Gerettet

Soweit ich das überblicke, kämpft jeder, den ich kenne, um ein Leben. Es wird das eigene sein, sofern es das nicht muß. Die Formulierung mag rätselhaft erscheinen, das soll sie. Wir haben uns nicht mir nichts dir nichts. Solchen Satz muß man zweimal lesen, ehe man ihn sprechen kann. Das ist ein gutes Zeichen. Jeder kämpft um ein Leben, das unverständlich bleiben muß, während es gerät. Ich sehe mir die Leute in den Filmen an und denke, das bist du.

Gerettet

Wisperndes

Ich sehe so viel, daß ich nichts mehr sehe; höre so viel, daß ich nichts mehr und so weiter. Das Mediale macht sich breit und klebt sich an die unschuldigen Sinne. Vom Hundertsten ins Tausendste, und das täglich. Auf solche Weise bekomme ich etwas mit. Lebte ich nicht in solcher Weise, bekäme ich es nicht mit. Immerhin bin ich informiert. Informiert zu sein bedeutet doch recht eigentlich, daß man in Form gebracht worden ist. Wessen Form ist das? Schon streiche ich über das Holz der Schreibtischplatte und segne die Kerze und ihr warmes und wärmendes Flammenlicht.

Wisperndes

Entgiften

Die Zeiten sind nicht poetisch. Andererseits … Gesternheute sah ich schöne Menschen, das muß an mir selbst gelegen haben, nämlich daß ich sie bemerkte. Ich schreibe gesternheute, denn das Gestern ist noch heute, da ich wach bin und die Nacht mir stets zum Tag gehört, der ihr vorauslief wie ein Spürhund. Nachts ergibt sich der Tag der Verdauung. Nein, darin liegt nicht ihr beider Verhältnis. Sie führen vielmehr einander im Kreis herum und zeigen sich die Welt. Das ist ein Tanz. Das läßt sich verstehen, bewundern und sagen.

Entgiften

Grau grau grau sind meine Tage

Hirnmassegrau die Tage, die Nächte denklebendig. Ich trenne fühlen und denken nicht auf herkömmliche Weise. Wir denkfühlen und fühldenken. Rationalität ist ein Begriff, der den Glauben, den er stiftet, nicht in sich halten kann. Das liegt an den Menschen – nicht an der Grammatik, wie Nietzsche meinte. Seine Frage: Wie beseitigt man Gott, nachdem er tot zu sein scheint? Antwort: Gar nicht. Noch jeder, der mir gegen „Gott“ sprach, erschien mir gläubig. Woran das liegen mag, dürfte ein freieres Denken erfordern. Stattdessen gibt man sich sicherheitshalber hobbitmäßig. Das liegt den gefährlichen Deutschen und auch einigen ihrer meist ungefährlichen Nachbarvölker. (Ich könnte ergänzen: Damit und darin täuschen sich die lieben und guten Deutschen. Sie täuschen sich systemisch und systematisch. Selbst wenn sie über andere herfallen, ökonomisch oder moralisch, glauben sie noch, solches sei gut.) Hobbits sind Betrüger, und sie beginnen im Selbstbetrug ihrer Friedfertigkeit.

Grau grau grau sind meine Tage

Pirouette

Da die Gesellschafts- und Herrschaftskritik totgemacht wurde (vergiftet, erdrosselt, ausgedürstet), ließe sich in Deutschland herrschen wie selten zuvor. Nur daß das nicht funktioniert. Darüber wären Seminare zu halten, Symposien zu veranstalten und Fachleute zu hören. Die Milieus igeln sich ein und scheuen die Kritik wie der Teufel das Weihwasser. Man schwadroniert von Brandmauern, als lebten die letzten Gerechten in der ummauerten Stadt. Das sind Zuspitzungen von Nervosität und Orientierungslosigkeit. Geriete jemand unerwartet und unverhofft in Gelassenheit, ließe sich binnen kurzem klären, daß die Fronten abgerissen werden können. Halbwegs Gute, halbwegs Üble schießen nicht auf halbwegs Üble, halbwegs Gute. Es sei denn, sie tun es dennoch, schlecht beraten oder aufgehetzt. So etwas nennt man Bürgerkrieg. Dazu vielleicht noch einmal Der abenteuerliche Simplicissimus (1669), Autor: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676). Ein Schelmenroman, heißt es. Wo das Gelächter laut ist, ist der Schrecken nicht weit. Siehe die aufgerissenen Münder.

Pirouette

Reiseziele

In den Medien machen sie jetzt auf Syrien. Vorher hießen die Destinationen anders. Alles hängt mit allem zusammen, fragt sich nur, wie. Man müßte ein Weltticket buchen und überall dorthin reisen, wo gerade was los ist. Dann könnte man mitreden und hätte auch Leute getroffen, die tatsächlich dort leben. Das Obszöne der journalistischen Berichterstattung wird noch gesteigert, wenn die Erstatter „angesichts der Bilder“ auch noch Gefühle demonstrieren. Das ist ganz und gar unnötig und bringt auf schlimme Gedanken.

Reiseziele

Summe und Gehalt

Qualitäten quantitativ zu erfassen – ein erlernbares Handwerk, jedoch unvollkommen (weil reduktionistisch) und (interpretatorisch) fehleranfällig. Quantitäten qualitativ zu deuten – ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, man könnte außer messen auch noch denken, nämlich unterscheiden, und zudem wissen, was es sonst noch gibt im Leben auf Erden und im Kosmos, insbesondere den Vorgängen, die wir der Natur zuordnen, sowie jenen im Unbekannt der handelnden und nichthandelnden Personen und sogar der Nichtpersonen, jenen also, die ausgeschlossen sind, denn darin besteht der Sinn der Systeme, Ein- und Ausschluß zu regulieren. Daß wir uns dauernd verrechnen (und deshalb vertun), scheint gewiß.

Summe und Gehalt

Man könnte sich ergeben und als Beifang ins Meer kippen lassen

Die Standardisierung des Menschen heißt ihn auf Meßbarkeit zu bringen und über die Meßdaten in Vergleichbarkeit zu zwingen. Die ermittelten Kennzahlen entscheiden über Lebenswege, regeln Zugänge und Absagen. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren …“, wachträumte Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (1772-1801), der sich lieber gleich Novalis nannte: einer, der Neuland bestellt. Er müßte staunen, wieviel den Zahlen mittlerweile zugetraut ist, immer und immer noch mehr, insbesondere hinsichtlich des Menschen. Von der Intelligenzmessung über die Schulnoten hin zum BMI. Der derart verratene Einzelne zappelt im Netz der Statistiken, und er zappelt auch nur, insofern er noch lebt.

Man könnte sich ergeben und als Beifang ins Meer kippen lassen