Im, am, um

Fragmentfetzen einstiger Ansichten, zersplitterte Landschaften, gerissene Gefäße. Ausströmend: schwarzes Blut oder rotes Benzin. Visionen. Heimsuchungen. DU SOLLST DOCH NICHT TRÄUMEN KIND mit Edding über das Bett geschrieben. | Ein Prophet schlurft von Waggon zu Waggon und ruft: „Krieg! Krieg euch allen!“ Er stinkt nach Senkgrube und Hölle. „Glotzt nur! Glotzt nur auf eure kleinen doofen Bildschirme, ihr Fummler. Bei euch ist nichts mehr zu holen. Vergiß es.“ Dies wie zu sich selbst. | Der mit den abgehackten Händen sitzt oben auf der Treppe und hält seinen Pappbecher hin. Gestern abend stand er neben dem Plakatmann und sah zu, wie der ein neues City-Light-Poster in den Rahmen spannte.

Im, am, um

Defensiv

Ich möchte nicht, daß sich jemand verhält, wie ich es möchte. Ich weiß nicht einmal, ob ich möchte, was ich möchte. Das hat nichts mit Unreife zu tun, ich bin alt genug. Es hat damit zu tun, daß der gute Zweifel eingezogen ist. Ich hätte ihn einladen sollen, doch selbst ohne Einladung ist er hier. Ich möchte, daß ich mich nicht verhalte, wie jemand anderes es möchte; ich möchte, daß ich es tue, weil ich es möchte. Das klingt einigermaßen lächerlich, doch es beinhaltet die Freiheit und Autorität der Person. Die Person ist ein jeweils lebendiger Mensch, kein Gespenst, kein Avatar, keine Fiktion. In Abwehrkämpfen beschäftigt sucht dieses Wesen namens Person einen Gully, aus dem sich atmen läßt. Obenüber dampfen die Reinigungstrupps des beginnenden Tags.

Defensiv

Aus dem Zusammenhang 327

„Die philosophisch-anthropologische Voraussetzung des zukünftigen Diesseitsheils ist das Dogma: es gibt keine Konstanten in der Geschichte der Menschheit, die unbegrenzt wandlungsfähig ist … auch was die bisherige Erfahrung betrifft: Alle Menschen müssen sterben. Die phantastische Hypothese wird als Gewißheit durchgesetzt, indem man die Vorstellung von einem Ewigen im Menschen demoliert. Das zeitgenössische Werkzeug der Destruktion ist der Ukas: es ist infam, Situationen als ewig zu proklamieren, weil sich so Interessenten vor dem Wandel schützen. Und wirklich hat sich schon zu viel Zeitliches als ‚ewig‘ aufgetan – und damit eine aufhebbare Not stabilisiert. Man sollte nicht einmal sagen: es sei die ewige Natur des Menschen, zwei Arme und zwei Beine zu haben. Wir kennen nur die Vergangenheit.

Aber ebenso reaktionär (rücksichtslos gegen die Lebenden) wie die, welche genau zu wissen vorgeben, was nicht zu ändern ist, sind die Andern, welche genau zu wissen vorgeben, daß alles zu ändern ist. Es ist verrucht, dem Einzelnen einzureden, es läge nur an den ausbeutenden Mächten, wenn nicht längst alle miteinander im Paradies schwebten.“

Ludwig Marcuse, Einleitung zu Philosophie des Unglücks [1953/1966]

Aus dem Zusammenhang 327

Fliegenschlaf in den Gärten

Eine dicke Fliege hängt kopfunten am Tuchstoff des Vorhangs und schläft. Als hätten das Bemerken und die Worte, die ich schreibe, sie geweckt, fliegt sie in diesem Augenblick an einen anderen Platz im Zimmer, dorthin vielleicht, wo es dunkler ist. Hinter den Buchreihen im Bücherregal ist es dunkel, dort sollte sich gut ruhen lassen. Auch ich sollte ruhen, es ist mitten in der Nacht; ich bin aber aufgewacht, sitze nun hier und lese in alten Briefe und sinne Bedeutungen nach. Ich sehe den Garten der Freunde in den leuchtenden Farben des Sommers und seiner Pracht. Ein Garten spricht davon, wie jemand das Leben versteht. (Selbst Texte ähneln kleinen oder größeren Gärten. Sicher wächst und gedeiht dort nicht alles, aber doch vielerlei.) Vor einigen Tagen sagte jemand, er sei ein Freund von Plastikpflanzen in seiner Bude, da er noch jung und nicht so weit ist, echten Pflanzen zu geben, was sie benötigen. Pflanzen aus Plastik sind keine Pflanzen, das weiß er schon auch. Die Fliege scheint einen Platz gefunden zu haben, ich könnte sie suchen. Ich mag die Schlafenden, sie erinnern an Heilige, Träumende oder Tote.

Fliegenschlaf in den Gärten