Allein am Grab

Stirbt jemand, bin ich nur halb bei der Sache. Das hat einen Grund. Ich sehe, daß es ist, wie es ist. Es ist so, daß der, der jetzt tot ist, nicht mehr lebendig sein wird. Ich erkenne zugleich, daß diejenigen, die trauern, sich wünschten, er wäre noch lebendig. Was läßt sich aus solchem Dilemma ableiten? Trost zu spenden ist gut. Sich Geschichten anzuhören noch so mehr. Die Trauernden möchten lebensvoll umgeben sein. Mir war damals so, als könnte niemand heranreichen an die Trauer, an den Skandal des verfrühten und auf fahrlässiger Expertise beruhenden Todes. Doch es war gut, daß die anderen da waren und meine Trauer, wie es heißt, teilten. Sie trugen mich, ohne daß ich das verstehen oder benennen konnte.

Etwas in mir wird kalt, wenn der Tod auftaucht. Ich meine das nicht witzig. Der Tod ist ein kalter Meister. Ich begegnete ihm etliche Male und bestaune jene, die nichts von ihm wissen. Eine Zeitlang fühlte ich mich auf bestürzende Weise ausgezeichnet, da um mich herum der Tod seine Ernte hielt. Es wurde reichlich gestorben, und ich traf auch jene, denen er ebenfalls schweren Schaden zugefügt hatte. Er ist ein Aufrührer und ein Dieb. Er stiehlt die Liebsten und tröstet nicht. Ich kenne Leute, die würden vor ihm ausspucken, andere nannten ihn eine Schweinerei. Daß wir allesamt sein sind und ihm gebühren. Ihm, der nicht ist, stattdessen nur handelt.

Allein am Grab

Ein Sinn des Vergeblichen ist Schönheit

Das Traurige jener Gedanken, die du zwar gesagt hast, die aber nicht angekommen sind, da derjenige, der sie verstehen hätte sollen oder können, anders beschäftigt oder interessiert war. Was geschieht mit solchen Gedanken, in Worte gekleidet wie in Samt, wenn sie zu Boden sinken und dem Bodenstaub sich zugesellen, degradiert, wie es scheint, dennoch leuchtend aus eigener Kraft, denn Gesehenwerden ist nur das eine, nicht das andere. Schönheit ist der Glanz der Würde.

Ein Sinn des Vergeblichen ist Schönheit

Bilder schaffen und verwerfen

Meine Impulsivität ist berüchtigt. Mir ist es nicht möglich, nach einem Aufschwung, einer Auffahrt ins Bett zu krabbeln und pünktlich planvoll die Vorbereitungen für einen neuen Tag zu gestalten, indem ich jetzt und wie bestellt schlafe. Ich schlafe, wenn ich schlafe. Wenn ich nicht schlafe, bin ich wach. Wenn ich wach bin, bin ich bei der Sache. Die Sache nenne ich Leben. Wie sonst sollte man sie nennen. Das ist keine Frage, nur eine Feststellung. Daß ich mich überhaupt reguliert bekomme, so daß die Menschen denken oder meinen annehmen zu können, ich sei friedlich und umgänglich, liegt daran, daß ich mich gebildet habe und bilde. Sich bilden heißt sich formen. Sich formen heißt, eine Idee von sich zu haben.

Bilder schaffen und verwerfen

Rasenmäher

Nicht die Meinungen interessieren mich sonderlich, meinen kann ich selbst. Wir meinen allesamt eine Menge, man könnte sie sammeln und zusammentragen und zu einer Gesamtmeinung verbinden. Schon gähnt das Publikum, und selbst den Meinenden liegt am eigenen Meinen der vergangenen Zeit recht wenig. Was ist das Problem? Das Problem ist, daß man selbst ertappt werden könnte, Dummheiten von sich gegeben zu haben. Gestern klang es noch gut, heute ist es nicht mehr wahr, schlimmer noch: blamabel. Nichts wie weg aus der Meinung von gestern, heute läßt sich eine neue finden. So läuft der Hase, so geht das Spiel. Nichts Neues unter der Sonne, die Menschen bleiben sich gleich. Wären da nicht diese Sprünge.

Rasenmäher

Gemeint sind die Zurechtlegungen

Beinahe jeden Tag passiere ich diese Stelle, an der seit einiger Zeit geschrieben steht: NO FACTS. ONLY INTERPRETATIONS. Aufgesprüht auf die schwarzen Fliesen einer Hauswand, recht ordentlich ausgeführt, nicht protzig. Der elliptisch verkürzte Satz, der eine Behauptung enthält, wird Friedrich Nietzsche zugeschrieben, in seinem veröffentlichten Nachlaß befindet sich offenbar eine solche Äußerung, ich habe sie bisher nicht ausfindig machen können. Stattdessen denke ich nach, wie eine solche Parole dummerweise aufgefaßt und mißverstanden werden könnte. Wenn es nämlich keine Fakten gäbe, lediglich Interpretationen, wäre doch ein jeder verführt bis eingeladen, seiner interessenbedingten Deutung Wissensrang einzuräumen, charmanterweise kontrafaktisch. Das kann nicht funktionieren. Nietzsche-Mißbrauch ist ein Endlos-Thema. Man muß schon etwas an Höhe gewonnen haben, ehe man die Regeln, die dort gelten, noch einmal gezielt in Abrede stellt. Sonst gerät man in Anmaßung.

Gemeint sind die Zurechtlegungen

Funken

Als ich mit einem Streichholz die Kerze entzünden wollte, explodierte der Zündkopf des Holzes. Ein glühender Funke sprang in mein Auge. Der Schließreflex funktionierte, ich fürchtete bereits um mein Augenlicht. Der Funke traf auf die Netzhaut, doch da sich blitzschnell die Lider schlossen, brannte er sich ins untere Lid und hinterließ brennenden Schmerz und eine auffällige Rötung. Ich begriff den Vorfall als Warnung und achtete an jenem Tag mehr als sonst darauf, nicht leichtfertig zu sein. Jetzt, eine Woche später, streiche ich über den verbliebenen Schorf und lobe den Körper, der sich heilen kann.

Funken

Luftknochen

4:40 Uhr. Die Vögel schreien, alle gemeinsam. Man müßte sehr müde sein, um jetzt einschlafen zu können. Ich bin noch nicht müde genug, ich schreibe weiter, schreie auf meine Weise, wenngleich leiser und zeichenhaft. Oft denke ich darüber nach, daß wir Nachkömmlinge sind und ins gemachte Nest gelegt wurden, demnach Anwender und Nutznießer sind, wenig uns selbst erarbeiten oder erschaffen mußten, und für die Jüngeren gilt das in verstärktem Maße, und was das aus Menschen macht, wenn sie spüren, daß sie nur anschließen und weitermachen sollen, während niemand sie ernsthaft fragte, nicht einmal sie sich selbst, ob es gut läuft und deshalb weiter so laufen sollte. Die Maschinerie, einmal eingerichtet, schnurrt und rumpelt weiter, derweil bei vollem Betrieb Korrekturen vorgenommen werden müssen. Zukunft ist keine fette Taube.

Luftknochen

Gebeine

Wer den freien Künsten eine Aufgabe zuordnet, möchte sie vereinnahmen und regulieren, sie vergesellschaften und dienlich machen. Dazu werden sich einzelne Künstler bereitfinden. Geld klärt die Sachverhältnisse und stärkt Verbindungen. Daß sich die Künstler dennoch frei wähnen, ist unverzichtbarer Teil ihres magischen Denkens. Man gestattet ihnen Posen und genießt herrschaftlich die eigene Toleranz. Auf ein Fingerschnipsen hin sind die Künstler und ihre Werke weg. Das wissen die Betroffenen, deshalb sind sie aufgeregt. Eine Vernissage eröffnet den Schrecken, die Finissage beendet das Leiden. Ich liebe die Künstler, sie haben es nicht leicht.

Gebeine

Laute Stimmen früh

Schon wieder ist es Morgen, ein Tag beginnt. Die frühen Vögel stimmen an, was ein Lied werden könnte, wenn es müßte. Doch das muß es nicht, es bleibt eine Lautfolge unbekannter Bedeutung. Sie, die sie ausrufen, werden wissen, wozu dies geschieht. Jedenfalls tun sie es, Jahr für Jahr seit Jahrtzehntausenden. Nur wir sind hier immer noch neu und fragen uns durch, wissen beileibe zu wenig und suchen irgendeinen Anschluß.

Laute Stimmen früh