Symphonie

Weit gelaufen, ausholend, immer auf der Sonnenseite der Straße. Kein Ziel, nur Richtungsideen und entsprechende Korrekturen. Immer der Nase nach, Berlin ist groß genug (deshalb lebe ich noch hier). Dauernd sehe ich Bilder, und bei jedem dieser Bilder, die ich sehe, frage ich mich, sieht die noch jemand, und wie denkt dieser jemand darüber. Die Stadt ist übervoll von Bildern – niemand kann die zählen, auch nicht erzählen, das ist viel zu viel. Ich laufe herum und will verstehen. Es wird mir nicht gelingen, die Bilder in einem großen Bild zusammenzufassen, und doch gelingt solches der Stadt.

Symphonie

Unter der Oberfläche

Als ich jugendlich war, sehnte ich mich sehr danach, oberflächlich sein zu dürfen, um mitmachen zu können bei dem, was damals vorrangig anlag. Mädchen ansprechen, ausführen, herumkriegen. Eine Angelegenheit von beiderlei: Sehnsucht und Prestige. Ich nahm alles viel zu schwer und machte die Sache komplizierter, als sie möglicherweise war. Ich weiß bis heute nicht, ob sie es ist oder vielmehr nicht. Vermutlich mal so, mal so (das heißt: anders). Ich bin so froh, daß ich niemanden mehr herumkriegen möchte. Das Zeitwort ist recht passend gewählt. Kriegen heißt bekommen, herum heißt zu einem her. Elendes Geschäft. Mir ist, als fand ich es von Anfang an unwürdig. Ich mag Bekenntnisse, doch ich verabscheue Mogeleien.

Unter der Oberfläche

Schlechte Nachrichten sind gute

Man mag die alten Positionen abschaffen und sie durch neue ersetzen. Kaiser heißen jetzt Präsidenten, Könige vielleicht Direktoren, man weiß es nicht. Alte Reiche sind durch neue ersetzt. Die Weltgesundheitsorganisation, die uns sicher durch die gefährlichen Erkältungs- und Vernichtungsepidemien leitete, ist ein leuchtendes Beispiel für die innovative Wiederbesetzung verlassener oder mißachteter Macht- und Wirkungsbezirke. Selbstlose Philantropen unterstützen verdienstvoll die Bemühungen des globalen Risikomanagements. Die Bürger applaudieren solchem Bemühen und erfreuen sich des Schutzes doppelter Sicherheit, privat und öffentlich. Es wird besser werden, wenn es nicht schon besser ist. Die Welt wäre perfekt, gäbe es nicht Kritiker, die Gegenteiliges behaupten. Man müßte sie ausmerzen, doch der Effekt fiele negativ aus. Merz heißt ein Kandidat der bürgerlichen Volks- und Hoffnungspartei, der der selbstermächtigten Alternative die Alimente entziehen soll. Man gurgelt sich durch, irgendwas wird schon. Es ist spektakulär, in Deutschland zu leben und sich anzuhören, was gesagt wird.

Schlechte Nachrichten sind gute

In den Filmen die Wahrheit

Die Verhältnisse fragen selten, ob man bereit für sie ist. Sie stehen unangemeldet vor der Tür, klingeln nicht einmal, treten ungefragt ein. Was sodann geschieht, ist wichtig. Man bittet sie nachträglich zu Tisch und bietet ihnen Speis und Trank, spricht, als seien sie geladene Gäste, erkundigt sich nach ihrem Begehr. Vielleicht läßt sich etwas arrangieren, so kommt man miteinander aus. Gerät der Besuch zu Belagerung und Inbesitznahme, steht noch die Axt hinter dem Bücherschrank. Man spaltet damit Holz. Ich sehe einem Film, in dem jemand allein in den Bergen lebt und eine Ruhe zu finden hofft. Da klopft es an der Tür.

In den Filmen die Wahrheit

Warum dauernd auf andere einwirken?

Es gibt so viele Druckverbesserungsversuche, wie es Menschen gibt, die sich sicher sind, sie dürften auf andere einwirken, um eine Veränderung zu bewirken, die sie als Einwirkende selbst meinen vornehmen zu müssen. Sie stehen vor sich selbst in der Pflicht, solches zu leisten. Vielleicht müßten die Druckverbesserungsversuche besser Verbesserungsdruckversuche heißen oder letzten Endes Versuchsdruckverbesserung. Nichts Genaues weiß man nicht, sagte mein Bruder damals, als er noch der Chef war. Wie zum Teufel kommt man darauf, Menschen würden sich unter Druck verbessern? Sie kuschen dann doch nur, weichen aus, halten das Maul, tun fortan so als ob, verpissen sich bei nächster Gelegenheit ins Gebüsch. Druck macht stumpf und gefügig. Machtmenschen scheint das recht zu sein. (Mögen sie murren, am Ende folgen sie mir doch.) Daher auch die Penetranz des Einwirkens kraft Wiederholung des Immergleichen. Zynischer Optimismus mit aberwitziger Selbstüberschätzung. (Die sind eh alle blöd.) Aber: jede Druckstelle schmerzt und macht ihre Ursache unvergeßlich. Die Machtmenschen glauben an Schmerz, nur andersherum. Porzellanfiguren im Scherbenspiel.

Warum dauernd auf andere einwirken?

Ankommen nach einiger Zeit

Daß man noch an Posen glaubt – ebenfalls ein Zeichen gesunder Jugendlichkeit. Sich darstellerisch zu zeigen, sich selbst als Ausdrucksmittel nehmend, notfalls präpotent. Eindruck schinden, was hermachen. Es den Idolen nachtun, die exakt das sind, was man sein möchte. Die Idole haben Erfolg und Geld und Spaß, repräsentieren ein anerkannt ideales Leben. Medien hin oder her, man glaubt daran, weil man glauben muß. Der Setzling muß nach oben zur Sonne, gib ihm ein Stöckchen, an das er sich klammern, um das er sich winden kann. Nichts daran ist seltsam, nur bewundern nicht alle Kinder dieselben Idole. Sie nehmen sich, was zu ihnen paßt. Bereits sehr früh differenziert sich der Geschmack. Ich glaube nicht, daß wir uns selbst verfehlen.

Ankommen nach einiger Zeit