Lärm machen unterhalb des Schweigens

Die wirklichen Texte eines Lebens sind nicht geschrieben. Sie werden nicht geschrieben, aus Rücksicht. Nicht einmal im Tagebuch steht die ganze Wahrheit. Nicht, weil es die ganze Wahrheit nicht gibt, sondern weil wir aufeinander Rücksicht nehmen, selbst wenn wir schreiben, also ehrlich zu sein scheinen. Schreiben heißt: ausreden zu können, ununterbrochen zu sprechen, sich auszusagen oder etwas anderes zu sagen, hinaus in die Nacht, hinaus ins Meer, empor zu den Sternen. Form einer Einsamkeit innerhalb der Einsamkeit alles Gegenständlichen. Es braucht nicht viel, daß einen ein Liegestuhl schluchzen macht.

Lärm machen unterhalb des Schweigens

Karussell und Drehrichtung

Ist man jung genug, stehen einem sämtliche Romantiken offen. Man läuft in sie hinein, hoffenden Herzens. Das ist gut, man würde es wieder tun, da man müßte. Wird man älter, verschließen sie sich nicht gänzlich. Ohnedies bliebe die Erinnerung. Sie treten zur Seite wie etwas, das warten kann. Romantik ist stets Rückblick auf Verflossenes, selten Vorschau auf Künftiges. Täusche ich mich? Sie ist ein frühes Kind der Moderne und des Bedauerns. Darin liegt ihre Würde. Man soll die Toten anständig begraben und keinen Unsinn über sie verbreiten. Wäre dies verstanden, hätten wir einige politische Streitigkeiten weniger.

Karussell und Drehrichtung

Bären in Alaska, Wildschweine im Grunewald

Ist man eines Tages Bestandteil von etwas, unversehens, Mitglied, Pate oder Spender, Investor, Wohltäter oder Nutznießer, Parasit oder stiller Teilhaber, verändert einen solche Zugehörigkeit. Wir sind für Gemeinschaften geschaffen und benehmen uns so. Selbst die Individuellsten knicken ein und lernen nicken. Früherfrüher hegte ich Phantasien meiner eigenen Heldenhaftigkeit abseits von allen und allem draußen am Rande eines grausigen oder eisigen Waldes, Alaska-Erzählungen von Jack London abwandelnd und zurechtschneidend auf die Bedürfnisse, recht weit entfernt von jeglicher Zivilisation, und mit Schlittenhunden oder einem Motorrad würde ich in die Stadt rutschen oder rollen, die wichtig wäre für einen Abend in einer Bar und die Auffrischung eigener Bestände dort oben in der Hütte. Dort oben würde ich auch schreiben. Denn wenn ich dort oben oder dort draußen wäre, würde ich automatisch schreiben können. Die Themen ergäben sich von selbst. Ich halte diese Idee noch immer nicht für falsch.

Bären in Alaska, Wildschweine im Grunewald

Titel geben

Nächste Erkenntnis eines warmen Sommers: ich bin wunschlos. Demnach auch glücklich? Die etwas einfache Frage erübrigt sich nach wenigem Nachdenken. Wie kann das sein? Möchtest du nicht mehr Geld verdienen, in einem besseren Viertel leben? Nein, möchte ich nicht. Ich bin exakt dort, wo ich sein möchte, wünsche mich nirgendwo hin. Bin ich bei mir, ist mir wohl. Zerrt mich jemand aus mir, reagiere ich wie eine Schnecke, die ein Schneckenhaus nicht bewohnt, sondern mit sich nimmt auf Reisen. Ich lasse andere, man soll mich lassen. So ist es gut. So ergibt sich was, falls sich was ergeben soll. Nur mit der Ruhe. Die Turbulenzen verwirren die Turbulenten und verstärken die Turbulenz. In der Ruhe liegt die Kraft, wurde uns, da wir Kinder waren, beigebracht. Nichts, das man einfach so nehmen kann. Erfahrung hat mit fahren zu tun, mit Bewegung, mit Bildern, mit Erkenntnissen, mit Mühsal und Selbstüberwindung. Nichts wird serviert, das ist das Schöne und Kräftezehrende am Leben. Man stürzt sich hinein wie in ein Nichtschwimmerbecken und lernt recht bald schwimmen oder säuft ab.

Titel geben

Nonbanal

Die Unglaublichkeit dessen, was ist. Kann es dich denn wirklich geben, ist das wahr? Zauberfrage der Verliebten und Liebenden. Inmitten solcher Wunder lebend, als sei auch leben normal und gehöre sich so. Was kann man schon machen, muß ja. Zwischen solchen Sichten oder Ansichten klaffen Welten, wir überbrücken sie in uns selbst. Manche benötigen zur Nachhilfe einen Sternenhimmel in nicht lichtverschmutzter Umgebung. Andere tun etwas anderes, um sich der Unglaublichkeit nahe zu bringen. Normalität scheint mit Norm und Normung zu tun zu haben. Eins wie das andere, sagen diese beiden. Die Träume und Wünsche schrammen aneinander vorbei und erzeugen Reibungsenergie.

Nonbanal

Folge

Die Leute, die ich kenne, möchten nicht begreifen, daß sich Politik niemals um einzelne schert (also um keinen von uns), sondern stets Gruppen anvisiert und entweder kaltstellt oder in Höhen hievt. Man braucht allerdings politisches Talent, um solch generalisierendes und trennendes Denken hinzubekommen. Deshalb passen Wissenschaft und Politik zunächst gut zusammen, auch wenn die Alliance gefährlich ist und zu wenig Gutem führt: In ihren Geltungs- und Herrschaftsbereichen haben die Individuen jeweils einen zugewiesenen Platz, an den sie objektiv zu gehören scheinen und den sie nicht unbemerkt verlassen können. In beiden Bereichen wird auf Sicherheit durch Kontrolle gesetzt. Ich bewundere die Akteure der zuständigen Anstalten, sie leisten Unermeßliches. Als während der C-Gelegenheit die Beeindruckten akklamativ anordneten, der fahrlässig unbeeindruckte Rest der Republik solle doch endlich ebenfalls „der Wissenschaft“ folgen, war ich kurz davor, mir in die Hose zu machen vor Lachen. Derart schelmisch kann man nicht sein, lachte oder dachte ich. Aber sie, die Gutgläubigen, meinten es ernst. Das war niedlich, das rührte zu Herzen. Ein jeder aus den Bereichen, die ich anspreche, weiß und wußte, daß ein Vertrauen in führungs- und richtungsweisende Mächte nicht nur naiv, sondern offenkundig Unfug ist. Dennoch wurde es, dieses Vertrauen, kommuniziert. Es gibt die Wissenschaft ebenso wenig wie „die Politik“. Aber das weiß man ja. Bis man es vergißt. Ach, wie gnädig ist doch das Hirn, daß es so ungefragt und sensibel auf Druck reagiert und augenblicklich weiß, warum es so ist, wie es ist, und deshalb so sein muß. Ein dienendes Organ.

Folge

Verantwortung

Müßte ich einen Brief schreiben, schriebe ich: Ja, ich genieße diesen wirklichen Sommer ganz und gar. Nachts noch wärmen die Winde und streichen über die Haut, die es nicht gewohnt ist, daß ein Wind so warm und weich sein kann. Vor den Cafés und Bars sitzen bis tief in die Nacht die Lebendigen und vertrauen einander aufs Wort, nicht auf die Tat. Die Sterne funkeln am Himmel, ein Fuchs streunt die eingeparkten Automobile entlang. Menschen sind ihm schnuppe. Noch drei Tage warm, sagt der Spätkaufverkäufer. Dann … er beschreibt mit der Hand eine Bewegung nach unten. Das geschieht in meiner kleinen ausschnitthaften Welt. Ich könnte oder müßte endlos weiterschreiben. Nicht die Dinge sind schuld, daß ich sie bemerke.

Verantwortung