Tausendwassers Gewinnfahrt

Der Poet poetisiert. Was für eine Tätigkeit mag das sein? Schuster, bleib bei deinen Leisten. Sich einen Reim machen auf dies und das, passende Bilder finden zur Darstellung. Was wird aus der Wirklichkeit, wenn sie poetisiert wird oder bereits ist. Empfangen uns dann Hundertwasser-Bahnhöfe wie in Uelzen, wo die „Fahrgäste“ der Deutschen Bahn sich aneinander entlangpressen und alle Beteiligten tagtäglich froh sind, daß niemand unversehens auf die Gleise kippt, zugleich aber ästhetischer Mehrwert geboten wird durch ein paar bunte Kacheln und lustlos schiefe Wände. Poesie ist unverstanden, das macht Hoffnung.

Tausendwassers Gewinnfahrt

Niveaus

Man spricht von Zeitgeist, eine Herder’sche Prägung, und erklärt sich damit eigenes Mitmachen oder Nichtmitmachen bei diesem und jenem. Frisuren, Kleidungen, Haltungen, Meinungen. Interessen, Abneigungen, Zustimmungen, Wahlverhalten. Das funktioniert, indem es entlastet. Es entsprach dem Zeitgeist, ich entsprach dem Zeitgeist, wir entsprachen dem Zeitgeist. Man sah das damals so, man machte es so. Solche Erklärungen sind stupide und ermüden. Lieber wäre mir, jemand sagte klipp und klar, daß er es auf die Yacht eines prominente Widersachers abgesehen habe und den Zeitgeist genutzt hätte, sein idiotisches Ziel zu erreichen. Das ergibt eine Geschichte, sogar einen kleinen, wenn auch bemitleidenswerten Sinn. Zucken die Leute aber dauernd mit den Achseln, wenn man sie fragt, warum sie mitgemacht haben, oder sagen, es sei eben so gewesen, wie es war, dann sprechen sie wie die Affen, womit ich den Affen nichts Schlechtes nachsagen möchte. Es ist nur viel zu wenig für das, was wir von Menschen meinen erwarten zu dürfen.

Niveaus

Schneewittchen und die sieben Zwerge

E. M. Cioran hat den Denker vom Philosophen unterschieden, da dieser nicht leide, jener es müsse. Solche Unterscheidung markiert den Unterschied von herrenloser Freiheit und institutioneller Bindung oder Anbindung. Noch nie habe ich einen Professor beneidet. Ich wußte stets, womit er bezahlt. Ich habe die herrenlose Freiheit bewundert, doch ich wußte und weiß, was sie kostet: Man ist immer fast schon tot. Wir sind Akademiker, sagen die Akademiker. Für Denker gibt es keine Gilde. Sie irren herum im Geistesgeschehen, und ich erinnere mich gut des Philosophiestudenten in Göttingen, mittlerweile hat er seine Professur, der mich fragte: Nietzsche – ach so, ist das neuerdings auch ein Philosoph?

Schneewittchen und die sieben Zwerge

Wir als Gesellschaft 2

„Wir als Gesellschaft“ wird politikerseits gesagt, allerdings nicht ausschließlich. Die Phrase steht jedermann frei, von ihr wird einstweilen ausgiebig Gebrauch gemacht. Wir als Gesellschaft wäre die bundesrepublikanische Quadratur des Kreises, denn Gesellschaft ist nicht Gemeinschaft und wird es nicht werden, selbst wenn die Deutschen eine Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft noch immer meinen verspüren zu dürfen. Wir als Gesellschaft ist ein Oxymoron, eingeführt ins Sprechen und Schreiben und Denken, um wirksam ein mehrheitliches Wir von einer offenbar gefährlichen Feindesgruppe abzugrenzen und zu formieren. Kann solche Strategie aufgehen? Mir ist sie suspekt, ich würde abraten. Ich glaube nicht an Feinde. Ich glaube auch nicht an Krankheit oder sonstwas. Das sind Sachen oder Ärgernisse, die da sind. Sie benötigen keinen Glauben. Dauernd soll geglaubt werden. Wir leben in glaubensfanatischer Zeit. So muß man sehen, daß man schnell noch einen findet. Anschließend Helm auf zum Gebet.

Wir als Gesellschaft 2

Wir als Gesellschaft

Sensibilität. Empfindsamkeit. Unterscheidungsvermögen. Ästhetik. Wortwahl. Dialektik. Achtsamkeit. So stapelt sich Stein auf Stein eine Mauer. Irgendwer sucht die Steine aus, irgendwer stapelt sie. Das ist zu schaffen, die Arbeitsteilung ist praktisch, so läßt sich manches schneller bewerkstelligen. Wozu die Mauer? Nun, damit wir sicher sind. Warum fragst du?

Wir als Gesellschaft

Leben entsteht aus Leben

Daß wir von sonstwoher kommen, weiß ich seit (gefühlt) ewiger Zeit. Eltern reichen bei weitem nicht aus, ein Kind zu erklären. Sie haben es „gemacht“, dazu waren sie da. Leben entsteht aus Leben, es gibt sich weiter unter Opfern. Einige sind kaum zu ertragen. Der Geist sei „bionegativ“, konstatierte Gottfried Benn, ein Kronzeuge der Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts, sofern es die Deutschen betrifft, dies- und jenseits der Linie von Dafür oder Dagegen. Der Geist wendet sich vom Leben ab, heißt das. Vielleicht ließe sich das umdrehen und man müßte fragen, wer wessen mehr bedarf. Treiben wir die Dinge einstweilen nicht auf die Spitze. Woher mag ich kommen? Aus meiner Mutter kam ich, mein Vater zeugte mich, wie man sagt. Was hat das zu bedeuten? Sollte oder müßte denn mein Dasein und Hiersein etwas bedeuten? Mir war stets, als täte es das. Andere raten ab und scheinen zu wissen, daß nichts ist, es sei denn, wir gäben etwas hinein, das wäre allerdings unsere Sache. Sie sagen auch, es gäbe keine Wahrheit, doch immerhin Wahrscheinlichkeit, womit Errechenbarkeit gegeben sei. Auch so kann man sich tröstend Halt geben, ich verstehe das. Mir ist nach anderen Ideen.

Leben entsteht aus Leben

Freundschaften sind teuer

Als ich vierzehn Jahre alt war, sah ich in einem Spielfilm das erste Mal einen Spießrutenlauf, vollzogen an einem preußischen Offiziersanwärter, der sich der Truppe und seines Standes unwürdig erwiesen hätte, und so hieben sie auf ihn ein, während er dem Ende des Doppelspaliers der Strafenden, bestehend aus seinen Kameraden, entgegenwankte, stürzte und anschließend nur noch kroch, es schließlich erreichte und zusammenbrach. Wie es mit ihm ausging, weiß ich nicht mehr, suche auch noch, wie der Film geheißen haben mag. Kommt es ganz schlimm, muß man durch sämtliche Ächtungen hindurchlaufen.

Freundschaften sind teuer