Allgemein
Was bleibt uns übrig
„Furcht ist die üble Ausdünstung der Schuld.“ – „Einem Sünder zu helfen ist auch eine Sünde.“ – „Der Teufel bewegt dich jetzt, du bist seine Marionette.“ Father Renaud äußert Erstaunliches in 1923, als er ein Indianermädchen züchtigt, dem er Mitwisserschaft an der Flucht einer Missionsschülerin vorwirft.
Die Macht schlägt zu – im Namen des Richtigen und Guten. Notfalls ohne Hemmungen. Wer wollte das Gute hemmen können, außer dem Teufel. Die dem Menschen innewohnende Neigung zu Grausamkeit entlädt sich an den Körpern und Verhältnissen der Machtlosen.
Es ist ein skurriles Vergnügen, in einer Hemisphäre zu leben, in der Mächtige sich berechtigt sehen, einen Krieg zu führen gegen das Böse. War das jemals anders, werde ich gefragt und zucke mit den Schultern. Sind wir nicht stets die Guten.
Sturzbilder
Festhalten, da es flüchtig ist. Der Moment verfliegt und kehrt nicht zurück. Jetzt sind wir hier gerade so schön zusammen, laß uns ein Photo machen. Können kurz mal alle bitte herkommen und zusammenrücken, dann passen wir aufs Bild. Wer mag, kann lächeln. Danke. Morgen zerstreuen wir uns wieder in alle Winde, und der Winde sind viele. Ich möchte morgen oder in einem Jahr nacherleben, was heute war. Verstehst du das nicht. Nichts läßt sich halten, nur jeweils erneuern oder ändern oder umbauen oder verlassen oder bewahren in anderer Form. Leben tötet Augenblicke, um neue zu schaffen. Wir stürzen nach vorn in immer neue Bilder unserer Existenz. Schau nur, das ist unser Haus. Im Flur roch es nach Bohnerwachs.
Das ist Marie, hinter ihr steht Paul, daneben offenbar ein Nachbar oder Arbeitskollege
In den Wohnungen schauen die Gäste auf Photos, die an einer Photowand hängen mögen oder auf einer Anrichte, einer Kommode oder dem Klavier aufgestellt sind, gerahmt und haltbar gemacht, damit die Photographierten nicht in Vergessenheit geraten oder augenblicklich erinnern, daß man sie kennt oder ihnen verbunden ist. Die Gäste fragen selten, warum solche Bilder ausgestellt sind. Man macht das so, es ist Teil der fraglosen Kultur. Nichts spricht gegen solche Sitte, man könnte sie als rührend oder alltagsmagisch beschreiben. Mich beschäftigt, warum ich auf Photos die mir lieben Personen nicht antreffen kann. Die Bilder sind bunte Schatten. Unheimlich ist der in die Ewigkeit verlängerte Augenblick. Endlos dieser Abdruck einer Bruchteilsekunde, Dokument einer Zufallsentscheidung. Die Kamera ist ein Loch in der Wand einer Kammer, in die eingeschlossen wird, was außerhalb ihrer zu bewegen sich schickt. Niemand möchte eingefangen werden und fixiert sein. Es hat etwas auf sich mit unserem endlosen Photographieren.
Als seien wir blöde
Manchmal sind die Texte laut. Doch mein Leben ist leise. Ich laufe hier herum und gehe den Verpflichtungen nach. Ich arbeite. Ich schlafe. Ich bohre selten in der Nase, kämme kaum mein Haar, besitze drei Hosen. In diesem Herbst hat es mich fast geworfen. Ich freue mich wie ein Irrer auf den Winter mit Schnee und einem vereisten Landwehrkanal, auf dem Schlittschuhläufer mit Schlittschuhläuferinnen tanzen. Wenn nicht in diesem Winter, dann im nächsten. Natur ist ein Ausgleichssystem, man wird das noch lernen. Die idiotischen Kriege werden enden, man blutet sich tot. Die Angehörigen weinen, die Nation schwört Rache. Das ist bekannt. Es führt zu neuem Leid. Was uns verbindet, zählt. Die Machtmenschen sind gefährlich. Sie manipulieren sich die Gutmeinenden zurecht. Deshalb bin ich hinsichtlich der Macht nicht wohlmeinend. Ich weiß, wer mir mit welcher Absicht diese Information zuteilt, jene vorenthält. Es ist zu lächerlich.
Sei einfach wie ich, spricht das Allesfressende
Den Mund auswaschen, wenn die falsche Sprache benutzt wird. Schläge bei Nichtbefolgen der Befehle. Ein falscher Blick genügt. Gefesselt und ausgepeitscht werden unter frommen Sprüchen. Stets dem Herrn zu Diensten, den Folter zu nähren scheint nach Maßgabe seiner göttlichen Gnade. Wer einen Menschen seines Glaubens, Wissens und Hoffens (der Lieder, der Geschichten, des Glaubens) entzieht, übt schlimmste Gewalt aus. Bekehrungen sind Seelenmord. Man spricht oberflächlich über Kolonialismus und verkennt die Tiefendimension einer gewaltsam vorgenommenen Umwertung aller Werte.
Die Indianerkriege sind nicht vorbei
In diesen grauen Tagen
Wenn unsere Großmächtigen denn dermaleinst zusammenkommen, da sie endlich verstanden hätten, daß niemand von ihnen zu siegen vermag – dann wäre dies ein Jubeltag und der einer krampflösenden Erleichterung. Solcher Tag ist nicht erreicht, die dancers of death treiben ihr Nerven- und Pokerspiel dicht an die Grenze zum Abgrund. Die Jüngeren fürchten sich nicht vor Welt- oder Atomkrieg, höre und lese ich. Ich bin Katastrophiker ab Geburt, stelle mir das Schlimmste vor. Den Frivolitäten unserer Großmächtigen mit ihren jeweils idiotischen Ansprüchen sehe ich mit einer Mischung aus blankem Entsetzen und großem Befremden zu. Worum geht es denn eigentlich? Das ist keine politische Frage, sondern eine existentielle.
Zeitspannung
Wie halten das die Leute aus? ist die Frage an mich: Wie halte ich das aus? Was denn? Ich halte hier aus, also halte ich es aus. Was denn? Großer Gott – müßte ich antworten, würde ich aufzählen und käme weit hoch auf der Leiter, ähnlich einem Hau-den-Lukas. Es sind lauter Losigkeiten, es ist ganz einfach. Soll ich sie wirklich nennen? Bereits bei der Bedeutungslosigkeit erfaßt mich erster Schwindel. Die Wirklichkeit ist leer geworden, sie enthält nur mehr Gegenstände, die herumstehen wie nach einer Party. Und die Menschen? Die wimmeln irgendwo herum, treiben sonstwas, nichts sonderlich Beachtenswertes, irgendwas zwischen Verbrechen und Freizeitgestaltung. Ansonsten ist es schön hier, man kann alles bekommen, wenn man bereit ist, dafür zu zahlen.
Sie kommen von sonstwo
Mit Sarkasmus halte ich mir das Lästige fern. Das macht man hier so, wenn man groß geworden ist und klein geblieben sein sollte. Es ist eine Schande, doch ich schäme mich nicht. Den Dreisatz Schuld-Schande-Scham habe ich bis zum Erbrechen erlernt, ich würge ihn aus, wann immer das erfragt wird. Verbirg hinter Spott und Hohn dein blutendes Herz – stammt das nicht von Nietzsche? Ich mag das nachsehen, um nicht Gerüchte zu verbreiten. Es geht im Text, soweit ich mich erinnere, um einen Narren, der winters auszog, ohne Heimat. Vereinsamt heißt dieses Gedicht.