Erst lesen, dann lachen

Lesen heißt ja geringstenfalls und bloß: zur Kenntnis nehmen. Es gibt aber ein Lesen, das wie ein Austrinken und ein Gieren nach mehr ist. Man bebt mit, fiebert einer Entscheidung entgegen, die dort getroffen wird, wohin wir mit unseren Wünschen nicht reichen – in die bestimmende Gewalt des Erzählergottes, die ich mir selbstverständlich als eine Göttin vorzustellen vermag, eine Schicksalsgöttin. Sie, die Entscheidung, liegt bereits vor. Das Schicksal muß sich erfüllen.

Weibliches und Männliches sind derart ineinander verwoben, daß die Zuweisungen oft falsch sind. Aus der untergegangenen bürgerlichen Kultur des 19. zum 20. Jahrhunderts haben wir Klischeevorstellungen von männlich und weiblich genommen, um uns nun endlos und ermüdend gegenseitig zu beweisen, wie dumm wir sind oder waren.

Ich entstamme zu einem Teil der bäuerlichen Welt und weiß, daß es unter meinen Großeltern eine Rollenverteilung gab, die nicht anders sein konnte. Daß der Mann überlegen sei, kam dort nicht vor. Solches haben sich die Bürgerlichen ausgedacht. Die dachten, die Frau müsse gehegt, gepflegt, umsorgt, aus dem Verkehr gezogen sein, ins Private gesetzt wie in ein Puppenheim. Daß sie nicht gewerblich arbeiten müsse, galt ihnen, den bürgerlichen Männern, als Abzeichen ihres Leistungs- und Standesvermögens.

Sehr einfach, von heute über solche Maßstäbe und Ehranforderungen zu lachen. Auch über uns, die wir jetzt leben müssen und dürfen und gar nicht anders können, wird geurteilt, gerichtet und gelacht werden. Dazu laden wir ein.

Erst lesen, dann lachen

Würde des Geheimnisvollen

Hinsichtlich der Mädchen und Frauen sind die Jungen und Männer nahezu ahnungslos. Schwestern, Mütter, Tanten, Großmütter können daran wenig ändern. Man lebt nicht im anderen Geschlecht. Vermutlich ist das gut so. Daß die Sphären mehr und mehr zusammengefunden zu haben scheinen, verdankt sich bestimmter Lebensumstände. Doch wir kommen von weit her und gehen, wenn auch nicht persönlich, weit hin. Ich verehre das geheimnisvolle und sich mir niemals ganz erschließende Wesen des Weiblichen in seinen vielfältigen Ausprägungen und Erscheinungsformen. Wenn ich noch etwas älter geworden bin, möchte ich einen Text verfassen, den ich bereits mit dreißig oder fünfunddreißig meinte schreiben zu wollen: Frauen in meinem Leben. Es würde eine Hommage.

Würde des Geheimnisvollen

Seelenlandschaften

Manche wissen vielleicht gar nicht, wozu sie alt werden. Ein Satz der jungen Elsa Dutton, die im Treck der Siedler in 1883 westwärts zieht, bringt mich dem, worum es gehen könnte, näher. Sie sagt: „Ich kannte diesen Kampf zwischen dem, was aus dir werden soll, und dem, was aus dir werden könnte.“ Und während die Kamera über das Präriegras streift und sie im mondsteinblauen Kleid auf ihrem Pferd antrifft, da sie von einer Uferanhöhe auf einen Flußlauf schaut, sagt sie weiter: „Ich blickte mich hier um und sah meine unfertige Seele.“ Werden wir hier fertig, das ist die Frage.

Seelenlandschaften

Der Horror versteckt sich nicht

Dunstabzugshaube. Altkörperbeseitigungsanlage. Glücksrad. Treppenhaus. Durchlaßöffnung. Gefrierfach. Zeitfenster. Umgehungsstraße. Zündstufe. Autofriedhof.

Ich schrieb das nachts. Habe einige gestrichen, die mir nicht genug Schrecken enthalten. Bei Gelegenheit werde ich neue Worte aufnehmen. Sie müssen zuvor eine Prüfung ablegen. Bremsweg ist abgelehnt, Hochzeitsmarsch kämpft noch.

Der Horror versteckt sich nicht

Hurra

Endlich ein Tag! Sich am eigenen Schopf … nicht vor dem Abend loben …

Was war denn los? Antwort: Nichts war los.

Endlich ein Tag. Es geht also doch. Wie es war: sumpfig, muffig, eng. Ich kam nicht durch zur Freude. Da war etwas zwischen sie und mich geraten. Diese ganze Beschissenheit der aktuellen Dinge vielleicht.

Fort damit. Ich muß mich aus mir selbst ernähren, das ist schwer. Plötzlich kommt was von außen. Die Wüste lebt.

Hurra