Bahnsteig und Zugverspätung. Zeit, Tauben zu beobachten. Taubenmann folgt Taubenfrau auf Schritt und Tritt, gluckst und gurrt und stellt sich auf, bewegt ruckartig Hals und Kopf vor und zurück. Taubenfrau läuft voran, er hinterdrein. Sieben bis acht Meter geht das so, dann fliegt sie auf. Er hinterher. Schon ist es umgekehrt. Er fliegt ein, sie folgt geflogen. Gemeinsames Trippeln auf dem Bahnsteig, nun sie hinter ihm. Das wird was. Sie werden sich mögen wollen. Zug fährt ein. Ich steige ein, weiß nun Bescheid. Während ich dies schreibe, schreien draußen die Katzen. Zwei Kater fetzen sich. Das geht bis aufs Blut.
Allgemein
Göttin
Wer dick wurde, wird auch wieder dünner. Wer schlau ist, gerät ins Dumme. Wem das Wasser bis zum Hals stand, findet sich wieder auf dem Trockenen. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, nur weil es so aussieht. Menschen können nicht fliegen wie die Vögel, Menschen können nicht unter Wasser schwimmen wie die Fische. Allerdings versuchen sie es technisch. Das läuft auf Einschränkungen hinaus. Es gibt nicht nur eine Ordnung der Dinge, sondern zuvor eine der lebendigen Wesen. Natur ist keine Göttin, doch sie könnte zu einer taugen. Ihre Grausamkeit besteht fort. Es ist ihr eigen, nicht mit menschlichem Maß zu messen. Sie gibt sich aus, sie verschwendet. Moral hat sie nicht nötig.
Sie trocknet ihre Flügel auf Papier
Zeit, die Wäsche zu waschen und auf die Leine zu hängen. Zeit, den Flur zu fegen. Zeit, die Blumen umzutopfen. Zeit für Gedichte. Zeit für Briefe. Zeit für guten Schlaf. Zeit für Endlichkeit. Zeit für eine schmale Fliege, die im Glas ertrinkt.
Belege
Erst, wenn man an der Reihe ist
Viele Künstler fragen, warum ihnen die Anerkennung versagt ist. Einige müssen warten, ehe ihnen etwas gelingt. Manche erwarten sich ständig und erreichen sich spät – andere vielleicht nie. Es geht nirgendwo gerecht zu, selbst wenn wir es wollen. Wir hätten auch Mühe, Gerechtigkeit zu bestimmen, ginge es um Talent, Begabung, Entwicklung – diesseits oder jenseits der Einstellgrößen, an denen herumgefummelt wird zum Wohle des Künftigen und süßer Utopien. Ein Jegliches hat seine Zeit, hat man auch uns zu erklären versucht. Wer jung ist, drängt aus Ungeduld. Wann sind wir endlich da? Der schnelle Weg zum Ruhm als handstreichartige Lösung sämtlicher Probleme. Mit achtzehn auf den Thron, mit dreiundzwanzig wieder runter. Das macht nachdenklich. Wann also ist man soweit? Man ist soweit, es ist zum Kotzen, wenn man soweit ist. Man muß dranbleiben, sagen die Erfahrenen. Das ist richtig: „a quitter never wins and a winner never quits“. Bis dahin erfolgt Entwicklung. Entwicklung bedeutet Veränderung. Ins Ungewisse hinein, wie das Leben auch. Kunst ist ein Teil des Lebens. Dessen Ausdruck, dessen Kampf, dessen Krönung zuweilen. In der Kunst stellt sich das Leben dar, frei von Befehlen, außer denen der Form und des Materials. Wie weit trägt es einen hinaus oder hinauf, dieses künstlerische Tun, dieser Wahn des Erschaffens und Gestaltens? Man geht weiter, einfach immer weiter, und achtet auf die Begegnungen, und versucht zu verstehen, was sie bedeuten, und geht ihnen nach oder sucht woanders weiter. Der Weg ist erst zuende, wenn man umfällt. Ein Ziel mag es geben.
Heißluftballon 2
Es ist ein Privileg, hier auf Erden verstanden zu werden, und ganz sicher nicht ein Anrecht. Da wir Menschen aber fordernde Wesen sind, verkennen wir die Ausgangslage oder Grundverfassung. Solche Anmaßung kostet uns. Wir geraten in Untrost und Verzweiflung. Man bewegt sich in ihnen wie in Silos, kreist herum und klettert die Blechwände empor, oben ein kreisrunder Ausschnitt Himmel. Licht am Ende des Tunnels, sagt sich das, was die Vorgänger anzustreben vermochten. Fliege auf, Sehnsucht. Nirgendwo ein Durchbruch. Stattdessen erschütternde Zeugnisse von Menschlichkeit. Briefe, Tagebücher, Postkarten. Wir betrachten uns selbst, wenn wir die Toten sprechen lassen und ihnen Geltung zuerkennen. Das macht schlucken und dämpft manches Hochfahrende.
Von bis
Instinktiv verwahrte ich mich gegen eine Luft- oder Seebestattung, auch ein Friedwald schied aus, seitdem ich einen besichtigt hatte. Vor solcher Trostlosigkeit floh ich ins Herkömmliche und umklammerte die seltsamen Denkmale persönlicher Existenz auf einem Friedhof keiner Wahl.
Das bürgerliche Selbstgespräch
Das bürgerliche Selbstgespräch geht weiter. Trotz kurzer Unterbrechungen wird es seit etwa zweihundertfünfzig Jahren geführt und halbwegs erfolgreich unter substantiellen Verlusten fortgesetzt. Bürgerliche Autoren sprechen zu einem bürgerlichen Publikum über bürgerliche Probleme. Was zeichnet diese Bürger aus, wodurch unterscheiden sie sich von anderen? Sie können sich nicht auf Herkunft berufen, werden jedoch lernen, es zu tun. Sie reklamieren für sich Bildung, Leistung, Tugend. Daher das Messen und Vergleichen, daher auch die wimmelnde Konkurrenz. Was sind bürgerliche Probleme? Es sind die eines fixierbaren Status‘, einer Dauer, eines verläßlichen Haltes in der flüchtigen Zeit, einer Bewahrung des gesellschaftlichen Ortes und dessen Geltung. Wenn Heiner Müller bemerkte, in Deutschland drehe sich alles um den verlassenen Thron, ließe sich anfügen, die Bürgerlichen umkreisten unsicher schwirrend die erwünschte Nobilität. Wer könnte eine solche verleihen? Die Kaiserkönigeführer sind erledigt. Vor den ruhmbedürftigen Bürgerlichen klafft ein Spalt des Nichts. Untereinander sind sie spinnefeind. In der egalitären Ebene können sie Pferderennen veranstalten. Geld türmt sich auf wie in Dubai. Was bleibt zu tun, was wäre zu lassen? Das sind echte und ernste Fragen. Vor deren Ernst lassen sich noch ein paar Spektakel ziehen. Eine davon ist der Krieg. Ich finde das auch nicht lustig.
Berlin Hermannplatz
Im, am und um den Hermannplatz. Im Hermannplatz? Ja, es gibt den Bauch, es gibt die zwei Ebenen der Station und die vier Richtungen des Untergrunds. Ab nach Norden, Süden, Osten, Westen. U8 und U7. Im Bauch des Platzes kannst du dir Leben anschauen, wie du es nicht kennst. Nicht flüchtig, nicht nur kurz – du darfst verweilen und die Gestalten nacheinander bedenken. Manche sind ansprechbar, manche sprechen dich an. Auf Ebene 1 tropfte es wochenlang neben dem Aufzug nach oben oder unten von der Decke. Stürzt die bald ein? Oben ist das Pflaster, oben ist der Himmel, oben ist der Wochenmarkt, oben sind die Demonstrationen. Unten ist die Ebene 2, da wird die große Halle renoviert. Das dauert Jahre. Deshalb ist es eng entlang der Bahnsteige. Man hört Arbeitsgeräusche jenseits der Sperrwände aus Blech, zuweilen einen Fluch. Um den Hermannplatz stehen die Gebäude im Carré, samt ihres Inhalts. Wäre ich Alfred Döblin, griffe ich voll hinein. Als erstes in die McDonalds-Filiale, wo sie an Strohhalmen nuckeln und den Mund aufsperren. Das ist nicht interessant, doch interessant sind die Menschen. Wenn die sprächen, wenn die aussagten, was sie wüßten. Sodann zu Dunkin‘ Donuts, damit sich süß zu salzig gesellt und die Harmonie gewahrt ist. Im einstigen Kauf- und Schaupalast des zu einem Rumpf geschrumpften Karstadt-Gebäudes würde ich auf den Rolltreppen die Leute belauschen und mir von den Kassierern diejenigen schnappen, die aussagefähig sind. Die Berliner haben Schnauze und verstehen sich aufs Sagen. Um den Platz herum gibt es eine Gegend, in der du an jeder Haustür eine der zwanzig Klingeln drücken kannst und auf eine Geschichte stößt, die dir den Atem raubt. Nur daß wir nicht mehr zu Alfred Döblins Zeiten leben, sondern wie in einem Wiedergang in durchaus verwandten. Verwirrte und verängstigte Bürgerliche, alles nicht so ganz genau wissen wollend, alarmiert und sogleich bereit, den einen Unfug durch den anderen zu ersetzen. Wer also Erzählstoff sucht, der grabe sich hier ein und laufe die Linien der fortschreitenden Erzählung nach. Viele hier würden reden, ich bin mir sicher. Doch niemand, so ist zu fürchten, interessiert sich für das, was hier gewußt wird. Parolen werden auch zu vernehmen sein. Mein Gott, wo denn nicht. Am Hermannplatz liegt verdichtet, was zu wissen wäre. Dieser kleine Text ist nur eine Skizze, aber ich rede nicht von einer Reportage. Die gibt es in Hülle und Fülle, die lassen sich wegwischen. Denen fehlen Atem und Perspektive, die sind für den Tag gemacht. Laß die Leute reden und höre zu, dann hast du fast schon deinen Text. Sprich nicht von Berührungsängsten, die hat doch jeder.
Schwingungen
„Deine Uhr geht immer nach!“ rief der Schnellere der beiden. „Deine geht dauernd vor!“ versetzte der Langsamere. Während sie aufeinander einhieben, bewegte sich, so schien es, die Zeit, wenn auch unmerklich. Man hätte behaupten mögen, es gäbe sie nicht. Es bedurfte einiger Geduld, um abzuwarten, ehe die Schatten in den Straßen sich senkten oder hoben, der Mond am Himmel erschien und in welcher Gestalt, die Jahreszeiten sich abwechselten, die Witterungen streng anzogen und wenig später wieder Leine ließen für ein erträgliches Leben in den gemäßigten Breiten.