Die Frühfrühjahrsüberforderung ist dahin. Die Natur explodiert, ich explodiere mit. Jetzt könnte man sonstwas tun, und die Kräfte werden reichen. Ich habe Urlaub, was soviel bedeutet, daß ich mich im Besitz einer Erlaubnis befinde, eine festgesetzte Zeit nicht zur Arbeit erscheinen zu müssen. So leben wir hier alle Tage. Spätere Kulturen werden das staunend registrieren. Einstweilen wird der Spieß umgedreht, die faul und träge gewordenen Deutschen sollen wieder mehr arbeiten. Angeregt und losgestochert werden solche Appelle von jenen, die irgendwo oben in der Gehaltshierarchie dafür sorgen müssen, daß oben weiterhin genug ankommt. Man kann die armen Schweine verstehen, sie haben ja kaum was zu verschenken. Die Zeiten sind hart. Die Betriebe suchen händeringend Personal, man muß den arbeitsfähigen Leuten sonstwas bieten. Da muß dringend ein anderer Diskurs aufgelegt werden. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist insbesondere das eine der Aufgaben der zukünftigen Regierung.
Allgemein
Zur Erinnerung – Schritte im Tauschnee
Nein, kann ich nicht
Erneut und immer wieder Brinkmann. Er gerät nicht ins Vergessen. Anderes und andere gelangen dorthin, lagern abgelegt und halbvergessen herum und werden hervorgekramt werden, wenn eine zukünftige Gegenwart es will, da sie was braucht. Brinkmann legt los, schon bin ich wach. Wie gut, daß er diese Tonaufnahmen veranstaltet hat. Wir hören seine Schritte im Schnee, die Geräusche des Lebens damals in Köln. Was hat ihn, um Gottes Himmel, denn ausgerechnet nach Köln verschlagen? In London dann hat ihn ein Auto überfahren. Er schaute beim Überqueren der Straße erst nach links, dann nach – zack war er tot. So schnell geht das, Linksverkehr. Ich dachte früher, Brinkmann sei ein arrogantes Arschloch, den könne ich mir sparen.
Niveau ohne u ist Nivea
Rolf Dieter Brinkmann (16.4.1940 – 23.4.1975)
Entgegen der Windeseile
Früh schon auf, spät noch wach. Berührungen und Überschneidungen. Das Grenzland schwirrt. Gäbe es kein Bild dafür, könnte ich es zeichnen, edel und erhaben grau, Gelbeinschlüsse darin. Das Glück ist ein Geschenk des Himmels, doch es mag auch angenommen sein. Ich fürchte mich nicht länger vor der Liebe. Das ist ein Schritt.
Den Fährleuten sei Dank
Das Glücksempfinden nährt sich aus kleinen Geschenken, die Geschenke zu nennen nicht kitschig aufgefaßt sein mag, sondern wirklich. Tage mit stabiler Witterung, der Sonnenkreis steigt und weitet sich. Entlang eines Sees gelaufen, die Entgegenkommenden gegrüßt wie damals daheim auf dem Dorf oder im Wald oder auf den Feldwegen. Die Schrecken der Begegnung. Graureiher flogen ein. Boote mit Betrunkenen tuckerten entlang der Regattastrecke, es war Wochenende, da läßt man die eingesperrte Sau raus. Schon ist Nacht und ein neuer Tag angezählt. In Schmöckwitz stehen Neubau-Apartments am Wasser, gleich neben einem Jahrhunderte alten Baum; in eines davon sollte man einziehen oder sich einkaufen, wenn man ohne Nerven ist. Ich dachte an Andrej Tarkowski und Opfer. Steckt man einen Stock in den Strand, wächst daraus ein Baum.
Zuckertütenblues
Wäre ich ein normales Kind gewesen, das unter normalen Umständen heranwächst, hätte man mich als Kleinkind Tag für Tag, außer wochenends, in einen Kindergarten gebracht, in dem ich erste Erfahrungen mit Schaufel, Eimer, Sand hätte sammeln können, mit den Autoritäten und der Konkurrenz. Mir fehlt solche Erfahrung. Als ein primitiver und offensichtlich zurückgebliebener Dörfler wurde ich eingeschult und lernte Schlange stehen in der sogenannten Mittelpunktschule. Endlich war ich einer von ihnen. Ich weiß noch heute einige Namen und auch Riten aus der Initiation.
Mit der Taschenlampe
Ich wurde gewarnt vor den Schlangen. Das war nett gemeint. Doch ich mag Schlangen, würde niemals auf sie treten.
Sich fassen
Wie sehr und unterschiedlich wir sind. Die einen verschicken Blumen-Photographien wie zum Nachweis, daß es Frühling sei. Ich las als Unterschrift einer solchen Abbildung dessen, was natürlicherseits geschieht: Hoffnung auf den Frühling. Sie (diese Formulierung) führte mich zurück in älteste Angst: daß es nie wieder warm wird und ewiger Winter anbricht. Angst als fast schon urzeitliche Befürchtung, nicht als Fast-schon-Gewißheit. Die anderen warten ab, halten sich bedeckt, kehren ein und trinken drei kleine Bier. Anschließend schnell nach Hause, bevor die Müdigkeit einen auf halbem Weg noch köpft. In solch wunder Zeit schmeißen sich die Leute vermehrt vor die Züge. Zweimal bereits saß ich in einem, als solches geschah. In der S-Bahn kurz nach Ausfahrt des Zuges aus der Station Friedenau in Richtung Schöneberg (Ringbahn), in der U-Bahn (U7) am Hermannplatz kurz nach Ausfahrt des Zuges Richtung Hermannstraße (Endstation). Wer sich auf solche Weise umbringt, zerstört nicht nur sich selbst. Ich habe die Durchsagen der Zugführer noch im Ohr, als sie mitzuteilen versuchten, daß es nun nicht weiterginge, daß etwas passiert sei, daß wir uns gedulden müßten. Zitternde Stimmen von Menschen, die sich zu fassen versuchten.