Den Mauerseglern von unten zugesehen, was sie dort oben veranstalten. Sie schreien vor Vergnügen. In meinem übernächsten Leben werde ich mich als Mauersegler bewerben, im nächsten ist es mir bereits aufgetragen, Pflasterer zu werden und die Plätze und Wege fest und trittsicher zu gestalten, über die wir gehen Schritt für Schritt.
Allgemein
Aus dem Zusammenhang 330
„Gedichte zu schreiben, scheint mir das Schwerste zu sein, weil hier die Probleme des Formalen, des Themas und des Vokabulars in einem gelöst werden müssen, weil sie dem Rhythmus der Zeit gehorchen und dennoch die Fülle der alten und neuen Dinge auf unser Herz hinordnen sollen, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschlossen sind.“
Ingeborg Bachmann, Senza Casa. Autobiografische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen
Wie wir vorankommen
Kurz und klar
Man kann in einem anderen Menschen nicht recht haben.
Einfacher geht es nicht
Sämtliche Konfliktlinien laufen durch mich hindurch. Ich kenne wenige Leute, denen es ebenso ergeht. Ich bin darauf nicht stolz, ich ächze unter den Schmerzen solcher Zerrissenheit. Wie angenehm muß es zu sein, etwa zu sagen: Ich bin Humanist. Oder: Ich bin links. Oder: Ich bin Pazifist. Das Gegenteil auch nicht. Warum nur schaffe ich solches nicht, warum muß in mir stets das Eine wie das Andere angelegt sein – und zwar so sehr, daß ich nicht richten möchte? Eine schöne Antwort wäre, daß ich ein vollständiger Mensch bin. Doch es zieht gewaltig an mir, und sämtliche Kräfte wollen von mir haben, wollen besitzen, besetzen, enteignen sogar. Nicht paranoisch formuliert oder verstanden, sondern realiter. Auf uns alle wird eingewirkt und eingedroschen, und wir selbst sind Einwirkende und schlimmstenfalls eifernd Eindreschende. Orte der Stille sind rar. Es ist gut, wenn man jemanden kennt durch die Phrasen hindurch. Wir üben hier nur, dürfte man denken. Mich beschäftigen die Gesichter, die Blicke, das unausgesprochene Wissen.
Leer und weiter
Schönes Zeichen zu gehen. Der Kugelschreiber schreibt nicht mehr, die Mine ist leer. Zurück auf die Straßen.
Fulda Ecke Weser
Blick auf eine Kreuzung. Im Rückraum klirren Eiswürfel im Shaker. Die Schaufensterscheibe ist riesig, was mag hier gezeigt worden sein, ehe diese Bar einzog? Nun sitze ich im Schaufenster, schreibe einen kleinen Text über ein Schaufenster, in dem jemand sitzt und auf die Straßenkreuzung sieht, wo die Menschen wie auf städtischer Bühne herumlaufen und für den geneigten Betrachter ihren Auftritt und Abtritt haben. Am Tresen wird ein neuer Barmann eingearbeitet. Er sagt, er stamme aus der Nähe von Mailand, einer sehr traurigen Gegend Italiens. Ist eine lange Geschichte, sagt er. Edith Piaf wird gespielt. Wie nannte Georg Stefan Troller sie? Spatz von Paris jedenfalls nicht. Hier ist Berlin, ein warmer Tag. Ich merke das daran, daß ich mich dauernd verspreche und das Gegenteil dessen sage, was ich sagen wollte. Trotzdem versteht man mich, es geht vielen so. Der Verstand mag die wohltemperierten Stunden. Tadamm.
Rückseite
Während der Epidemie kam ich mir vor wie die verlassene Mitte einer aufgegebenen Vernunft. Während viele verrückt spielten oder sich spielen ließen, lag es an mir in meiner, mag sein: Selbstüberschätzung, solches nicht zu tun. Das war schwer. Um mich herum war der Teufel los. – Jeder erinnert sich an jene Zeit der Bedrückung, wenn auch nicht gern. – Ich war bislang kein Freund der politischen Mitte, sie erschien mir feige, träge, uninterressant. Als jedoch ausgerechnet diese politische Mitte sich formierte und radikalisierte, abwegige Annahmen und Maßnahmen traf oder anerkannte, sich also der auftürmenden Macht überließ, erkannte ich ihr wirkliches Problem: daß sie sich in nichts verankert weiß und deshalb der Angst überläßt.
Sind sie da, sind sie nicht da (Realismus für Fortgeschrittene)
Ob es Götter oder Götzen gibt, erkennt man am Verhalten der Menschen. Allerdings sollte man auch mit ihnen sprechen. Die neuen Götter tragen andere Namen als die alten, doch es sind deren viele. Ob auch die alten Götter sich regen, da sie spüren, daß etwas los ist? Was für eine Frage. Götter sterben nicht, Menschen schon. Gibt es keine Menschen mehr, sind auch die Götter fort.
Wie kann man sie nicht sehen
Daß die Begriffe zu Wesenheiten aufsteigen oder degenerieren, je nach Perspektive, dürfte man wissen. Kürzlich begegnete ich der Demokratie in einem Amtsgebäude, sie schritt stolz einher und verzichtete auf den erwartbaren Fummel. In der Kantine begegnte mir der alte Klassenstolz, ihm war wichtig, nicht eingeladen zu werden. Auf solche Sachen kann ich seit langem verzichten. Zitat. Ich wollte der Macht begegnen, denn sie suchte ich. Ich bin etwas verrückt, ich darf das oder muß das. Endlich fragte ich den Klomann, er sagte: Tut mir leid, Mann, aber sie ist überall.