Wer wenig ißt, würgt an großen Portionen. Der Magen ist ein kleines Säckchen im Bauch. Es läßt sich trainieren, sofern man mag. Das Gehirn ist ein Organ oberhalb der Sinnesöffnungen des Kopfes. Es schaltet und waltet, allerdings nicht nach Belieben. Geist ist kein Organ und kein Gebilde, sondern die (zunächst) gedachte Größe, die das Gehirn kontrolliert und in Schach hält – zur Not Ruhe befiehlt. Denn das Hirn ist ein vorlautes Organ, es traut allerhand zu und spricht tagaus tagein, wertet, kommentiert, weiß sich wichtig, spreizt sich auf, möchte beweisen, was es kann und nächstens will. Da mag der Geist einschreiten und für Beruhigung sorgen. Über solche Macht verfügt der Geist, den wir sonstwo werden lokalisieren werden. Mir wäre lieb, man lokalisierte ihn nicht eigens. Wozu solch vergebliche Mühe.
Allgemein
Man muß es nicht zweimal sagen
Da ich mich lebens so verpulvere, bedarf es kaum der geschriebenen Worte. Im Winter, wenn wieder mehr fehlt, oder im Herbst, wenn die Schönheit in die Tiefe der Farben führt, wird es der Worte bedürfen, um erneut balancieren zu lernen auf dem Seil, das von dort, woher ich komme, zu jenem Ort, zu dem ich soll oder will oder muß, gespannt ist. Dieser Tage bin ich vogelfrei und habe zugesehen, wie eine Taube nachts gegen die Küchenfenster schlug, zweifach und aufgefiedert wie eine attackierende Gewalt. Am nächsten Tag lag sie grau und tot im Beet aus Gräsern und Blumen, zwei Meter entfernt von der Hauswand. Was war da los? Tauben fliegen nicht des Nachts. Wer oder was war hinter ihr her, traf und tötete sie? Kein Wunder, daß ich träume und visoniere. Das Glück liegt neben dem Schrecken bereit.
Sofern wir leben
Milieu und Zeit
Sekunden schmecken
Es war damals zu Beginn der Neunziger oder Ende der Achtziger, als ein Interview im Stern-Magazin mich erfreute. (Wartezimmer- oder Kaffeehauslektüre) Da sagte ein Experte, daß sämtliche Vorstellungen von Sinn und Bedeutung des menschlichen Lebens einbrächen, gäbe es so etwas wie ein beliebig verlängerbares menschliches Leben. | Damals gab es keinen Transhumanismus, ein solcher Humanismus war noch nicht erfunden. Wenngleich die Ideen herumspukten. Milliardäre wollten ewig leben, sich auf Eis legen lassen oder ihre kostbaren Spermien konservieren. | Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen. Erziehung nimmt zuweilen mit dem Erstbesten vorlieb oder muß es, doch der Umkehrschluß solcher Platitüde macht denken. Ich müßte nichts jemals tun, denn es hätte Zeit bis sonstwann. Da ich ewig jung wäre, käme ich nicht in den Genuß des Alterns. Ein Leben ohne Zeit-Limit (Grenzen) geriete in obszöne Verzerrung. Greise fingerten an sonstwas herum und verwiesen, zur Rechenschaft gezogen, auf ihre verbleibenden einhundertfünfzig Jahre mindestens hin. Der Traum geriete zum Alptraum – Kennzeichen des Utopismus.
Verlust als Wert
Nichts, behaupte ich, wäre gewonnen, wenn dieser Sommer – oder einer seiner gewiß vielen Nachfolger – ewig währte. Einiges wäre zu gewinnen, wenn wir uns verneigten vor seiner Hoheit und dankbar erwiesen der Pracht und Schönheit seiner Gaben. Erntezeit naht, die solches zu fassen hat. Vor vielen Jahren erfuhr ich von einer Reisenden, daß die Menschen in Japan stolz seien auf ihre vier Jahreszeiten. Ein immerwährender Sommer ergäbe uns. Man kann das auffüllen mit Vorstellungen. Daß die bedürftige Melancholie sich der Zeit anhängt, wird ihr niemand verübeln. Ihr ist stets das Verlorene wertvoller als das Vorhandene. So zeichnet sie nachträglich aus.
Zeitgefangenheit
Heißer Tag, warme Nacht. Mir ist die Stadt wie vor fünf Jahren. Es wimmelt. Die Nacht wiegt nicht zur Ruhe ein, sie stachelt auf. Zur Unruhe, zu schönen Schandtaten, zu sinnlicher Lebendigkeit. Verwegene Winde durchlaufen die Straßen wie streunende Hunde. Vielstimmig ist der Menschen Chor. Am Himmel hängt ein halbierter Mond. Den lieben langen Tag, der sich neigt, habe ich der Zeit gedacht. Nämlich jenen Wirksamkeiten, die sie in uns entfaltet, wenn wir sie nicht gehörig zur Rechenschaft ziehen. Mag ja sein, daß alles flüchtig ist. Was spricht gegen das Bier, das ich trinke, gegen den Satz, den ich äußere? Warum überhaupt sollte irgendwas gegen irgend etwas anderes sprechen? Ich muß es schärfer fassen: Vergänglichkeit ist ein hoher Wert.
Wo ich noch nicht war
Socken
Die ironische Generation mag annehmen, dies seien uneigentliche Texte. Bei uns zuhause wurden Socken gestopft, nur daß ich selbst es nicht lernen konnte. Der Fortschritt hat gesagt, daß wir nicht länger Socken stopfen müssen. Es gibt genug Socken hier bei uns, sie kommen von überall her. Wir leben in Sockenland, nur daß niemand das sagt.
Hosen
Kaum schreibe ich über Hemden, möchte ich über Hosen handeln. Hosen werden unterschätzt. Vor ein paar Wochen sah ich einen Hasen fliehen, der sprang hoch und weit. Keine Chance für einen Bumerang-Werfer. Hosen kleiden. Ohne Hosen wird es schwierig. Mir wäre lieb, würde ich Komiker. Mit weißen Söckchen ist einiges getan. Man trippelt wie von selbst. Rokoko-Zeit. Fußtritte sind verpönt und vulgär (gebräuchlich). Egon Friedell lesen, Kulturgeschichte der Neuzeit, macht süchtig. Hosen runter! befehlen sie im Kartenspiel. Es gibt zu verteidigen.