Ein kleiner Fauxpas läßt mich an Freundlichkeit denken. Sie ist wertvoll und eine der kostbaren Tugenden. In Deutschland ist sie unterschätzt, denn es existiert ein Kult sogenannter Authentizität, demzufolge man nichts zu verschenken hat und seine Übellaunigkeit auf die Straße und unter die Mitmenschen lassen darf. (Ich bin, wie ich bin. Friß oder stirb. Dann schau halt woanders hin. Für euch verstelle ich mich nicht.) Bekannt ist auch die Unterstellung, jemand sei freundlich nur aus einem Grund, dem nämlich, vom Adressaten seiner falschen Freundlichkeit etwas zu wollen. Oder diese: Man sei freundlich, um sich anzudienen oder auch bloß, um zu gefallen. (Wem eigentlich und wozu?) So wird der Freundlichkeit eine Zweckbestimmung angeheftet, von der sie sich erst wieder zu erholen hat. Auch durch gründlicheres Nachdenken und tieferes Einfühlen. Freundlichkeit verzaubert das Leben. Der Ton macht die Musik. Wenn du etwas zu sagen hast, sag es schön. Vielleicht kann ich es dann leichter annehmen. In der Freundlichkeit scheint die Verbundenheit aller Lebewesen auf, die sich im Gegeneinander nur zermürben würden und es übrigens eifrig tun.
Allgemein
Trocken, warm, halbwegs freundlich
Die Wunden heilen besser im trockenen Sommer. Hat man sich geschnitten oder ist die Haut aufgekratzt, sieht man zwei bis drei Tage später nahezu nichts mehr davon. Sonst ist es hier eher feucht und unheilsam, die graukaltfeuchten Monate sind verschrien. Manche fliegen, da sie können, winters in die saisonalen Wärme- und Wohlfühlklimate. Der Klimawechsel soll ihnen ein Brückenpfeiler sein. Einst war auch ich in einem Februar in Afrika, dort in einem Land, das nach Regen schrie, und kehrte zurück ins nebelnasse und triefend kalte Deutschland. Schneeflocken am Flughafen Frankfurt Main. Unfreundlichkeit war das erste Willkommenszeichen meines Landes. Hier stößt man sich ab, hier hangelt man sich durch. Halt die Fresse, Affe. Das ist fast schon Aufmerksamkeit. Aber die lieben Großeltern.
Pflaumen pflücken
Dreihundertfünfundsechzig Einwohner
Es braucht einige Zeit, Teil des Ortes zu werden. Im Wald dauert es nicht lang, dann kehren die Tiere zurück oder zeigen sich. Man muß nur stillsitzen und die Klappe halten. Besucht man einen Ort, an dem Menschen sind, gelten ähnliche Regeln, nur daß man sich äußern muß. Ein klein wenig nur, ein paar Sätze. Woher und wohin – der Einordnung halber. Hilf den Menschen stets, daß sie dich nicht für einen Eindringling halten oder einen Gewaltverbrecher. Es hat Schlimmes gegeben, die Leute merken sich das. Ich komme vom Dorf.
Schlafen und können
Man muß erstmal müde sein, um schlafen zu können. Zuhause schlafe ich tief und gut. Bin ich unterwegs und an körperfremdem Ort, sucht mich mein Schlaf oder ich ihn, und wir finden uns nicht. Nach einigen Tagen fallen wir einander sehnsüchtig in die Arme und werden erneut eins. Warum das so ist oder normal in meinem Alter ist, weiß ich nicht. Früher schlief ich überall, doch das Einschlafen war stets schwierig. Ich nahm die Tageserlebnisse mit, ich konnte sie nicht liegen lassen. Wie beneidete ich die Schnarchenden, daß sie bereits schlafen konnten.
Krönungstext
Etwas Unheimliches geschieht, wenn die Zeit voranschreitet und das Überzählige und Abgegoltene zur Seite wischt. Längs des Weges ihrer Hoheit verenden Wichtigkeiten zu Nichtigkeiten. Schon gehört, die Königin zog durch? Nein, sie war nicht allein. Ihr Troß zog mit. Auch der wird dranglauben müssen, später einmal. Die Königin verschont niemanden, außer sich selbst. Sie läßt sich nicht töten, schwer ignorieren. Ein paar Leute nimmt sie mit, ein Wegstück lang, dann spuckt sie die Millionen in den Sand. Sie ist die Blutmutter des werdenden Seins, aus ihr gebieten sich der Anspruch und die Macht als Prachtentfaltung der Vergänglichkeit. Zunächst nämlich muß werden, daß es endlich vergehen könne. Nicht unverrichteter Dinge, wie gehofft zu werden scheint.
Auf dem Laufband
Zukunft kommt später
Der Sommer ist, worauf man sich freut. Wie auf einen Besuch. Ist er endlich da, weiß man zu wenig damit anzufangen. Es ist ein Kreuz mit dem Menschen. Zwar vermag er sich zu freuen, doch hält die Freude selten an. Neue Reize werden nötig. Neue Hoffnungen steuern auf neuerliche Enttäuschungen zu. Den klugen Satz habe ich mir gemerkt: „Für mich gibt es keine schlechten Jahreszeiten.“ Der Sommer läßt uns noch nicht los. Er prügelt vielmehr auf uns ein. Ist der Sommer gut, sehnt man sich nach der Tiefe der Farben des Herbstes und kühlendem Schatten. September ist der schönste Monat des Jahres, gefolgt vom zweitschönsten. Unter Weinlaub sitzen, schweigen oder sprechen. Allzubald wird es kalt – das habe ich früher gefürchtet und mir die Tage der Gunst verschandelt durch Vorstellungen dessen, was kommen wird. Ich habe mich bedrohen lassen.
Schrauben ohne Dübel
Wenn man mir auf die Ohren schlägt, werde ich taub. Wer mir in die Augen sticht, macht mich blind. Wer mir ins Gehirn will, bekommt eine Banane. Der Betäubung nahe habe ich nur den Wunsch, daß diese beiden endlos besprochenen Landtagswahlen, die man jetzt schon historisch nennt, obwohl sie noch nicht einmal stattgefunden haben, möglichst schnell vorbei sind. Dann wissen wir nämlich, daß es so gekommen ist, wie man befürchtet hat, und wissen oder ahnen zugleich, daß es immer einen Weg gibt, sich aus einem Schlamassel zu befreien, den man selbst angerichtet hat. Man ist ein Indefinitpronomen – man weiß nie, wer genau gemeint ist.
Eidechsen
Meine Liebe zu den Mauerblümchen ist unerklärt. Ihnen widmete ich die Gesänge meines Herzens. Man soll darüber nicht große Worte verlieren. Die Sänger wollen singen. Die Schatten wandern.