Wir, die wir dienen

Manchmal und wie schon früher ein schmerzhaftes Gefühl des Zurückgelassenwerdens, erinnernd an Kindermomente und den Abstieg ins Bangen. Das läßt sich weder innen noch außen überspielen, das sitzt. Ich liebe das Leben, rufe ich aus und verschlucke mich dabei. Es gibt die sichere und die andere Seite. Inspiriere mich zu schönen Texten, verführt das Leben.

Wir, die wir dienen

Werde der du bist

Ein großes Vertrauen in den sogenannten Lauf der Dinge: den Lauf der Zeit, den Lauf der Geschicke, den Lauf des Lebens. Auch mit mir wird es irgendwie ausgehen. Ich bin für meinen Teil bereit. Dann geh doch hinaus, ruft es in mir, erprobe dich am Material und am menschlich Warmen. Als hätte ich leben nicht ausreichend gelernt. Als sei was im Argen.

Werde der du bist

Die dunkle Zeit

Die dunkle Zeit steckt tief im Gedächtnis und vibriert nach, fast täglich bin ich erinnert. Zeit meiner Aussonderung, meines ungenügenden G-Status‘, Zeit der Gefährdung. Sie machten ernst hier in Deutschland, wie vielleicht nur hierzulande ernstzumachen ist: humorlos, ausnahmslos, erbarmungslos. Ich solle mich nicht so anstellen, haben mir sogar einstige Freunde empfohlen. (Wozu dann noch Feinde?) Die bekannte und befreundete Welt war verschlossen. Ich war draußen. Das hatten weder meine Freunde, noch meine Feinde beschlossen, das war verordneter Konsens. Das Gefühl und solches Wissen haben jene nicht, die sich der Logik der Macht zugesellen konnten, einige gedrungen pragmatisch, wie ich weiß. Sie möchten darüber auch kaum mehr sprechen. Ich verstehe das. Es ist peinlich. Auch mir ist es peinlich, ab und wann erinnert zu werden und deshalb daran zu erinnern, was da vor sich gegangen ist in der dunklen Zeit der Aussonderung und Prämierung von Gefügigkeit. Zu keinem Zeitpunkt standen die einzelnen Menschen gegeneinander, zu jedem Zeitpunkt war ausschlaggebend, wie die Politik sie zuteilte und die Ausgrenzung inkauf nahm, nein: intendierte. Nicht wir haben uns freiwillig und gleichsam naturgesetzlich getrennt, sondern die verantwortliche Politik besorgte das. Was schreibe ich hier, mein Gott, jeder weiß es. Schuld, Schande, Scham. Propaganda ist eine Schlange, wer auf sie tritt, wird gebissen.

Die dunkle Zeit

Wenn wir schon fühlen

Daß man verliebt ist, zeigt sich durch offenkundigen Intelligenzverlust. Man beginnt seltsam unzusammenhängend zu sprechen, der (vorgeblich) eigenen Worte sich zu schämen und deplaziert zu fühlen. Die Sinne geben widerstreitende Befehle: nichts wie weg und unbedingt bleiben. Daraus wird sonstwas. Man eiert sich durch. Von Souveranität keine Spur. Aufatmen, wenn sie gegangen ist. Fluchen und bereuen, wenn man selbst es war, der ging. In solchen Situationen ist nichts richtig oder falsch zu machen. Man steht sie durch und weiß, daß die Sache nicht vom Tisch ist. Liebe ist Gerufensein, es gibt kein Entkommen. Befangenheit ist Ehrerbietung.

Wenn wir schon fühlen

Polly und der Colt

Immer wenn ich Polly sehe, denke ich unweigerlich an den sogenannten Damen-Colt und weiß, daß ihr etwas passieren, sie sich jedoch dagegen wehren kann. Schnellen Schrittes eilt sie dorthin, wo etwas blüht. Die Peaky Blinders mögen aus bürgerlicher Sicht Abschaum sein, doch im Schaum zeigen sich bei Sonnenlicht schillernde Farben. Mit dem kleinen Damen-Colt gibt es jedoch ein Problem. Er ist nur aus nächster Nähe zielsicher abzuschießen. Insofern zählt er zu den Nahkampfwaffen. Polly ist die Tante (Mutterschwester) des Bandenchefs, die Mutter des Ordens der Kriegsverlorenen des Ersten Weltkriegs mit einem Nachleben unter dem ungeregelten Zugriff der Traumata.

Polly und der Colt

Grenzen der Semantik und der Pragmatik

Mit poetischen – also sprachlichen – Mitteln ist sonstwas möglich. Raymond Queneau hat es mit seinen Vers- und Phrasenstreifen 1961 am Sonett demonstriert. Cent Mille Milliards de Poèmes. Montage-Poesie. Das Poetische und das Hermetische: ein Abgrund. Das geht bis hinunter zur Privatsprache in Empfindsamkeit und adressierter Huldigung (einzig du). Wie Kinder, die sich eine Geheimsprache erfinden aus kluger Einsicht in die Problematik der Auslesbarkeit eigener Aussagen und Absichten. Der Eskapismus solchen Sprechens strebt seinem Impetus nach nicht dahin, unverständlich zu klingen, sondern sorgt sich um ein Verstehen jenseits der Norm. Man kann das wissen. Unserer Tage klingen die Gedichte solchen Bemühens seltsam anstrengend und angestrengt. Doch man spürt noch, daß da was los war oder nicht mehr los war oder sich losgelöst hat oder nicht mehr sich unterzubringen wußte, was jeder leicht verstehen kann, der …

Grenzen der Semantik und der Pragmatik

Gedämpftes Licht, Teppiche, Abgeschiedenheit

Graham Greene, Die Stunde der Komödianten. Auslage vor einem Antiquariat. Um zu bezahlen, betrete ich das Ladengeschäft. Es ähnelt eher einem Wohnzimmer. Der Chef steht gebückt vor einem Regal und korrigiert die Anordnung einiger Gegenstände. Ich gebe zu erkennen, daß ich zahlen möchte. Ein weiteres Buch möchte ich erwerben, Damals in Allenwinden von Jean Villain. Macht zusammen zweifünfzig, sagt der Chef. Sagen wir zwei, sagt er. Sagen wir drei, sage ich. Die Antiquare sterben aus, sagt er und erklärt, weshalb er sich noch halten kann, bevor er abkratzt. Das Antiquariat ist sein eigentlicher Wohnraum, oben hätte das Klavier keinen Platz. Hier unten kann er spielen und sinnen, umgeben von Büchern. Noch immer kaufe er Bücher an, nur für sich, und die, die er nicht mehr benötigt, die verkauft er, die stehen hier herum. Wir werden uns wiedersehen. Die jungen Leute lesen nicht mehr, sagt er. Das wird sich ändern, behaupte ich.

Gedämpftes Licht, Teppiche, Abgeschiedenheit

Zwischenziel

Angenehme Kühle, blaugespannter Himmel, Ausgehwetter. Endlich bin derart weit gelaufen, daß ich am Ostkreuz am Würstchenstand eine Bestellung aufgeben möchte. Sie gelingt nur unvollständig, ich entschuldige mich. Kann zwar noch denken, aber nicht mehr sortiert sprechen. Die Verkäuferin nickt: So groß der Hunger? Ja, so groß.

Zwischenziel