Auf die kleinen Begebenheiten

Wie Geschichten entstehen – ich weiß auch nicht. Sie geschehen, man kann sie bemerken. Sonst entgehen sie. Ich stehe und fahre in der U-Bahn und sehe, daß eine Frau ein Buch liest, es dann, da sie aussteigen muß, in die Tasche packt, und ich erkenne, daß sie Stories von Raymond Carver liest, und wenige Minuten später steige ich ebenfalls aus der Bahn und höre Sun Kil Moon, der Raymond Carver erwähnt. Das bezaubert mich, deshalb soll das Lied hier sein in meinem Café der gemischten Gefühle und ausschweifenden Gedanken. Es ist Ostern.

Auf die kleinen Begebenheiten

Lange Momente

Daß mir Zeit stets genommen, kaum je gegeben ist – lautete ein eingeübtes Vorurteil. Seit dem letzten Winter verhält es sich umgekehrt. Eine Woche wird zu einem Monat, dehnt sich aus zu einem Jahr (Übertreibung). In Hülle und Fülle stehen die Zeiteinheiten bereit, gestaffelt nach Sekunden, Minuten, Stunden und so weiter. Sie gehen mir nicht auf die Nerven. Das hat damit zu tun, daß ich frei habe. Das hat damit zu tun, daß ich frei fühle und denke und lebe. Das Herz schlägt ruhig, zählt sich nicht.

Lange Momente

Nichts los hier, von wegen

Ein kleines Denkmal, einen Altar für Brinkmann? Ich würde abraten, man soll sich im Gedenken und Bedenken nicht vergreifen. Vielleicht entdeckt die Stadt Vechta ihren unerkannten Helden, doch wichtig ist das nicht. Selbst Köln könnte aufspringen, hat er sie doch gut bedacht. Brinkmann klingt wie ein Schuh- oder Elektrowarengeschäft, deshalb vielleicht war der Buchhändler so irritiert, als ich Rom, Blicke bei ihm bestellte. Endlich möchte ich auch das noch lesen, derzeit beschäftigt mit Westwärts 1&2, woraus ich noch zitieren werde. Brinkmann könnte mein Vater sein, doch ich bin froh, daß er es nicht ist. Lang lebe die Differenz.

Nichts los hier, von wegen

Fachwerkhaus

Ich sehe mein Elternhaus wie ein Haus, das ich schön finde, aber nicht zu besitzen wünsche. Es ist kein Haus wie andere Häuser auch, denn ich weiß, was dort vonstatten ging, damals. Ich erinnere mich an die Kühle der Fliesen im Flur, wenn der Sommer da war und alles nach draußen schnellte und wir nicht aufhören konnten zu toben. Patsch patsch patsch barfuß in die Küche, schnell ein Glas Wasser trinken, schnell wieder raus zu den anderen, weiterspielen. Ich lag dort krank im Bett, Nierenbeckenentzündung, sechs Jahre alt, und hörte die Kinder, zu denen ich gehörte, draußen spielen und lärmen. Ich durfte nicht zu ihnen, ich hatte Schmerzen bei jedem Pinkeln und sollte heilen. Endlich war ich einmal heil und endlich wieder frei. Ich kenne jede Entfernung dort und könnte blind die Zimmer finden. Daß es nun in andere Hände gerät, schmerzt mich nicht. Ich laufe weiter und kann niemals zurück. Mein Elternhaus ist ein Kinderhaus. Und ein Wehschmerz fällt mich an zum Abschied.

Fachwerkhaus

Später schickt man ihn auf die Reise

Die Wolken hingen tief und übten Druck aus auf die Stadt und ihre Bewohner. Unerwartete Winde fauchten durch die legendär langen Straßen. Es gab Pommes mit Majo und Ketchup, und die Tauben schissen das Pflaster voll. Der Verkehr verkehrte, doch es regnete nicht. Es war ein Tag, um sich in eine öffentliche Bücherei zu flüchten und etwas über Drachenbau oder Kernphysik zu lesen oder einen abgrundtief wahren Liebesbrief zu beginnen.

Später schickt man ihn auf die Reise