Kompliziert sind die Wege der Vernunft, sie irrt durchs Labyrinth menschlichen Verhaltens und sucht zaghaft, sich zu verstehen zu geben. Andererseits kann sie selbst das nicht tun, selbst wäre sie Göttin. Es sollten schon Menschen sein, die für sie sprechen und ihren Willen erraten. Verstehen werden wir sie nie, doch Annäherungen sind möglich. Ich bewundere die Aufklärer der ersten Generationen für ihren frühlingshaften Optimismus. Sie schmissen sich voller Vertrauen an den Busen der Vernunft und sogen Wollust und Weisheit aus der Quelle vernünftigen Lebens. Wir sind seitdem durch viele Winter gegangen, und die einstige Göttin und Allmutter ist besudelt und verschmutzt. Allegorisch läßt sich das verwinden, intellektuell und spirituell wiegt es schwer und lastet. Wir sind bereits, falls ich das richtig bemerke, erheblich devastiert.
Allgemein
Ein Glas mit Senf
Senfgläser wurden Trinkgläser. Da komme ich her. Wir hätten sie ins Altglas geben können, doch wir taten es nicht. Manchmal fiel ein Glas zu Boden, dann war es nicht so schlimm. Schlimm war es, wenn man barfuß in die Scherben trat. Deshalb war es wichtig, den Küchenfußboden gut auszufegen und keinen einzigen Glassplitter zu übersehen. Senfgläser sind Gläser, in denen Senf verkauft wird. Thomy, Kühne, all die Marken. Seit der sogenannten Wende kaufe ich Bauz’ner Senf, doch den gibt es in Plastikverpackungen. Kompliziert sind die Wege der Vernunft, sie irrt durchs Labyrinth menschlichen Verhaltens und sucht zaghaft, sich zu verstehen zu geben.
Außerhalb der Bestände
Wer sich sehr verliebt hat, wird den Zufall beschwören, daß es zu einer Begegnung kommen mag, unverabredet und unverstellt von Planung und vorgeschalteter Absicht. Die Götter müssen ins Spiel als Autoritäten übergeordneter Auffassung und Deutung. Liebe kann nicht allein Menschensache sein, sonst würde sie zerredet und zermalmt wie sonstwas.
Aus dem Zusammenhang 329
„Es gehört zum Leben, daß es endet. Seines endete gut. Es gibt also keinen Grund, traurig zu sein.“
Yellowstone, S5 E6
Die totale Stille
Die Nacht ist ruhig und schwer. Der fette Sommer ist da. Wir gießen die Blumen und trinken Wasser. In der Hitze langsam die Straße entlang und im Schatten. Die Farben sind noch im Werden, die Sonne wird sie bleichen. Hochsommer ist jetzt. Das frische Grün der Bäume und Sträucher ermuntert die Sinne. Ich würde Lieder singen, müßte ich nicht andauernd arbeiten. So muß ich arbeiten und singen. Es ist eine Schande mit dem Geld, daß es sich nicht gut genug zu verteilen weiß. Andererseits lebe ich exakt so, wie ich es wollte oder sollte. Leben läuft nicht nach Plan, sondern nach Bestimmung. So reden die, die an Bestimmung glauben. Leben folgt dem Zufallsprinzip, sagen andere, nur daß der sogenannte Zufall vermutlich kein Prinzip ist, sondern einstweilige und fortwährende Unberechenbarkeit (zu kompliziert). Ach, diese Nacht macht mich wach.
Im Sande verlaufen
Durchsichtige Manöver ermüden nicht allein, sie bereiten Ekelgefühle. Das Gegenteil behaupten, es dann aber doch tun. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Plakate erinnern daran. Niemand hat die Absicht, eine Allgemeine Impfpflicht zu erlassen (sie wäre überdies verfassungswidrig, wie der spätere Gesundheitsminister erklärte, bevor er sein neues Amt betrat und die zutreffende Einschätzung von vordem verließ). Jahre später sieht die Sache ’naturgemäß‘ anders aus. Vom einstigen Elan der aktivistischen, alarmistischen und kontrafaktischen Interventionen weiß man opportunistisch Abstand zu wahren. Das Beste getan, Gutes geleistet, nichts anderes gewußt, war halt so. Wir erinnern uns in Betroffenheit. Ein Salut auf die Götter in weiß. Wir werden erleben, wem ein Denkmal errichtet wird. Derweil sortieren sie weiterhin ihre unvollständigen Daten.
Die Wirbelwinde
Beschweren wir einander nicht das Herz. Es wird der Winter kommen und zuvor der Herbst, der Spätsommer schon bald mit seiner Schwermütigkeit. Kreisen wir himmelaufwärts in einem Hochdruckgebiet, leicht und enthoben. Höhe verlieren werden wir später, stürzen und landen. Beschweren wir auch das eigene Herz nicht zu sehr. Wir sind moralische Wesen und schuldspruchbereit wie vor einer Hinrichtung. Das soll niemand ausnützen dürfen. Gehen wir davon aus, daß wir das Beste zu geben versuchten, gehen wir davon aus, daß wir scheitern und versagen, gehen wir drittens davon aus, daß wir lernen.
Farben und Formen und Fabrikate
Die Themen laufen vorbei. Dies ist die Straße, ich sitze in einem Café. Es wird nun ein wenig Abend, die Geschäfte des Tages gehen zuende. Wenn die Abendgäste kommen, will ich hier weg sein. Mein Kopf könnte wie beim Tennispublikum von links nach rechts und zurück gehen, jeder Passant könnte Spielball sein im 120°-Schwenkbereich meiner Kopfaugen. Und das sind die Themen in kleiner Auswahl: kurze Hosen mit Beintaschen, tätowierte Beine, der menschliche Gang (die menschlichen Gänge), Satzfetzen, Fremdsprachen, Kleinkinder mit Sonnenschutzmützen, Automodelle, Bettler, Aufkleber an Laternenpfählen, Schnellsprecherin am Nachbartisch, das frische Grün der Sommerbäume, Wolken am Himmel, Gelächter und Lautstärke, Aufblend- und Abblendlicht, Leinenhosen, flatternde Tauben, Fahrbahnmarkierungen, Lampions, Frauen in bunten Kleidern, T-Shirt-Aufschriften, alte Fahrräder und ihre Markenzüge, Barhocker und Bierbänke, Briefkästen und Hausnummern, Balkonpflanzen und Balkonmüll, Dachgauben, Fast Food, Fahnen, Autodachgepäckträger, Falafelpreise, Fußballkinder, nur Kartenzahlung sorry, später im Kaufland: Liebe Eltern, süßwarenfreie Kasse!
Dauernd ist was
Tatsächlich freue ich mich, wenn nichts los ist. Früher wollte ich immer, daß was los ist. Aber was kann denn schon los sein, daß man unbedingt dabei sein muß. Vermutlich gibt es Dinge, die man gesehen sollte und erlebt haben muß, und sei es nur, um mitreden zu können. Erlebnisse gerinnen zu Erfahrungen. Das kann nicht schaden. Eine Frau schiebt einen Hund auf dem Rad vorbei. Der Hund sitzt in einer auf dem Gepäckträger festgezurrten Voliere, wie sie einem Papageien zugemessen ist. Der Hund ist ein kleiner Terrier, er blickt geduldig geradeaus.
Wo wir sind und wer wir sind
Soll man die Tiere den Menschen vorführen oder die Menschen den Tieren. Zoo ist eine Erfahrung. Man braucht starke Nerven und Taschentücher für die Tränen. Wer sich im Zoo nicht fragt, was los ist, wird es auch nicht tun, wenn er Gefangenenlager besichtigt. Daß es ist, wie es ist, ist keine Neuigkeit. Ich muß nach der Würde des Tiers nicht lange suchen, vielmehr nach der des Menschen im Zoo. Tiger sind nicht lustig. Mit einem Silberfasan war ich Auge in Auge. Er ist dort im Tierpark keine Sensation. Er hielt meinen Blick aus, ich den seinen. Ich kann ihn nicht befreien, er nicht mich.