Allgemein
Freistunde
Als Schulkind wartete ich im Büro meines Vaters, bis der Schulbus mich aus der Kreisstadt zurück in unser kleines Dorf brachte. Ich saß am Fenster und blickte von dort auf eine Hauswand, hinter der sich Arztpraxen befanden. Ich saß auf einem Stuhl und las in einem Buch oder blätterte in meinen Heften. Ich mußte mich still verhalten, denn mein Vater hatte zu tun. Er bearbeitete Akten, telephonierte oder sprach in ein Diktaphon. Manchmal klopfte es an der Tür und ein Kollege steckte den Kopf herein. Diese oder jene Frage wurde gestellt, manchmal ging es auch um Klatsch. Wer mit wem und wer zu wem was gesagt haben sollte. Mein Vater haßte solche Unterbrechungen und hielt sie kurz. Ich bekam ein aufmunterndes Lächeln und wurde rechtzeitig zur Bushaltestelle geschickt. Wir würden uns zur Kaffeezeit zuhause wiedersehen. Daß er es dort aushielt, in solchem Büro bei solcher Arbeit, verwunderte mich jedes Mal neu. War ich stolz auf ihn? Ja, ich war es wohl. Doch niemals würde ich in einem solchen oder auch nur ähnlichen Büro arbeiten können, das wußte ich, eigenartig vielleicht, obwohl ich erst Fünftkläßler war, also noch fast gar nichts wissen konnte.
Felswand
Wie tief die Jahreszeiten und ihr Wechsel in uns greifen – oder wir in sie. Als würde man ein anderer, als dürften oder müßten wir verwandelt werden. Einkehr als Rückkehr: zurück in die eigene Tiefe. In sie stürzen, kopfüber, oder sich vorsichtig abseilen. Ich werde jetzt Herbst und anschließend Winter. Zugleich gedenke ich derer, die mit einem Wort wie Tiefe wenig anzufangen wissen. Was soll das schon sein, mögen sie fragen, wir sind doch nicht Brunnen oder Bergwerk. Ich selbst notierte vor einigen Jahren, Tiefe sei eine deutsche Idee (da wir keine Weite haben; man ist immer gleich da). Und weil es an Leichtigkeit mangelt, ist uns auch noch die Schwere zugeteilt. Was soll man tun? Ballast abwerfen, klettern, schwindelfrei werden. Den Gedanken bis an ihr Ende folgen, die Gefühle dorthin begleiten, wo Erkenntnis und Schauder zusammenfinden. Die Furcht darf mit, man wird sie ohnehin nicht los.
Die süßen Träume
Wenn man ein Universitätsgewächs wird und dort zu gedeihen scheint, gibt das Hinweise auf eine zukünftige Lebensweise. Nach außen hin förmlich, ein wenig umständlich. Ins Innere abgeschoben der akademisch unverhandelbare Rest. Es lebt sich nicht in reiner Vernunft. Gremiensitzungen, Sprechstunden, begabte und unbegabte Studenten (der Nachwuchs). Getuschel auf den Fluren. Aufzüge, Treppenhäuser, Büros. Zimmerpflanzen, Schreibtischablagen, Kaffeetassen. Schränke und Regale. Wie zur Erheiterung der Nachdruck eines Gemäldes an der Wand, vielleicht auch ein Plakat. Aufklärung heute. Unter dem Schreibtisch Beinfreiheit und ein Papierkorb. Dort hinein auch die Taschentücher, wenn man weint oder Schnupfen hat. Der Blick aus dem Fenster. Jeder Job ist karikierbar. Man soll sich nichts daraus machen. Jobs vergehen, die Seele muß weiter, Vögelchen.
Es fing gar nicht so schlecht an
Wenn ich an Mäntel denke, ist da ein Bild aus einem der langen und trockenen Flure des sogenannten Philosophenturms der Universität in Hamburg, und Hartmut Böhme, etwas über vierzig Jahre alt, Professor für Literaturwissenschaft, eilt in langen Schritten dem Fahrstuhl zu, um hinunterzufahren ins Erdgeschoß auf die Ebene der Hörsäle, um dort einen Vortrag zur halten über den Zusammenhang von Romantik und Postmoderne. Er trägt einen langen schwarzen Mantel, raucht eine Zigarette und wirkt angespannt. Auftritte sind niemals leicht. Ein Nimbus umgibt ihn, seine Seminare sind anders. Das Wasser in der Literatur. Ja, so muß man die Dinge berühren, dann sprechen sie auch. Hamburg 1986.
Paris, 21.9.1902
Herbsttag
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke
Trakl lesen
Der Sommer schwindet, Wehmut ergreift das Herz. Auf dem Herd köchelt die Sauce. Es ist nicht aller Tage Abend, nur weil die Dämmerung früher einsetzt als die Tage zuvor. Mit etwas Glück geraten wir in goldene Tage und kehren nach den Veräußerlichungen in uns zurück, in die Tiefe der Verstecke und der haltbareren Gedanken. Ich möchte Mäntel tragen, das sei angemerkt. Im Sommer hat man stets zu wenig an und wirkt schlecht gekleidet. Die Haut möchte auch verborgen sein einmal. Im Frühjahr läuft’s dann andersherum. Ich kümmere mich um Herbstgedichte.
Fruchtbringende Zeit
Jahr der Eicheln und Kastanien. Natur kann verschwenderisch sein. Ergiebiger Landregen. In den Spurrinnen der Fahrbahn schäumt das Wasser. Warum überquere ich lächelnd die Straße, während die Fahrer in ihren Autos hinter den Scheibenwischern warten, daß die Lichter der Ampel umspringen. Grundlos, einfach so, aus Jux und Tollerei. Ich lebe. Es gibt kein Leben ohne Tragik. Die Blätter fallen, die Insekten sterben. Der Teddybär schaut gedankenversunken aus dem Fenster ins Grün des totgesagten Parks. Ich betrachte die Zeichnungen der vergangenen Jahre.
Aus dem Zusammenhang 335
„Der Körper reist auf Rädern, die Seele reist zu Fuß.“
Versailles, S1 E5
Sommer heißt jetzt Herbst
Überall sagten sie heute: der letzte warme Tag. So lief ich am letzten warmen Tag durch die Straßen und kreuz und quer durch trockengrasige Parks und schnappte dies und das auf. „He’s boring“, sagte ein Mädchen zur Freundin. Das ist nicht recht, ein Mann darf auch als Junge nicht langweilen. Aber vielleicht ist er zuverlässig und treu, das ist auch etwas wert. Dürfen denn Mädchen oder Frauen langweilig sein, wenn sie immerhin hüsch sind. Ich ging nicht den Klischees nach, sondern suchte einen Ort zum Verweilen. Es war der letzte warme Tag, da müßte ich doch ein Straßencafé finden mit einem Tisch und einem Stuhl und einem Blick auf das Leben am letzten warmen Tag in Berlin. Stattdessen gelangte ich in eine Currywurstbude, in der der Imbißmann mich mein Bester nannte, zum Abschied gar mein Süßer. Und da wird behauptet, in Berlin seien sie unfreundlich. Ich habe erfahren, daß es legales LSD zu kaufen gibt, here in our store. Das macht religiöse Erfahrungen, die lange vorhalten. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie sich bitte durch. Überall sagten sie: morgen soll es regnen. Das ist doch auch nicht schlecht. So wie wir nicht ewig leben können, kann auch nicht immer Sommer sein. Noch ist er ja da, nennt sich nur nicht mehr so.