Er darf alles

Weiter unten redet Leonard Cohen mit einer Fragestellerin. Mir mißfällt, daß er mit ihr flirtet. Das gesamte Gespräch gerät derart auf eine schräge Bahn. Es wird zum Spiel zwischen zwei Leuten, wir sehen und hören zu, dürfen-müssen das beobachten, bestaunen, bewundern und so weiter. Der große Held baut ein Zelt aus Intimität und läßt sich dabei filmen. Ich empfinde das als unpassend. Den entscheidenden Satz, den er sagt, mag ich sehr. Sich heilen zu lassen von der Annahme, man sei krank. Exakt darum geht es. Allerdings nicht einfach so. Dazu später mehr oder niemals.

Er darf alles

Lehre und Leere

Manchmal schon, ich greife ständig vor, ein Gefühl von: Ich bin ja noch da, keine Sorge, fragt nur nach. Als sei ich demnächst woanders, als wäre es so weit. Noch nicht der Tod, sondern ein anderes Verschwinden. Ich habe keine Ahnung, was genau geschehen wird. Ich habe nicht einmal eine Ahnung des Ungefähren. Was also meine ich zu spüren, außer vielleicht Erschöpfung? Ich weiß es nicht. Doch ich weiß, daß ich mich an Deutschland und seinen Gesellen abgekämpft habe. Ich möchte nichts mehr sagen zu irgendeiner jeweils aktuellen Bundesregierung. Die Schwierigkeiten sind vielfältig und groß, der Geist wird wachsen dürfen. Es hilft nicht, daß ich den Kopf schüttele. Man soll sie scheitern lassen, hat man mir gesagt. Gewiß werden sie das.

Lehre und Leere

Das Geräusch der Blätter und Gräser im Wind

In den Hof gerannt, zum Himmel emporgeblickt – schon sind sie da. Mauersegler. Ihre hohen Rufe, als schleife man Metall. Die Mittagswärme steht im Asphaltgarten, ein leiser Wind streicht ein. Hängematten-Idylle. Zeit für Hundert Jahre Einsamkeit, hätte ich es nicht bereits gelesen. Zeit für ein Buch, in dem man sich verliert. Endlich sind Garten, Buch und Mensch eines, und die Tiervölker und Pflanzenfamilien noch dazu, alles Teile eines Ganzen unter einem fast schon wolkenlosen Himmel. Zuverlässig schlägt das Herz im Takt des Lebens, der Brustkorb hebt und senkt sich. Wasser trinken, glücklich sein.

Das Geräusch der Blätter und Gräser im Wind

Grabsprüche

Müßte ich eine kleine und bescheidene Rede halten an die derzeit Mächtigen dieser Hemisphäre (Ost und West), begänne sie mit den Worten: Nun haltet doch endlich mal ein. Ihr seid fürchterlich. Zweitens langweilt ihr. Niemand ist begeistert, wir sind entgeistert. Ihr seid die Leute, denen wir später ein Denkmal setzen für entsetzliche Vorhersehbarkeit.

Grabsprüche

Willi

Ich will, daß du nicht willst. Du willst, daß ich will. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich bin kein Freund der Willensphilosophie. Mögen sonstwelche Leute sonstwas wollen, ich werde mich nicht danach richten. Dein Wille sei mir Befehl. Nein, nicht einmal als Wunsch. Wir kriechen nicht umeinander oder voreinander herum. Vor mir möge sich niemand erniedrigen. Ich möchte nicht, daß man mir nach dem Munde spricht. Ich werde vor nichts und niemandem auf die Knie gehen. Schlüge man mir in die Kniekehlen und ich sänke zu Boden, dann wäre das kein Kniefall, sondern Mißhandlung. Wir wissen nicht, wohin die großen Dinge geraten. Aber wenn sie mit Furcht kommen und auf Angst setzen, dürfen wir uns menschlicher verbinden als zuvor. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.

Willi

Beim Leben in die Lehre gehen

Im wirklichen Leben sucht man sich seine Lehrer aus. Manchmal dauert es eine Ewigkeit, bis jemand gefunden ist, zu dem man paßt. Bis dahin schlägt man sich durch, lernt auf eigene Gefahr und schafft sich Regeln und Gesetze. Wie zusammengestoppelt sie auch sein mögen, man kommt damit schon ein Stück voran. In der Schule sind einem die Lehrer vorgesetzt, man braucht also Glück – wie bei einer Lotterie. Auf lange Sicht würde ich unterstellen, daß wir denen begegnen, die wir brauchen. Das gilt in beide Richtungen, also auch für den Lehrer oder Meister. Lernen kann ein hohes Vergnügen sein. Ich denke an einige meiner Schullehrer mit einer gewissen zärtlichen Rührung. Sie meinten es gut und konnten geben. Andere standen vor uns und ließen mich kalt. Wenn sie fachlich was konnten, waren sie erträglich. Ich war jedoch niemals gern einer von dreißig. Gruppen machen einen dumm, man muß sehr aufpassen. Ich wollte nach der Schule beim Leben in die Lehre gehen, doch dann geriet ich an die Universität. Das hat mir mehr geschadet als genutzt. Ich brauchte Jahre, um wieder sprechen zu lernen.

Beim Leben in die Lehre gehen