Nachtflug

Vielleicht sind wir hier gemeinsam miteinander im Lauf der letzten Jahre verrückt geworden und können uns nun gegenseitig unsere schönsten Verrücktheiten präsentieren, stolz wie Amputierte oder Kriegsversehrte, die immerhin darin wetteifern, wer den schwersten Schaden und die tiefste Verletzung erlitten hat, ganz nach Maßgabe älterer Bücher und Berichte aus den Straßen und dem Untergrund der Metropolen. Ich denke an Antoine de Saint-Exupérys Citadelle (deutsch: Die Stadt in der Wüste). Jenseits der Flüsse und Ozeane setzen die Verrücktheiten sich fort, man müßte weltweit Trophäen verteilen. Hierzulande wollen sie kriegstüchtig sein oder werden, es ist zum Schießen.

Nachtflug

Zwischenstandsangabe Ende März

Daß wir nicht tot sind, heißt fast schon leben. Ich belle hier herum wir ein kleiner Hund, der nicht schlafen kann. Irgendwas stört ihn, irgendwas hat er vernommen. Die Nächte sind kühl, tagsüber weht der Wind, es hat auch geregnet. Ich lief herum und wärmte mich durchs Gehen, weniger als Hund, eher wohl als Mensch. Die Wohnung ist klamm, der Ofen zieht nicht. Andere haben Probleme mit der Zentralheizung, warten auf den Handwerker. Bauernweisheiten weissagen einen trockenen Sommer. Ich habe jetzt bereits genug von der Zukunft, kapriziere mich auf jeden einzelnen Augenblick meines Lebens. Ich ahne, daß wir geliefert sind. Zugeben würde ich es nicht. Mir wäre auch, als hätte man die längst überfälligen Wunder nicht einbedacht.

Zwischenstandsangabe Ende März

Watt

Da die Zeiten sind, wie sie sind, benehme ich mich danach oder tue es nicht. Ich spreche darüber, wie ich die Verhältnisse wahrnehme. Wer widerspricht, ist mir lieb. Ich möchte nicht rechthaben, denn vom Rechthaben sind wir schon ganz wirr im Kopf. Mögen die Wellen tanzen, sollen die Wolken ziehen. Ich kann noch immer nicht die Flugformationen von Kranichen und Wildgänsen unterscheiden. Man sagt, ich solle auf die Schreie hören. Das tue ich. Dies hier sind auch nur Schreie, kleine Schreie aus dem Innern eines Lebens, das sich zu wehren trachtet. Gegen wen oder was? Ach du Scheiße, selbst das müßte erklärt werden. Ich putze die Kaffeemaschine, heute kommt keiner mehr.

Watt

Teerpappe

Die Leute sind derart müde und kaputt, die schlafen im Gehen ein. Auch die Politik spielt sie tot. Kaum noch Hoffnung auf irgendwas. Die Verhältnisse sind das Ergebnis von sonstwas. Die Leute sollen dies, die Leute sollen das. Davon, daß sie dauernd wollen sollen, sind sie so müde. Wir sind ausgekitzelt, schrieb ich in den Nullern. Doch sie hören nicht auf, uns zu kitzeln. Damals lachten wir uns noch tot, jetzt sind wir sonstwo, jedenfalls jenseits des Grabs und der Gebete. Die Herrschaften werden immer nur noch frecher. Ich besichtige die politischen Seiten der Magazine und Zeitungen wie Ruinenlandschaften. Was ist mit der Sprache geschehen? Wohin ist die Freiheit entwichen? Gibt es Herrschaftskritik? Interessiert sich jemand für die Umverteilung des Volksvermögens und der Werte? Ist noch wer am Leben?

Teerpappe

Mir jedenfalls nicht

Allmählich löst sich manches. Die Kruste springt auf. Mit den Leuten ist zu reden. Es gibt viel zu besprechen. Erste Entdeckung, wie überraschend, niemand ist böse. Wozu auch sollte jemand böse sein? Gemeinsamkeit ist denkbar, zuvor der Austausch der unterschiedlichen Denk- und Sichtweisen. Wichtiger noch: ein grundlegendes Verständnis dessen, daß wir jeweils aus unterschiedlichen Lebenserfahrungen kommen und deshalb jeweils auch unterschiedlich reagieren und agieren. Mit solchen Selbstverständlichkeiten bereits bekommen wir ein lädiertes Gemeinwesen repariert, nacheinander an vielen Stellen. Große Politik reitet und ritt über uns hinweg wie ein Mißverhältnis, deshalb ducken und duckten wir uns so. Das tut uns nicht gut.

Mir jedenfalls nicht

Ja, bald

Frühling ist eine Quälerei. Man schicke mir keine Bilder von Krokussen oder Forsythien – sie stehen und wehen im kalten Wind. Wind und Kühle fassen an die Haut, daß man wund davon wird. Kaum wird es warm, fahren sich die Leute gegenseitig über den Haufen. Es gibt grosso modo drei Sorten Mensch in Bewegung: Fußgänger, Fahrradfahrer, Autofahrer. Die einen fahren um, die anderen stehen im Wege. Geschrei und Überlegenheitsdünkel. Zurück zur Quälerei: Frühjahr ist eine Geburt unter Wehen. Der Sommer ist zu groß, um als Ganzes aus dem schmerzgepeinigten Körper der Zeit gepreßt zu werden. Er kommt gleichsam in Stücken und Schüben, so daß man um das Leben überhaupt zu bangen beginnt. Damit man das aushält, gibt es die Vertröstungen auf ein Später. Bald wird es warm sein, bald wir es grün sein, bald schon ist Sommer.

Ja, bald

Heute wieder Streik

Man hat aus Gott aus Gründen der Veranschaulichung eine Figur gemacht, die in Menschensprachen spricht und Befehle erteilt wie ein Lehrmeister oder erst- und letztbefugter Herrscher. Als Allegorie des Unaussprechlichen, des Tao von mir aus, des Geheimnisses der Welt, das diese zusammenhält und trägt, als Speicher menschlicher Erfahrung und des Wissens der Generationen über die Zeit- und Geltungsgrenzen hinaus, so die Hoffnung, würde das Bessere und Besonnenere sich durchsetzen. Daß dem Überweltlichen oder Absoluten stets die weltliche Herrschaft sich anleimte, darf nicht verwundern. Die Legitimation politischer Herrschaft wirft über die Jahrtausende hinweg ernsthafte Fragen auf. Ich vermag in Gott keine Figur des aktiven Handelns zu erkennen (vielleicht eher eine des Nichthandelns, da das Handeln sich stets von selbst erledigt), respektiere jedoch die Bilder und Vorstellungen und Zuschreibungen, die sich historisch-kulturell an ihn heften und lasse mich anrühren von Ergriffenheit und Hingabe. Das Personalpronomen hingegen ist trügerisch und verweist auf den Stand der jeweiligen Reflexion. Ist Gott eine Chiffre? habe ich mich schon gefragt, ist ein paar Jahre her. Was können wir denn sinnvollerweise annehmen, wenn von ‚Gott‘ die Rede ist? Manche würden sagen, daß überhaupt nichts sinnvollerweise anzunehmen ist. Mir ist anders zumute. Wenn ich an Gott oder auch die Götter denke, stelle ich mir vor, daß Ewiges angezielt werden sollte, und ich denke an Wahrheit, Sinn, Schönheit, Vollkommenheit, Ordnung. Nichts davon werden wir je zufriedenstellend erreichen, doch es wird versucht, und darin liegt die Tapferkeit der unsteten Menschenwesen. — Dies ist nur eine kleine Nach-Mitternacht-Skizze. Die Gedanken trage ich seit Jahren in mir und mag sie jetzt verkürzt notieren. Da die Menschen der Götter bedürfen, werden sie immer zur Stelle sein, wenn auch in wechselnder Besetzung. Auch so ließe sich sprechen. Insbesondere nenne ich die neuen Götter. Sie ließen sich leicht und schnell aufzählen, man kann sie überall lesen und hört von ihnen im Tagesgespräch; sie ziehen Zutrauen, Glauben und Hoffnung auf sich. Zu keiner Zeit sind die Götter aus dem Spiel, man täusche sich nicht.

Heute wieder Streik