Vor der Tat

Ein perfektes Spinnennetz, in dessen Mitte die Spinne sitzt und wartet. Die Fäden leuchten im Licht der kurze Zeit später hinter den Häusern verschwindenen Sonne. Einige Grassamen hat der Wind ins Netz geweht. Die Spinne bewegt ihre Mundwerkzeuge (Chelicere oder Kieferklaue), als schärfe sie die Messer. Eines der acht Beine ist lässig nach oben gestreckt, als sei sie im Akt des Abseilens erstarrt. So macht sie gute Figur. Ihre Beute tötet sie mit Gift.

Vor der Tat

Spatzensprache

Wir sammelten die Namen der Sekten, deren Mitglieder sich gesucht und gefunden haben. Sekten sind radikalisierte Glaubensgemeinschaften, die ihre Anliegen absolut zu setzen versuchen. Da es kulturell jedoch keine absoluten Anliegen geben kann, bedarf es des Nachdrucks ihrer Bemühungen. Aus Sicht ihrer Anhänger und Aktivisten muß jeweils alles getan werden, und zwar sofort. Auf ihrer Uhr ist es immer schon fünf vor zwölf, diesen Topos endgültig ablaufender Zeit lassen sie sich nehmen. Denn die Welt geht unter, das scheint gewiß. Den vernünftigen Teil ihrer Anliegen herauszufinden ist der Gesellschaft aufgetragen, die diesbezüglich dem Streit nicht aus dem Weg wird gehen können. Die Antwort auf die Forderungen der politischen Sekten besteht nicht in sturer Verweigerung, sondern in flexibler Entgegnung. Es ist nicht aller Tage Abend, nur weil diese Weltgegend Abendland heißt. Die Sektenanhänger sind Ausdruck einer selbstungewissen Zivilisation, die von Krise zu Krise taumelt und stampft und zahlreiche Streßreaktionen lostritt. Sie möchten mit Gleichgesinnten das einzig Richtige denken und tun, so radikal wie möglich, als ergäbe einzig dies die Rettung. Es wäre allerdings wünschenswert, daß sich nicht noch mehr Leute von den Geschehnissen verrückt machen lassen. Die Konfusion hat bereits Ausmaße angenommen, daß man um die Vernunft fürchten muß. Sie räumt leider als erstes das Feld, wenn die entfesselten Kräfte aufeinander einschlagen.

Spatzensprache

Das soll klar sein

Das Eigene hängt an einem wie Gewichte. Man müßte zu erleichtern sich verstehen. Schon kommt die Verantwortung eingeschwirrt wie ein Rieseninsekt und wirbelt den Staub der Vergangenheiten und Zuständigkeiten auf. Wir sind vielfach verbunden, unsere Rücksichten ergeben und nähren ein Interdependenzgeflecht. Mitgefangen, mitgehangen. Die Idee der Freiheit erwuchs aus einer Wucherung der Ansprüche, deren jeweilige Berechtigung jeweils außer Frage zu stehen schien. Die vielgequälte Geschichte des Abendlandes kreist wesentlich um die Idee der Freiheit als Frage der Selbstverantwortung. Frage und Antwort – sowie die Fähigkeit, überhaupt erst Antwort geben zu können, also mündig zu sein.

Das soll klar sein

Gedankenhotel

Bescheiden zu sein lehren einen die Verhältnisse hinsichtlich ihrer Veränderbarkeit. Vielleicht sind sie exakt so, wie sie sein müssen (angesichts der Umstände); vermutlich könnten sie schlimmer sein – insofern, als man nicht aufeinander schießt oder anderweitig aus der Bahn zu werfen versucht. Daß die Verhältnisse verwickelt sind, kann nicht als Neuigkeit gelten. Wo über Verhältnisse zu sprechen lohnt, sind sie es. Das Verwickelte ist die Haupteigenschaft langwährender Beziehungen zwischen Menschen und Welten. Denn Menschen sind Welten oder enthalten sie, könnten sogar als deren Repräsentanten auftreten. Welt ist kein pompöser Begriff, sondern dasjenige, das sich von Anfang an wie von selbst zu verstehen scheint.

Gedankenhotel

Lob des Unwichtigen

Wenn ich unterwegs bin, nehme ich mir vor, heimzubringen, was ich gehört und gesehen habe, um es anschließend zu notieren. Damit es nicht verloren geht. Warum soll es nicht verloren gehen? Weil es markant ist, charakteristisch für den Ort und die Zeit und die Leute. Mir ist, als müßte ich Zustände dokumentieren. Sie sind mir dramatisch nicht aus (oder in) aufgeregter Zeitgenossenschaft, sondern symptomatisch aus möglichst ruhiger, wenn auch nicht zeitentfernter Betrachtung. So wird auch klar, warum die journalistische Herangehensweise nichts mehr für mich ist. Insbesondere beobachte ich mich selbst. Ich bin der Beobachter, der sich beobachtet, während er beobachtet. Früher ging ich los wie auf Beute. Das geschieht kaum mehr. Etwas passiert, oder es passiert nichts. Lieber ist mir fast schon, daß nichts geschieht. Dann habe ich mehr Zeit für Unwichtiges.

Lob des Unwichtigen

Kinderangst, in den Keller zu müssen

Im Traum sollte ich entführt werden, ich versteckte mich in einem Keller im Kartoffelverschlag. Schatten huschten durch die feuchten Flure des Gewölbes und funzelten mit Taschenlampen in die Ecken und Winkel. Mich konnten sie nicht sehen, denn ich kroch hinter ein schmutziges Skelett, das zur Erntezeit als Vogelscheuche diente. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, ehe oben die Kellerluke zuschlug. In die Wände des Gewölbes waren Nischen gearbeitet, dort lagerten Flaschen voller Apfelmost. Als ich eine Flasche entkorken wollte, zerbrach sie. An den Händen klebte der Saft.

Kinderangst, in den Keller zu müssen