mit denen zu tun, die ich mag. Stoße ich auf welche, die ich nicht so mag, versuche ich sie mir schön zu machen. Dies geschieht, indem ich sie behandle, wie ich behandelt werden möchte: freundlich, zugewandt, hilfsbereit. Sind sie ganz schlimm, erprobe ich die positive Neutralität. Ich gönne den Schlimmen keinen Haß, selbst wenn es in mir tobt. Beim Schreiben darf es anders sein, da mag ich die Schärfe, hin und wieder. Wohl fühle ich mich anschließend nie, eher beklommen. Als hätte ich zuviel preisgegeben, als müßte ich mich meiner Leidenschaft schämen. Das wiederum ist vermutlich sehr deutsch.

Freitag nach dem Feiertag