Feiertag

Achter Mai, und sie befummeln hier den Tag, an dem aufgehört werden sollte, im Krieg zu sterben. Im Pazifik waren sie noch nicht damit fertig, da dauerte es bis August. Achter Mai, und der Irrsinn hatte wenigstens hier ein Ende, jedenfalls vor achtzig Jahren. Gott, die Deutschen. Wäre ich nicht selbst einer, ich würde Sachen sagen … Wenigstens dies: Wenn die Deutschen eine Idee haben – geht in Deckung. Nicht sie haben eine Idee, sondern eine Idee hat sie. Auf der laufen sie bis ans Ende der Welt und notfalls weiter in die Wolken. Die halten durch, die Deutschen, die können das. Warnungen schlagen sie in den Wind, Vorsicht ist Defaitismus. Wenn Deutsche recht haben, sind sie im Recht. Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch ist nirgendwo so ausgeprägt wie hier, möchte ich behaupten. Außer vielleicht in den USA. Ich bin durch die deutschen Erziehungsanstalten gegangen, die haben was gemacht. Ich habe erst vor kurzem erlebt, was sie hier veranstalten, wenn sie im Besitz der einzigen Wahrheit sind. Deshalb sage ich – geht in Deckung. Soeben höre ich, die Deutschen möchten wieder eine Führungsrolle in Europa spielen. Sagt der neue Kanzler. Ich höre bereits den Applaus aus Polen, aus den Niederlanden, aus Frankreich. Und die Russen? Ja, über die muß ich auch einmal schreiben. Einstweilen möchten die Deutschen sie erziehen. Das wird was werden, das gelingt ja schon so außerordentlich gut.

Feiertag

Wenn die Sache klar wird

Als ich richtig anfing mit allem – mit leben, fühlen, denken, sprechen, lesen, schreiben -, da waren mir diejenigen gerade recht, die wie unverrückbare Monumente der Strömung im Wege standen, und ich war Mitte zwanzig, fraß die Gedichte von Robinson Jeffers und verschluckte mich daran. Ich hatte nichts dagegen, daß Denken gefährlich ist, und habe nichts dagegen, daß das Leben gefährlich ist, wenn es sich hinauswagt über die anerkannten und abgesteckten Grenzen und dort draußen durchschlägt, sonstwie-sonstwo, bebenden Herzens und hoffenden Sinns. Manchmal muß man ins Freie, um atmen zu können. In der Stickigkeit flackern die Seelenflämmchen am Docht ihrer knapper werdenden Reserven.

Wenn die Sache klar wird

Tagesgegenwart

Der Himmel ist wie blankgeputzt, Sonnenlicht durchflutet das Zimmer und zeichnet scharfe Schattenlinien. Ein Spatz kühlt sich den Bauch in der Wasserschale. Ich trete auf den Balkon, eine Taube flieht aus dem Haselnußstrauch. Das fettige Klatschen ihrer Flügel. Die Blätter des Strauchs färben sich jetzt erst grün. Es ist ein Leben in der Welt, daß sich staunen läßt. Gibt der Tod jetzt endlich mal Ruhe? Als ich heute früh das Tagebuch aufschlug, hätte ich fast geschrieben: Dienstag, 6. Mai ’45. In zwei Tagen ist der Krieg vorüber. (Der 6. Mai vor achtzig Jahren war ein Sonntag.) Das Leben lebt sich durch mich und drückt sich entsprechend aus, notierte ich noch. Also wird doch jeder gebraucht. Leben heißt Freude empfinden.

Tagesgegenwart

Nehmen und geben

Nachts kommen die Dämonen. Sie sind nicht die Geister des Geistersehers, sondern die Botschafter des Verdrängten. Das Verdrängte ist das Abgewürgte, das zum zweitenmal ermordete Leben. Die Folgen solcher Taten rotieren in uns, das geht über die Familie hinaus. Und was heißt schon Familie? Nach ein paar Generationen hat man viele, eine kleine Menschheit, im Schlepptau. Ich selbst wollte mich der Ahnen lange und mit Bedacht entkoppeln. Mir war ganz und gar und sehr vital nach mir selbst zumute, ich wollte ungestört sein. Mir ist, als gefiele dies den Geistern. Sie respektieren mich – ich sie.

Nehmen und geben

Zufall ist ein sprechendes Wort

Daß ich nirgendwohin gehöre, insofern frei bin, ist ein persönliches Spektakel. Keinesfalls ein Debakel, vielmehr beabsichtigt. Die Hemmnisse, die das Leben in den Weg wirft, sind Teil des Parcours. Wir wurden nicht vorgewarnt. Wenn man nicht mehr gehört, sollte man reisen. Andernorts werden neue Botschaften sein. Ich begreife das Leben eher schicksalhaft. Die Begegnung ist von Belang, ihre Bedeutung einstweilen unklar. Noch hält es mich hier, als sei Entscheidendes ungeklärt. Ich übe mich in der Kunst der lateralen Drift. Der Begriff stammt von Robert Pirsig und beschreibt eine Aufmerksamkeit in der Bewegung, die sich keinem Ziel zuwendet, da sie keines hat. Daher Aufmerksamkeit den Rändern zu, dem Zufälligen vielleicht.

Zufall ist ein sprechendes Wort

Leidenslanges Lernen

Die Zeit heilt alle Wunden. Auch das wurde gesagt. Da ich aber jung war, als es gesagt wurde, konnte ich das nicht glauben. Man kann nur annehmen, wofür man bereit ist. Ist man nicht bereit, geht man leer aus. So geht es zu im berühmt-berüchtigten Lauf der Zeit. Daß man sich jeweils für schlau und ausgebufft hält, gehört zur Selbstinszenierung menschlichen Lebens in der Natur. Ist man jung, will man tapfer sein und sich den Schrecknissen stellen. Ist man nicht mehr jung, sucht man sich seine Gegner aus. Sie lauern meist in der eigenen Brust. Ich wiederhole mir oder etwas wiederholt Problemkonstellationen, die das Leben stellt. Ich will sagen: ich mache mit, da ich muß. Sie werden gleichsam zugestellt. Es ist zum Haareraufen. Mit der nervenden Regelmäßigkeit einer Sirene oder einer dämonischen Hilfskraft werden Lebensthemen angeläutet und aufgetischt – auf daß ich sie diesmal verzehre und verstehe und die Lektion nicht ein weiteres Mal zu absolvieren habe. Gebet. Ich lache nun schon fast, wenn ich erneut in einer jener Klemmen stecke und neuerlich nach Luft schnappe. Papillonmäßig, falls man Buch oder Film kennt. Lernen kann gräßlich sein.

Leidenslanges Lernen