Allgemein
Feuer mit Feuer bekämpfen
Mein Respekt vor dem Tod ist groß. Ich weiß, daß ER, der kein Wesen hat, sondern Allegorie ist, jederzeit zuschlagen kann. Ich durfte das erleben. Ich sah ihn auch sitzen auf einem Poller, während wir (ein paar Angeheuerte) den Transporter ausräumten während eines Umzugs. Dauernd zogen wir oder andere, die uns nahe waren, um. Wirbel des Jungseins und Suchens. Jedenfalls saß der Tod auf dem Poller und betrachtete mich, sein Gesicht verborgen unter der Kapuze. Endlich trafen sich unsere Blicke, und er wandte sich ab, halbwegs lächelnd. Mein Respekt vor dem Leben ist ähnlich groß. Sie gehören einander von Anfang an. Nichts wird sie trennen. Der Tod erscheint in unterschiedlicher Gestalt. Er huldigt dem Leben, indem er es beendet.
Lieber ein Lied
Daß mein Leben endlich ist, weiß ich, seit ich halbwegs denken kann. Würde ich solches Wissen leugnen, verriete ich Uneinsicht in die Lebensverhältnisse. Man dürfte mich bemitleiden. Leben und Tod sind einander untrennbar verbunden. Daß es ein Ende gibt, setzt dem Lebensspiel Grenzen. Es gibt kein Spiel ohne Grenzen. Innerhalb der Grenzen findet das Spiel statt. Jeder weiß es. Ohne Limit kein Gebot. Was du heute kannst besorgen, verschiebe lieber gleich auf morgen. Würden wir vierhundert, verabredete ich mich in zweihundert Jahren mit dir, wir hätten ja noch Zeit. Es mag versucht werden und wird fortgesetzt eifrig versucht, die Limits auszuweiten – als gewönne man dadurch substantiell. Ob der Umschlag der Quantität in die Qualität solcherart vonstatten geht? Ich weiß nicht, wer ‚man‘ ist. Man ist jedermann, wir alle oder niemand. Ich nehme mir vor, tapfer zu sterben, wenn ich an der Reihe bin. Wie es dann sein wird, kann niemand wissen. Ein letztes Abenteuer? Mag sein, mag nicht sein.
In den Tagen des Purzelbaums
Warum wird man alt und älter? Damit man eines Tages zu sich steht, also nicht mehr fortrennt oder am falschen Ende einen Anfang sucht. Daß das Altern als Störung, wenn nicht als Krankheit aufgefaßt wird … Wir müssen geben, um zu bekommen.
Schwaden
Ich war zu wild, zu lebhaft, zu schnell. Ein impulsiv-melancholisches Kind. In der Schule konnte ich es nicht abwarten, an die Reihe zu kommen, um zeigen zu können, was ich wußte. Ich redete viel und mußte mich mitteilen. Freude und Schmerz brachen aus mir aus. Ich suchte nach Worten, um auszudrücken, was ich fühlte. Meine Umwelt fand, daß ich übertriebe. Sie versuchte mich herunterzuregeln und einzustellen auf ein Normalmaß. Schließlich lernte ich fast noch zu schweigen und für mich zu behalten, was ich wußte und sah. Am schlimmsten war das Fühlen und Mitfühlen. Wäre ich Maler, würde ich euch zeigen, was alles in einem Raum steckt außer dem, was bereits erkannt und anerkannt ist.
Unter dem Sternenhimmel
Ich laufe noch
Schneller läuft das Kind. Es denkt nach, wie es aussieht. Man sieht aus. Was heißt das eigentlich: du siehst gut aus? Man kann schlecht aussehen, heißt das. Schlecht – so wie: übel, häßlich, mißraten. Wenn man so aussieht, was macht man denn dann? Heißt häßlich nicht fast schon hassenswert? Wir sind Folterstätten entlaufen und erinnern uns kaum. Diese abräumende Erinnerung im Pakt mit dem Teufel oder einem anderen solcher Dienstgesellen der Fügung oder Zwängung. Nach solchem Text kann ich auch mein Bild zeigen. Mein Bild ist mein Antlitz, ich verstehe es ein klein wenig mehr seit ein paar Tagen oder Wochen oder Jahren.
Dickdarmmonologe
Mir wär lieb, es wäre gemütlich. Eine reiche Stadt mit viel Komfort. Lässigkeit. Man läßt gewähren. Die Spielräume sind groß. Zugleich wird Unterhaltung gesucht, damit die Zeit nicht zu quälen beginnt. Sogenannte interessante Leute träfen sich in Salons und sagten, was sonst nicht zu hören ist. Es gäbe eine halbwegs geheime Wahrheit über die Wirklichkeit, die auszusprechen außerhalb der Salons und Kreise nicht angeraten wäre. So bekämen selbst langweilige Themen ein wenig Pfiff. Gemütlichkeit plus Erregung. Wer wollte mehr, wer dürfte mehr verlangen. Stattdessen Pfaffen. Es ist ein Elend. Die dummen Gläubigen türmen sich außerhalb der bekannten Kirchen zu Krieg und Elend. Noch stöhne ich, bald schreie ich auf. Das gibt gräßliche Texte.
Leben ist kein Film
FIGHTING TERRORISM SINCE 1492 steht auf dem T-Shirt eines Studenten. Das ist Yellowstone, die Serie, die angeblich die Trump-Wähler schauen. (Wer das überprüfen möchte: Staffel 2, Folge 2.) Ich sehe die Serie nun zum zweiten Mal, da ich beim ersten Mal etwas gehandicapt war: Covid-Segregation und Probleme mit der emotionalen Selbstregulation. Nun sehe ich, was ich gesehen habe. Vor allem das, was ich nicht gesehen habe. Man müßte ein Leben ein zweites Mal leben dürfen. Nein, das darf man nicht aus gutem Grund.
Lassen wir dieses Vorhaben unerwähnt
Einen Tag wenden wie ein Omelette. Bescheidener Start, drückende Witterung. Am Montag war es schlimmer. Diese Mondtage des Lebens. Dienstag wie geheißen, mürbe zu Diensten, der öffentliche Nahverkehr als Verspätungsmaßnahme. Aggressive Menschen unterwegs, hinzu die Apathischen. Zudem die Bettler, einer nach dem anderen. Charaktere am tiefsten Punkt einer nicht allzu unbekannten Funktionsgleichung. Man traut sich kaum mehr, ich zu schreiben, wenn man das sieht. Sieh auf die Beine, auf die Füße, auf die Hände. Das ist das sogenannte nackte Leben, da ist kein Spielraum. Das riecht bereits, das ist überfällig. „So beginnen am Körper die Tage“, zitiere ich erneut. Man muß die Poesie ernstnehmen können am Beispiel, sonst taugt sie nichts.