Gewiß gibt es welche, die auf einer Insel leben könnten. Mir ist solches nicht gegeben. Bereits eine Kleinstadt macht mich nach zwei Tagen nervös, denn um sie herum liegen die noch kleineren Ortschaften, und diese kleineren Ortschaften beziehen sich auf die Kleinstadt, die sie ihrerseits umringen. Das ergibt ein Abbild kosmischer Harmonie. In ihr ließe irdisch sich leben, gehörte man dazu. Wozu ich gehören könnte, ist mir auch nach Jahren des Forschens dermaßen unbekannt, daß ich aufbegehren müßte oder eine stille Feier abhalten zur tiefen Weisheit eines schwer entschlüsselbaren Schicksals. Zuweilen mag ich es pathetisch, selbst wenn Berlin mich schnoddrig gemacht zu haben meint.
Allgemein
Der Faden
Dauernd möchte ich schöne Sachen schreiben, niemanden außer mich selbst in Sümpfe führen. Doch ist das schwer, denn mein Königreich ist umgeben von Sümpfen oder scheint es zu sein. Ich höre die Frösche quaken, sie mögen es feucht. Ich halte mich trocken, so gut ich kann. In diese Welt, die ich bisher kennenlernen konnte, ist ein Rätsel um die Bedeutung des Einzelnen eingewebt.
Weiter reiten, sonst zu Fuß
Man schreibt weiter, weil man lebt weiter. Man spürt weiter, man denkt weiter. Man geht weiter, man schläft weiter. Alles geht weiter, immer weiter und noch immer weiter. Das läuft Tag für Tag und Jahr für Jahr, fast wie ein Karussell auf einem Jahrmarkt, durchaus saisonal, nur eine jede Saison bedienend und umflorend, eine niemals endende Veranstaltung namens Leben, zu Luft, zu Lande, zu Wasser, sogar unterirdisch, technisch unterstützt, medial in Winzigkeitsausschnitten verbreitet, mit Sauce beschmiert und gelbgrünem Senf bestrichen, schmackhaft gemacht und in den Widersinn getrieben, ausgelutscht und abgerieben, für wertlos gehalten und fortgeworfen, doch selbst dort noch, auf einem Haufen für Kehrricht und zerschlissene Hoffnungen, klebrig und stinkend, keimt erneut ein Dynamisches, empor zur Sonne und scheinen, Glanz sei gegeben den Existenzen, da selbst die, die die Finsternis erkundeten und aus ihr krochen, zuweilen in ungünstigem Moment, sich zum Leben bekehrten aus umgekehrter Gottesfurcht. Wer hier wen fürchtet, ist doch gar nicht ausgemacht.
Für später
Es wird immer davon ausgegangen, daß man funktioniert. Das ist ein eigenartiges Kompliment.
Problem anritzen
Man geht nicht auf in den Gleichungen der Welt. Das ist das Problem. Wo ist mein Platz, was ist meine Aufgabe, wozu existiere ich denn. Das Schweigen derer, die man fragt und lieber nicht fragt. Eine Zeitlang versucht man es mit Pragmatismus und Relativismus, ein jeder würde das tun. Oft gepaart mit Zynismus und professionellem Sarkasmus (wir wissen Bescheid), denn wie ließe sich aushalten, daß es keine Antworten gibt und die leere Ödnis des Unbedeutenden sich ausbreitet wie ein monströses Sonstwas. Ich bin nicht nur umsonst und nichtig, sondern zudem jemand, der andere aufstört, ihnen auf die Nerven fällt und in die Gemütlichkeit bricht, zum gerechten Ausgleich sich dann endlich selbst zerfleischt.
Feder und Fels
Ein Jegliches kann zur Besessenheit ausarten, auch ‚das Schreiben‘. Da sie solche Besessenheit zu zeigen versucht, mag ich die kleine Serie So long, Marianne. Sie soll handeln von der großen und gewissermaßen lebenslänglichen Liebe zwischen Marianne Ihlen und Leonard Cohen, insbesondere beider gemeinsamer Zeit auf Hydra, einer griechischen Insel, die eine Zeitlang Künstler und Lebenskünstler anlockte, Mitte bis Ende der sechziger Jahre. Der auf den künstlerischen Durchbruch (und öffentliche Anerkennung) hinfiebernde Serien-Cohen spricht auf der Terrasse mit den Insekten, gierend nach Information und Inspiration, und schreit sie schließlich an. Sie geben zwar Zeichen, doch nicht die erhofften, die ersehnten, die benötigten. Insekten besorgen ihre eigenen Angelegenheiten – nicht die eines in den Wahnsinn driftenden Nachwuchsdichters, der die Erfüllung seiner angemaßten (intuitiv gespürten) Autorschaft erzwingen möchte, da in ihm sonst etwas explodiert und um die Ohren springt und seinem Körper Wunden zufügen wird. Solches Leiden, einer Geburt vielleicht metaphorisch nicht unähnlich, quält und martert die Sinne. Die kleine Serie mag ‚lieb‘ gestaltet und umgesetzt sein, doch die Heftigkeit des im sinnvollen Wahn befangenen Dichters, der sich keiner einzigen Sache gewiß sein kann, vermag sie dennoch in Augenblicken zu zeigen. Der Serien-Leonard ißt schon nichts mehr, man kann seine Rippen zählen. An der Hauswand steht etwas von I CHANGE I AM THE CHANGE und so weiter. Das Ich und seine Wechsel und Verwandlungen. Dieses ständige Aufflammen von Leidenschaft, die mangelnde Geduld. Zeit zu sprechen, Zeit zu schweigen. Nichts ist in der Balance. Und auch später ist das Gleichgewicht zwischen dem, was erstrebt ist, und dem, was gelingen kann, in heiklen Verhältnissen. Niemand lehrt das, doch man könnte es wissen. An Heftigkeit hat es selten Mangel.
Verwechslung
Dichter sind gewaltsame Personen. Sie wollen die Musen zwingen. Doch die Musen möchten sich nicht zwingen lassen. Niemand setzt sich hin, legt Papier und Stift bereit, und darf gewiß sein, daß es diesmal klappt. Vielleicht ist auch nicht gut, daß die Dichter sich für Schriftsteller halten. Schriftsteller sind doch eher Leute, die davon leben wollen, daß sie schreiben.
Fahrten durch Schnee und Eis
Aus dem Zusammenhang 338
„Ich werde deine Geschichten niemals langweilig finden.“
„Das ist ein Versprechen, das du nicht geben kannst, eins, das ich auch nicht geben kann.“
So Long, Marianne, S1 E4
Ich bin doch nur
Das Nichtvertrauen oder Nichtvertrauenkönnen in die eigene Stimme – die eigene! Jemand spricht, das müßte ich sein. Jemand spricht, ich höre mir zu. Lange lange Zeit, da man begreift, selbst zu sein und in eigenem Namen und auf eigene Gefahr zu sprechen, zu denken, zu schreiben, zu sein. Doch ein Jegliches hat seine Zeit, wir wissen das, rechnen es ein, gehen davon aus. Später mag sonstwas geschehen, nichts Genaues weiß man nicht. Wäre ich ein Teddybär, verließe ich das Haus und stiefelte die Straße entlang, bis jemand fragte, wohin ich denn strebte. Ich sagte, nahe dem Teddybären, daß ich eine Höhle suchte, mich zu verbergen vor solchem Interesse.