Wie wäre es, ein Gott zu sein. Nicht frevlerisch, sondern demütig wissend. Welches Wissen müßte bereitgestellt oder vorausgesetzt sein. Was geschähe, welche Handlungen erwüchsen aus der Machtvollkommenheit solcher Position. Nichts allein Weltliches, sondern umfassend Geistliches wäre zu erwarten. Was geschähe mit den Fragezeichen. Stürben sie aus. Man muß mit seinem Gott und den Göttern kämpfen, sonst nehmen sie einen nicht ernst. Wem ich das verdanke.
Allgemein
Scham
Es sterben die Leute, was soll man denn da machen. Man kann gar nichts machen, sie sterben einfach. Starben vorher weniger Leute, umgekehrt gefragt: sterben derzeit mehr Leute. Gerüchte laufen um wie Hunde, schnüffeln herum und heben ihr Bein, markieren die Stelle. Hätte ich einen Hund, würde ich ihn nicht Corona nennen, denn so heißt bereits ein Bier. Daß die Angst umgeht, habe ich verstanden. Daher dieses Dokument. Man spielt nicht mit Menschen, das rächt sich.
Impulse empfangen und senden
Stab
Als Menschen sind wir Lebenskünstler oder dürfen es werden. Künstler sind Menschen, die unerwartet und nicht selten unangeleitet etwas hervorbringen, das auch sie selbst sein können. Das eigentliche Kunstwerk könnte das eigene Leben sein oder ist es. Natürlich wird das von anderer Seite bestritten oder abgetan. Solcher Widerspruch gehört in die Ordnung, sofern Ordnung ein Ganzes ist. Tanzt der Kongreß, wird woanders gesät und geerntet. Man soll sich nicht dumm stellen. Doch wer glaubt, die Lebenskünstler säßen dort, wo die Schreibtische stehen und vor den Schreibtischen die Stühle, irrt sich entscheidend. Mir sind die Handwerker, die ich kenne, stets die Gebildetsten. Sie wissen konkret Bescheid, nicht nur theoretisch. In einem zweiten Leben werde ich Handwerker, zugleich bin ich es bereits. Nicht über eine anerkannte Ausbildung, sondern über das Tun. Ein Handwerker der Buchstaben, der Schrift und des Schreibens, angrenzend ans Heilige höherer Künste.
Friedrich Wilhelm
Warum eigentlich wird eine Unterschrift schnell ausgeführt. Man könnte sich Zeit lassen und sie in Ruhe und schön niederlegen. Damit wäre bereits etwas gewonnen, das uns sonst die Künstler lehren.
Sinnlos leiden in einer Fülle des Nichts
Ich weiß nicht mehr genau, wann es anfing. Es muß in den Nullerjahren gewesen sein, daß ich unwillkürlich Ancien Régime dachte, wenn von den herrschenden politischen Systemen die Rede war. Sie fuchteln und zappeln, bellen und ballern, tricksen herum, drohen und bedrohen einander, türmen tote Materie auf und gieren nach immer monumentalerer und leererer Größe. Es war die Zeit der großen amerikanischen Revanche. Später kamen weitere sinnlose Krisen hinzu, in immer schnellerer Folge, ich zähle sie nicht auf. Sie waren oder sind sinnlos, da ihre Ursache nicht verstanden werden kann. Solches Nichtverstehenkönnen ist herausragendes Kennzeichen eines Ancien Régime. Es vermag nicht über seinen Schatten zu springen, trotz all der ausgeklügelten Technik. Das ist keine Spezifität des Westens, Ancien Régime ist überall. Und dennoch sollte es ein richtiges Leben im falschen geben.
Der dunkle Trieb
Wenn mich etwas abstößt, dann ist es die Arroganz der Gegenwart. Ich bin mir nicht sicher, ob es Ziel und Aufgabe aller vergangenen Leben war, ausgerechnet uns hervorzubringen. Immerhin ist es geschehen. Wir sind hier, wir versuchen es, geben unser Bestes. Meines Erachtens aber gilt die Würde des Fremden (Novalis) auch für die Vergangenheiten. Sie müssen nicht zurechtfrisiert werden für ‚unseren‘ Geschmack. Es ist nicht einmal nötig, in ihnen Vertrautes vorzufinden. Ich benötige kein identifikatorisches Schauen – ich schaue ohnehin, wie und wohin ich will. Wenig in der Vergangenheit ist bereits auf uns Jetzige angelegt, möchte ich wetten. Das, was wir sind (wie wir leben), ergab sich so. Dauernd war was los, selten kam mal jemand zur Ruhe. Die Geschichte stürzt ziellos nach vorn. Wie ein Strom meinetwegen, der sich durch die Landschaft frißt oder wälzt, immer dorthin, wo gerade Platz ist und es bergab geht. Eines Tages erreicht er vielleicht das Meer, doch niemand kann sagen, was das Meer ist. Andererseits – besichtigt man alte Burgen und betritt Folterkammern, setzt ein Wiedererkennen ein. Die Gegenwart ahmt die Vergangenheit nach, aber weiß es nicht.
Aus dem Zusammenhang 334
„Man beachte das göttliche Recht der Könige – und seine Geschenke. Dies ist das neue Gesetz Eures Königs, der einen wahrhaft Adligen seiner Würde beraubt, den Ruf eines Mannes besudelt, dessen Familie Fundament dieses Landes ist. Denn einst, vor nicht allzu langer Zeit, wußten wir, wo wir standen. Aber jetzt müssen wir uns beweisen, jetzt müssen wir für unser Abendbrot singen. Jetzt sagt der König: Ich bin Frankreich. Aber ich sage: Wir sind es, die Frankreich sind. Der Zustand unseres lieben Freundes M* ist eine Botschaft. Der König wird seine Antwort bekommen. Der König ist besessen von seinem neuen Spielplatz in den Wäldern. Er sieht Versailles und nichts anderes. Er hat vergessen, wer dieses Land aufgebaut hat. Würden wir nun diese Ablenkung beseitigen, würde der König vielleicht wieder zu sich kommen, und Versailles würde von Unkraut überwuchert. Der König würde nach Paris zurückkehren und wir zu unseren Ländereien – und unseren Leben.“
Versailles, S1 E3
Kaffeemaschinenmorgenmeditation
Ich stehe vor der Kaffeemaschine und denke an Revolution. Was macht die mit den Menschen? Sie enthemmt sie, läßt sie übereinander herfallen, gruppenweise sortiert nach tagesaktuellen Parolen und Phrasen – je unbestimmter, desto besser. Andererseits hat sich Spannung aufgebaut, die sich bis zur krachenden Entladung nur weiter noch qualvoll steigert. Endlich reicht ein Streichholz, der Kessel explodiert. Man sucht sich ein Versteck oder läuft um sein Leben. Später, wenn das Chaos unerträglich geworden ist, übernimmt ein strengeres Gewaltregime und installiert seine harsche Ordnung. Man zählt durch und stellt fest, daß welche fehlen. War es das wert? Seltsame Frage angesichts der Geschichte. Immerhin ist Donnerstag.