Achten wir auf den Gebrauch des Adverbs ’nur‘. Schon öffnen sich gewaltige Räume.
Allgemein
Sechs Monde
In den weißen Räumen
Er ist ein alter Mann und sagt: Ich bin fast neunzig, warum soll ich den Tod fürchten? Er sagt das, weil ein Arzt (Kardiologe) gefragt hat.
Die Geier kreisen
Treffe ich FreundeBekannte, nennen wir es „die allgemeine Lage“ und schweigen darüber oder sprechen möglichst kurz. Vielleicht hilft es, zeitweilig einen Tabusperrbezirk einzurichten, in den einzig Einlaß erhält, wer nicht über Dingeldongdingdong spricht. Sehr klug. Andererseits locken die Tabuthemen wie Honig den Bären. Man könnte wissen und sollte schützen. Ja. Die heiligen Bezirke aufgeklärten Denkens darf niemand (keine Macht) sperren. Die stockend vorgetragene „Aufarbeitung“ der vorvorletzten Krise unseres Allgemein- und Volksverständnisses, jene von Pandemie, Impfung und Deprivation, dümpelt im politischen Abseits des medialen Desinteresses. Lieber nicht darüber reden. Sind doch alle froh, daß das vorbei ist. Wie nach einem Krieg, wie nach einem Verbrechen.
Halbwegs ganz
Versuche ich zu erklären, in welch aufgeladener Zeit wir leben – nicken die Leute. Ja, sie spüren auch was. Doch was ist das, was sie spüren und auch ich spüre? Gibt es einen Namen dafür, um von Begriffen zu schweigen? Begriffe schneiden, Namen leuchten, Ideen schimmern. Wie lächerlich, einfältig von Krise zu sprechen. Man müßte sagen, wessen Gesundheit und Wohl auf der Kippe steht und durch was sie gefährdet sein soll. Man müßte sich zu einem Verständnis bequemen, das nur stattfinden kann, wenn deutlich würde, worum es eigentlich geht. Die Dinge verwirren sich in der Not. Daß die Leute (diejenigen, die ich beobachte oder kenne) so leben wie zuvor, ehrt sie. Ich bin dabei. Wir halten die Routinen ein, wir gehen zur Arbeit und helfen einander. Welcherart ist die Krise, die wir durchleben und nicht ausreichend verstehen? Als ob eine Ordnung nicht mehr greift, als ob eine Verläßlichkeit aufgehört hat, verläßlich zu sein. Oh je – es läßt sich nicht sagen. Es läßt sich halbwegs ganz erst sagen, wenn es durchstanden ist und man weiß, wohin es zu führen schien.
Hautoberfläche
Produktive Unruhe. Die Verhältnisse flirren. Hochenergetischer Zustand. Entladungen finden statt, weitere folgen. Nervenzusammenbrüche. Hektische Schuldzuschreibungen. Katastrophismus. Leute fallen bereits übereinander her und bemerken es nicht. Geierhaftes Warten. Pickpack auf dies. Große Nervosität. Darüber die Spiele und die Nachrichten und die alltäglichen Gepflogenheiten und Verpflichtungen. Aus dem Stand kann sonstwas geschehen.
Da es um alles geht und nicht um Pillepalle
„Produktive Bewirtschaftung der eigenen Defekte, das heißt künstlerische Psychologie.“ / „Autorität durch Autorschaft.“ Alle paar Jahre oder Monate ist Bazon-Brock-Zeit. Ich durchsuche das Internet nach Vorträgen des strengen Zuchtmeisters der modernen Kunst, der sich zu allen Phänomenen unserer Zeit zu äußern weiß und sie zurückführt auf ihre Herkunft, sie sortiert nach Sinn und Unsinn und gnadenlos zu sezieren versteht. Daß Wirklichkeit nur dasjenige ist, das unabhängig von unserem Einfluß existiert, ist eine jener berühmten Zuspitzungen, die augenblicklich klären, was das Problem ist – meinetwegen derzeit, meinetwegen politisch. Daß der Künstler dasjenige arbeitet, das er nicht kann und nicht wirklich weiß, dieses Nichtwissen und Nichtkönnen aber darstellbar macht, klärt den Unterschied zwischen künstlerisch-wissenschaftlicher Individualität (nicht Individualismus) und kollektivem Kulturalismus. Daß er von oben herab zu sprechen scheint, daß er hochfahrend ist, dieser Bazon Brock – eine Eigenart. Immerhin kämpft er und weiß wofür.
Vor zehn Jahren: Was ist denn Wirklichkeit?
Hommage an einen Wortemacher
Ich höre ihn reden. Mir ist, als hörte ich ihn von Anbeginn reden und reden. Es ist, als wäre solches ihm aufgetragen, kaum anderes. Er soll reden oder will reden. Jedenfalls redet er, notfalls stundenlang. Er weiß Bescheid, er ist unterrichtet, seine Meinung zählt für ihn. Frag ihn was oder frag ihn nicht – er redet trotzdem. Mit Worten hat er dreimal den Erdball umkreist und ist zu weiteren Runden aufgelegt. Mit Wörtern hält er sich die Wirklichkeit vom Leib. Die Probleme wickelt er in Worte, die Widersprüche umwickelt er doppelt. Ist doch alles schon gesagt, sagt er zu dem, was jemand anderes sagt. Daß andere tricksen, ist ihm früh aufgefallen. So geriet er ins Lager der Systemkritik. Ihm zuliebe wurde die Dialektik erfunden, mit ihr dreht er sich alles zurecht. ‚Alles‘ ist ihm keine Hyperbel, sondern Gefechtsfeld der Methode. Die hat er in den Seminaren gelernt und später im Alleinstudium in den Werken und Büchern der wahrhaft menschlichen Wissenschaft. Wenn er redet, klingt das, als habe er Schnupfen. Dieser Sound würde ihn berühmt machen, lebten wir noch im Jahr 1971. Ich könnte ihm stundenlang zuhören. Ihn würde das freuen. Er redet immer noch oder schon wieder.