Gute Nachricht: Die Serie Versailles ist nun in der ARD-Mediathek verfügbar, wenn auch nur die 1. Staffel. Einen lieben Gruß von hier an den Synchronsprecher des Sonnenkönigs. Man vergleiche die dar- und nachgestellte Wirklichkeit mit den bekannten und halbwegs gesicherten Tatsachen. – Schreibe ich Wirklichkeit und Tatsachen, zuckt es in mir. Das soll so sein. Die Sinne sind elektrisch.
Allgemein
Über die Stränge
Man soll sich, heißt es, nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Das wird schon stimmen, der Hinweis ist richtig. Gestern habe ich eine Erkältung gestoppt, die ich nicht haben mochte. Sie überfiel mich am Samstag nach einer Erschöpfungswoche voller Arbeit. Gestern ging ich nach einem langen Wind-und-Wetter-Spaziergang in eine Bar und bestellte einen Whisky. Hilft der gegen Erkältung? mußte ich nicht fragen. Dies ist der Abend, wußte ich, an dem ich eine Erkältung exekutiere. So geschah es. Ich blieb lange, ging schließlich heim, erwachte in Glücksgefühlen. Die Kraft des Geistes ist unterschätzt. Manchmal hat er keine, dann läuft auch nichts. Mentale Energie mag das genannt sein. Die Worte sind nicht wichtig. Wichtig ist, was hinter den Worten steht. Die Erkältung ist fort, geblieben ist eine Stimme, die etwas rauher klingt als sonst, ein Überbleibsel, eine Erinnerung.
Täglich laufen lernen
Worte machen den lieben langen Tag
Eine neue Woche beginnt. Gehen wir sie an, da wir müssen. Diesbezüglich steht nichts frei. Die letzte habe ich derart mit reden verbracht, daß ich sprachlos zu sein wünschte für wenigstens ein Wochenende. Daß man soviel reden kann oder muß! Rolf Dieter Brinkmann fiel mir ein: die Wirklichkeit, das ist nichts als Worte. Denn reden können wir. Aber was ist mit dem, was hinter den Worten steht und mit ihnen gemeint zu sein scheint oder ist? Ich sage beispielsweise „Zaun“, und schon ersteht eine Welt. Ich zum Beispiel denke an einen Gartenzaun, an dem es wächst und blüht. Andere sehen anderes. Das interessiert mich. Insbesondere beschäftigt mich politisches Palaver, in dem Worthülsen kreisen, deren Inhalt ungeklärt ist. Das ist, als jongliere man mit Handgranaten, ohne zu wissen, ob sie bereits entsichert sind.
Aufgehoben
Auf dem Schreibtisch liegt ein Lavastein, seiner Größe nach einer Kastanienfrucht ebenbürtig. Schwarz, löchrig, unheimlich. Oft drehe und wende ich ihn, erkennne Gesichter, Dämonenfratzen, Alptraumgestalten. Ich habe den Stein vom Boden aufgehoben, als wir unbeabsichtigt im Lager Ravensbrück landeten, ist ein paar Wochen her. Man tut wenig umsonst, davon gehe ich aus. Die Vorkommnisse sind bezüglich, wenig verschwindet im Nichts. Und wir wissen, daß es das Nichts gar nicht gibt. Niemand entflieht den Bedeutungen.
Alte Medizin
Drei bis vier Handbreiten über dem Erdboden
Im Park rasen zwei von der Leine gelassene Kleinhunde auf mich los, spornen sich gegenseitig an. Sie schießen links und rechts vorbei, drehen dann um. Ich höre das Kratzen ihrer Krallen auf dem Asphalt. Nun kommen sie von hinten, kleffen sich ihre jämmerlichen Seelen aus dem Leib, umkreisen mich, als sei ich sonstwas. Endlich kommt der Besitzer, speckige Lederjacke, lange eisgraue Haare, Typ Vietnamveteran (all die schönen Filme), und leint den aggressiveren der beiden Köter an: „Wir sind fünf Stunden unterwegs, okay. Der hier ist nicht unser, den führen wir nur aus. Sie befanden sich nie in Gefahr, okay.“ Und streckt mir die Faust entgegen, wie man das so macht, wenn man cool ist. Ich scheine ein höflicher Mensch zu sein, denn ich nehme die etwas verunglückte Entschuldigungsgeste an. Sie haben sich nie in Gefahr befunden … Nun, um mein Leben habe ich nicht gefürchtet. Ich war nur kurz davor, dem Jiffel einen Tritt unters Kinn zu verpassen. Dann fliegt er kurz durch die Luft, landet hart, rappelt sich auf und spritzt auf mich zu, beißt ins Bein oder in den Knöchel. Dann muß ich zum Arzt und gegen Wundstarrkrampf geimpft werden, das ist nervig. Hunde greifen mich nicht an, verdammt nochmal. Die Empörung begleitet die weiteren Schritte. Einer dieser Tage.
Was soll man machen
Aus dem Zusammenhang 333
„Was soll die Tätowierung?“
„Die habe ich, seit mein Vater tot ist. Er hat mich immer ‚die Löwin‘ genannt.“
„Wenn du eine richtige Löwin wärest, bräuchtest du keine Tätowierung.“
Gomorrha, S2 E4
Gemeinschaft der Fremden
Sage niemand etwas gegen Normalität. Sie mag grau sein, trist, empfängnislos. Doch von ihr hebt sich ab, was wir bestaunen und verehren können. Vergessen wir nicht: eine stabile Normalität ist Grundlage der Abweichungen. Daß die Künstler und andere eigens Feine sich zu schützen wissen, ist richtig. Die Normalität kann allumfassend wirken und ein jegliches einzugemeinden bestrebt sein. Deshalb ihr Sinn, sofern sie einen hat, daraufhin zu richten, nicht hinzurichten. Man nennt solches Gelingen Zivilisation.