Schnellkurs

Wenn wir uns selbst oder anderen begegnen, begegnen wir Werten. Werte sind nicht Worte, sondern Verhalten. Verhalten ist konkret und ohne Ausflüchte. Man kann mit Worten handeln, wir tun es dauernd. Wert bedeutet wichtig. Das Gegenteil wäre unwert, also nichtig. Im Übermaß der Angebote vergißt sich Entscheidendes. Wählen heißt zugleich verwerfen. Darin besteht der Sinn des Unterscheidungsvermögens, das man gemeinhin Intelligenz nennt.

Schnellkurs

Geschenkte Zeit

Ach Holger, stell dich in die Abendsonne und genieße dein Warten. Züge verspäten sich wie anderes auch. Sieh dir vom Bahnsteig aus die Plakatkunst deines Jahrhunderts an, beobachte den Mann, der sich in das aufgemalte gelbe Rechteck stellt, wohin er sich stellen soll, da er ein sogenannter Raucher ist. In die exakte Mitte des Rechtsecks haben sie einen Edelstahlaschenbecher montiert, der sicher seine tausend Euro gekostet hat. Ein Tontopf täte es auch, doch sind wir nicht Entwicklungsland, die einfachste Lösung fällt flach. Vorhin hat es noch geregnet, deshalb glänzen die Pflastersteine. Der Himmel ist wolkenbunt, Sonnenstrahlen fächern sich. Bald kommt dein Zug, nimm dir noch Zeit für die Architektur der Häuser entlang der Schienen. Da steht das verrottete Steinhaus mit dem undichten Dach. Das müßtest du kaufen für nen Appel und n Ei und ein Café darin einrichten. Das blaue Café. Und nun die entscheidende Frage: Was kommt nach den Sneakern, die Leute können doch nicht barfuß laufen.

Geschenkte Zeit

Über den Weihern und Teichen

Das Flirrende hält an. Ich bin nicht hier, ich bin nicht dort. Schreibtisch ist auch ein Wort. Draußen in der Nacht vor dem geöffneten Fenster hustet jemand. Ich habe in der letzten Nacht gehustet und bin mit Halsschmerzen erwacht. Doch der Tag nahm mich nach Träumen gastlich auf. Dennoch dieses Flirren, als sei ich mittlerweile Libelle. Ein unzuständig Leichtes, sogar einem feuchten Sommer zugetan. Laß mich leben, laß mich leuchten. Glühwürmchen. Auch sie Erinnerung an fernere Tage und ein früheres, nicht besseres Leben. Ich stand immer schon in Not. Wo soll man denn hier hin? Ich kann es gar nicht recht finden.

Über den Weihern und Teichen

Ausgleich der Extreme

Ein Sommer wie früher: eher kühl, häufig naß, wechselhaftes Wetter. Wann war früher? Irgendwann muß früher gewesen sein: ein zurückliegender und zurückgelegter Abschnitt des Wegs, ein paar Orte mit Bildern für die Erinnerung. Früher fieberte ich mit, ob es den widerstreitenden Wettergewalten gelänge, bis Ende Juni ein Hochdruckgebiet über Mitteleuropa zu etablieren. Denn so und nur so bekämen wir sieben stabile Wochen Sonnenschein, Wärme und gute Laune ins triste und lustlose Land. Baggersee und Grillabend, trockenes Gras und das Sirren der Zikaden, draußen schlafen mit fast nichts. Das war selten. Als ich Kind war, klagte Rudi Carrell: „Wann wird’s einmal wieder richtig Sommer / Ein Sommer, wie er früher einmal war?“ Verregnete Sommer – aus solchen Erlebnissen bestehen Kindheit und Jugend, auch später änderte sich wenig. Dann kamen die Hitzesommer mit den Rekordtemperaturen, und die Gleichsetzung von Wetter mit Klima schien gegeben und legitim. Es würde endlos so weitergehen, bis wir eines Tages verkochen. Nun fordern die Medien, da es kühl und normalsommerlich ist, mehr Sommer für das zahlende Publikum. Auf viel Sommer wird man ein Anrecht haben dürfen in Zeiten der globalen Erwärmung. Die Lust soll sich dem Schrecken zugesellen dürfen, wozu sonst verbreitete man sich und ihn.

Ausgleich der Extreme

SEESBG

Daß hier viel steht, hat wenig zu besagen. Die meiste Zeit bin ich mit mir und still. Ich denke viel, rede wenig. Nicht einmal, daß ich viel schriebe. Ein bißchen Tagebuch noch, da steht dann drin, wie das Wetter war. Wenn ich Freunde treffe und mich wohl fühle oder sehr verärgert bin, sprudelt es aus mir heraus. Ich kann dann gar nicht mehr aufhören und muß mich bremsen lernen. Ich lerne das schon. Nach der Pan-Geschichte war ich regelrecht high, wenn ich Menschen sprechen durfte an öffentlichen Orten, sitzend und dazugehörig. Ich grinste, bis es weh tat. So ein entsetzliches schmerzhaftes blödes Glück.

SEESBG

Sie vermißte das Eigene

Fast schon bin ich stolz, wie normal ich noch wirke. Man läßt mich in Cafés. Als gäbe es die Würde einer Person, werde ich erkannt, gegrüßt, geachtet. Das ist eine Menge, das ist sogar viel. Schau nur, wie neuerdings respektabel wir sind. Die meisten sind vorsichtig geworden hinter ihrem allerlei wissen, denn man weiß ja nie. Besser man sieht sich zweimal, noch besser dreimal im Leben und gerät in Tauschhandel. Man muß etwas zu bieten haben, am liebsten Eigenes. Ich denke an M, die mir damals sagte, es lohnten sich die meisten Gespräche kaum, da lese man besser ein Buch. Nein, sie sagte es anders. Sie sagte, wenn ihre Kommilitonen den Mund aufmachten, käme heraus, was sie woanders gelesen hätten. Da könne man gleich zum Buch greifen.

Sie vermißte das Eigene