„Wenn die Christen an Gott glauben würden, dann hätten wir das gemerkt.“
Frank-Patrick Steckel in: Das schöne Licht der Utopie [Nootheater 2008]
„Wenn die Christen an Gott glauben würden, dann hätten wir das gemerkt.“
Frank-Patrick Steckel in: Das schöne Licht der Utopie [Nootheater 2008]
Wie kann man Kafka vor jenen schützen, die ihn bearbeiten, ausnutzen, helfen wollen und beitragen zum neuerlichen und noch besseren Verständnis? Antwort: gar nicht. An Kafka rammeln sie sich einen ab, es gibt keinen Halt. Mit dem Verursacher dieses Rummels, der eigentlich verschwinden wollte in einer Vergessenheit, hat das wenig zu tun. Auch Jesus hätte man vor seinen Jüngern bewahren müssen, sofern man könnte, und späterhin vor den Kirchen und den Gegenkirchen und den Richtigstellungen und Gegendarstellungen. Man soll solche Leute nicht für sich reklamieren. Lassen wir Kafka einhundert Jahre in Ruhe. Er kann nichts dafür, daß wir seiner zu bedürfen scheinen. Erschließen uns Kafka-Texte die unverstandene Wirklichkeit? Mir schon. Doch welche Lehre ließe sich ziehen? Man erkennt schon, ich mag Denkmale nicht. Mir tun die mißbrauchten Protagonisten leid. Kürzlich sah ich Wagner auf einem Sockel überdacht gegen Regen und Schnee und zu starke Sonne auf seinem Platz gegenüber den Botschaften der Länder am Rande des Tiergartens. Machen wir aus Kafka keinen Wagner, lassen wir das bitte sein. Das nenne ich Respekt.
Als ich Literatur nicht nur las, sondern akademisch studierte, war es seitens der Kommilitonen (siehe die Etymologie dieses Wortes) üblich, Hesse und Rilke verächtlich zu behandeln. Über deren Gefühlsdarstellungen war man hinaus, analytische Kälte war aufgelegt, und kalt korsettiert schritt man voran im fortschreitenden Verstehen der kanonischen Texte, die bereinigt waren von unintellektuellem Sentiment. Hin und wieder erschienen die Verfemten jedoch erneut auf dem Speiseplan des Semesterangebots, ins jeweils Aktuelle gewendet und zeitgeistig neuerlich befragt. Das blieben Ausnahmen. Die populäre Kultur schert sich wenig um das Akademische. In der Kultur der Leute sind Hesse und Rilke gegenwärtig und sterben nicht. Das Akademische folgt unwillig dem Strom des Faktischen und erklärt zwanzig Jahre später, was es mit solchem Strom auf sich gehabt haben könnte, zunächst und bisweilen ungesichert. Darin erkenne ich immerhin noch die Tugend des Verzichts.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Hermann Hesse (1877-1962), Im Nebel
Mitten unter denen, die alles regeln. Was die, die regeln, vergessen, ist, daß jeweils außer ihnen selbst und ihrem Problem noch das Leben existiert, daß also andere mitspielen und anderes einspielt. Auf das, nähmen sie es zur Kenntnis, würden die, die alles regeln möchten, sich keinesfalls verlassen wollen. Notfalls schalten sie Überwachungsinstanzen ein und installieren Kameras und verfolgen ihren Geliebten, ihr Kind, ihre Ware per Standortabgleich in Echtzeit. So läuft nichts mehr schief, es sei denn, das Leben will es. Das Leben ist der unkontrollierbare Rest.
Es war ein schöner Tag, ich traute mich kaum aus dem Haus. Manchmal bin ich gar nicht robust. Ich erlebe freie Tage. Jemand rief an, es ging um Geld. Mein Gott, einfach nur Geld. Jemand braucht es, ein anderer hat es. Das ist Geld. Ich bin auch manchmal erstaunt, wie wenig ich weiß. Geld will nicht zu den Geizigen, darin ähnelt es der Liebe. Geld ist ein aufgeladenes Zwischending mit potentieller Eigenmacht. Wir laden es auf, wenn wir daran glauben, oft über Gebühr. Ich achte auf die Unterschrift auf jedem Geldschein. Das ist das Autogramm jener Person, die aktuell autorisiert ist und zu behaupten vermag, daß zehn gleich zehn ist. Was man für zehn kaufen kann, steht nicht auf dem Wechselschein. Manchmal braucht man hundert, zehn Jahre später fünfhundert für eine ähnliche Sache. Einen ehrerbietigen Gruß an die Ökonomen und ihre verzweifelte Mathematik.
Manches vermag ich abzupuffern, anderes nicht. Man soll mich nicht bearbeiten. Mir tun solche Aktionen weh. Ich bin kein Mülleimer, kein Klo, keine Schüssel. Ein weniges reicht, und ich verstehe. Wohin geht man, um sich zu übergeben, große oder kleine Geschäfte zu machen. Wo hinein wirft man seinen Abfall. Wo wäscht man sein schmutziges Geschirr. Soll ich das umgruppieren, damit die Reihenfolge stimmt, schriftstellermäßig. Was heißt denn, sich benehmen zu können? Vielleicht doch wenigstens dies: Die dünne Haut ist kein Trommelfell.
Im dünnen Grund oder Dünner Grund hieß eine Feldmarkbezeichnung dort, woher ich stamme. Auf dünnem Grund zu leben ist kein leichter Scheiß. Die Bodenwerte sind kritisch, große Ernten sind nicht zu erwarten. Felsiger Grund, die Äcker voll des Gesteins. Durchhaltevermögen, eiserne Disziplin, Gottesfurcht. Man kommt nicht weit, deshalb bleibt man da. Gespenstisch die andere Welt. Jeder kennt jeden, das verbindet. Mitgefangen mitgehangen. Am Gartenzaun stehen die Väter und besprechen die Lage. Klatschtanten, sagt meine Mutter. Sie hat es dorthin geweht, wo ihre Kinder leben und lernen werden. Später geschieht sonst. Unsere Spuren sind flüchtig, doch wir waren hier.