Aus dem Zugfenster heraus sah ich zur Linken einen Friedhof, da fand eine Beerdigung statt, da liefen dunkel gekleidete Menschen hinter einem Sarg, da war einer der Ihren gegangen, letztgültig gegangen, und sollte nun hinuntergelassen werden in die tiefe dunkle Erde, da fand der zweite Übergang statt, das Loslassen des erkalteten Körpers, der nun gebettet würde zur letzten Ruhe, mit einem Gartengeviert darüber und einem Gedenkstein über dem Kopf, auf dem festgehalten wäre wie für die Ewigkeit, wer dort ruhe und nicht mehr aufzuwecken sei. Bemühen Sie sich nicht. Schnell waren wir vorüber, 234 Kilometer pro Stunde.
Allgemein
Kissenschlacht
Zurück in der großen Stadt und augenblicklich beruhigt. Denn wer könnte Bahnfahrten beschreiben. Der Eis-Expreß reißt schnurstracks die gewachsenen Landschaften in Fetzen, da hängt links einer und rechts einer, ein ums andere Mal, vieltausendfach von A nach Z. Dieses Zerfetzen hört nicht auf, und längs der weißkalten Reißlinie liegen die Gemarkungen wie Fly-over-States oder Restwestdeutschland. Man muß diese deutschen Städte besuchen und in ihnen nach Leben forschen, das nicht auf Sicherheit geht (und demnach sich duckt und kleiner macht, als es ist). Stolze Städte hohen Ansehens, veredelt durch Fußgängerzonen und den Leerstand der Gewerbe-Immobilien. Hier ist nichts mehr los, sagen sie und verweisen auf ein fülligeres und schmackhafteres Früher. Da waren viele noch viel jünger und da hatte sich das Alter noch nicht eingebunkert oder in einen Kokon gesponnen aus Schwererreichbarkeit und Ungnade. Man hört Stimmen: Wir wollen in Ruhe unseren Ruhestand genießen und unsere Lebenserwartung voll ausschöpfen. Das ist doch nicht zuviel verlangt, das werden die Jungen doch verstehen. Schließlich werden auch sie dermaleinst solches anstreben und uns vermutlich noch übertreffen. Aber man soll ja nicht neidisch sein.
Über Normal Null
Halten die Beteiligten zusammen, kann es gut gehen. Gegenseitig stellen sie sich Zeugnisse aus. Die sonstigen Fürsprecher machen mit und versichern sich immerwährender Treue. Später einmal wird niemand mehr fragen. Bis dahin wird Disziplin gehalten werden. Bis dahin steht jeder Gewehr bei Fuß und läßt nichts und niemanden durch. Niemand auf Erden hätte es besser wissen können: Wir waren die Spitze des Eisbergs, wir sind es noch. Geht der unter, werden wir die Letzten sein.
Durch die Tage, die Nächte, die Jahreszeiten, die Gegenden des Herzens
Nach den Versuchen
Da ich alt genug bin, um Gültiges zu bemerken, sage ich allen, die es wissen möchten: Menschen lassen sich nicht ändern oder solches nur um den Preis ihrer Vernichtung. Wie gut und wie angenehm, sich nach Jahren, fast schon Jahrzehnten gegenüber zu treten und augenblicklich zu wissen, daß wenig uns zerstören kann, außer vielleicht wir uns selbst oder einige dieser blöden Verhältnisse. Die fummeln an uns herum und nerven und sind mückenhaft und degradieren zu Reiz-Reaktionen, kaum auf der Höhe des Wissens und Könnens. Man soll aber nicht an uns herumfummeln, und niemand hat das Recht eingeräumt bekommen, den heiligen Menschen zu einer Reiz-Reaktions-Marionette zu konditionieren. Was fällt diesen Laborleuten ein. Rave on, John Donne.
Kein Augenzeuge
Würde das Auto von der Brücke gerammt und stieße vornüber ins Wasser und sänke mit geschlossenen Fenstern und Türen langsam in die Tiefe bis hinunter auf den Grund des Flusses, klänge die Musik, die aus der Anlage käme, seltsam wahr und dringlich. Durch die Lüftungsschächte dränge das Wasser, auch die Fensterdichtungen gäben nach. Acht Meter unter der Oberfläche des Fließgewässers hätte selbst ein gewiefter Autofahrer keine große Chance und müßte sich, obwohl dies die Gelegenheit für Superhelden ist, allmählich fügen.
Selbstauskunft in F
Ein Zimmer (ein Keller, eine Wohnung, ein Haus) ist geeignet oder nicht. Läßt sich in ihm sein. Läßt sich in ihm leben. Läßt sich in ihm atmen, fühlen, denken. Läßt sich in ihm frei sein?
Es gibt unterschiedliche Mißverständnisse hinsichtlich Freiheit (ich vermeide den bestimmten Artikel). Zum Beispiel diese: daß Freiheit der Gemeinschaft entgegenstehe; daß Freiheit sie schädige oder unterwandere; daß Freiheit Egoismus ist.
Zugleich soll die Freiheit (diesmal mit Begleiter) hochgehalten werden, wie man an 9-11 erneut beteuern wird. Mal ist sie schlecht, mal ist sie gut: Freiheit als Variable: es kommt darauf an, wer die Gleichung aufstellt.
Wer bei Freiheit an Mißbrauch denkt, mag zunächst etwas über sich erfahren.
Dein Bestes heißt ein Katzenfutter
Reisen macht übermütig. Ein paar Dinge werden schneller klar, wenn man nicht mehr nur festsitzt. Zum Beispiel, daß die künstliche Intelligenz wird einspringen müssen, wenn die natürliche nicht mehr richtig will. Kann sie nicht oder will sie nicht, wäre zu fragen. Was wäre, wenn sie wollte? Einsehen, verstehen, unterscheiden. Zunächst muß etwas bemerkt werden, anschließend wird es vielleicht erkannt. Auch wird auf Reisen deutlich, daß Doktortitel Umschnalldildos sind. Es läßt sich nur milieutypisch mit ihnen arbeiten. Sodann ergab sich eine Geschichte, in der der Teufel Schutz beim lieben Gott suchte, da die Hölle abgebrannt war. Dem Gott liefen Tränen der Rührung übers Gesicht, während ein Kind auf Erden versprach, dem Teufel eine neue Hölle aufzubauen.
Sie lebt ja
Geburtstag derer, die uns gebar. Man spricht viel über Frauen. Sie hätte dazu einiges zu sagen. Als sie erzählten, daß es nicht ausreiche, Hausfrau und Mutter zu sein, lächelte sie. Als wir als Kinder sie fragten, ob sie nicht Karriere hätte machen wollen, schüttelte sie den Kopf. Meine vornehmste Aufgabe, erklärte sie, seid ihr. So bin ich nun und verdanke mich und lebe so frei wie möglich, denn das gefiel ihr so sehr. Gefragt, ob sie sich nicht Sorgen um ihren Sohn mache, als ich damals unaufhörlich unterwegs war per Anhalter und sogar bis Istanbul, dörflich besorgte Nachfrage von einer Nachbarin, sagte sie, nein, sie wäre vielmehr gern mit dabei. Das prägt und das sitzt. Aus solchem Holz bin ich geschnitzt oder möge es sein. Daß andere mit ihren Eltern, Müttern, Vätern, blöde und deprimierende Erfahrungen machen mußten, habe ich verstanden. Ich habe Glück gehabt. Seit fünfunddreißig Jahren ist sie tot, sie ist so tot wie der Mauerfall, sie starb nur früher.
Morgendlicher Besuch
Eine andere Stimme im Raum. Ich erwachte davon. Eine Meise hatte sich ins Zimmer verirrt und flatterte vor den Fensterscheiben herum. Als ich mich aus dem Bett erhob, wurde sie panisch und schoß hin und her, stieß mehrfach gegen die Scheiben. So verhielt ich mich also still und ließ sie forschen. Endlich fand sie den schmalen Spalt zwischen den Flügelfenstern des Oberlichts und entwich ins Freie. Vor meinen Fenstern wimmelt es von Spatzen, Meisen, Hähern, Tauben, Elstern, doch noch nie kam es einem dieser Tiere in den Sinn, sich in die Höhle zu begeben. Ich nahm das augenblicklich als Zeichen.