Allgemein
Federn und Hühner
Will man ein Thema, insbesondere eines aus der eigenen Familiengeschichte, loswerden, läuft es einem nach wie ein Hund. Dieser Hund hat Zeit, er kann warten, vielleicht ist er ein Wolf. Es ist ungünstig, die Herkunft zu verleugnen. Man wird sie auf solche Weise nicht los. Sie trägt sich einem nach. Nicht daß sie anhängt – sie hängt nicht an, sie ist in einem. Und sie meldet sich zurück, fast hätte ich gedacht: pünktlich. Jedenfalls anlaßbezogen und situationsbedingt. Wir mögen frei sein, doch nur um den Preis der Anerkennung des Gewesenen. Dies ist der wunde Punkt.
Kundschaft und Verkündigung
Sind Lehrer nicht allein dadurch verdächtig, daß sie auf uns einwirken wollen. Ebenso Priester, ebenso Politiker, ebenso Werbeleute, ebenso engagierte Künstler, oft genug Eltern. Was fällt denen ein! Stets dasselbe fällt denen ein: die Durchsetzung eigener Wahrheiten, Interessen und deren Distribution. Was haben ein Lehrer und ein Vorstandssprecher gemeinsam? Was haben ein Politiker und ein Priester gemeinsam? Sie werden es nicht einmal wissen, sodann abstreiten. Wer auf Künstler macht, übt Rache. Künstler zu sein enthebt lästiger Pflichten. Was die Freiheit beizutragen vermag, ist jederzeit strittig. Man hat ein Auge auf sie.
Die Leute, die Leute
Oft genug ist mir, als wollten die Leute fortan lieber nicht mehr denken. Sie möchten sich verlassen (können). Die Leute sind überanstrengt wie ich auch. Die Sorgen und Nöte verbinden uns, wir gehören zusammen und beleben einen aufgeteilten Raum. Mir ist wichtig, was die Freunde von sich geben, was die Bekannten äußern. Vielleicht finde ich Anhaltspunkte für ein gemeinsames Verstehen, vielleicht verbindet uns ein guter Sinn. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wäre dem nicht so.
Gesucht
Blutpuls
Ein schmales Gewitter zog durch und gab kund, daß es existiere. Das gilt für alles und jeden. Wir sind eine Lautmalerei, eine Episode, eine Manifestation seltsamer Art. Ich weiß noch immer nicht, was es heißen soll, ein Mensch zu sein. Liegt die Schuld bei mir? Hätte ich besser lernen sollen, müßten die Erläuterungen nicht reichen? Man gab sich doch Mühe. Ich gebe sie auch. Mensch zu sein – hieß das nicht, sich dem eigenen Tier entgegenstellen zu können.
In der Flucht der Bewegungen
Wie abgeräumt der Tisch bereits ist, erfahren letzten Endes die Ratten. Die nachbürgerliche Welt mit ihren heilen Fassaden gerät in Begründungsnot. Wäre es nicht besser, täglich zehntausend Menschen zu verpflegen, statt ein Theater aufrechtzuerhalten, das diejenigen besuchen, die genug besitzen, um nicht draußen darum kämpfen zu müssen. Solche Streitigkeiten werden erneut aufkommen, wenn die Barbarei obsiegt. Andererseits müssen die Zwischenräume geschlossen werden, sonst ziehen die Vandalen ein. Ich erlebe eine intellektuelle Welt in Auflösung und nahezu synchron eine rokokohaft-höfische Aufregung um diesen oder jenen sprachlichen Putz. Wissenschaft ersetzt Religion. Utopia ist jetzt. Freiheit wird zur Groteske, neuerlich eingeforderter Zwang laut beklatscht. Sogar kriegsbereit möchte man sich bürgerlicherseits präsentieren. Ich frage gar nicht erst, was das werden soll. Ein Faschingsaufzug, eine Abendlandprozession, ein Todeskommando.
Das Tablett bis zum Tisch
Ein gesunder und robuster Realismus tritt mit dem Anspruch an, die Wirklichkeit zu zeigen, wie sie ist, und tritt damit in Konkurrenz zu idealistischen Konzepten, für die Wirklichkeit lediglich eine Absprung- und Aussichtsplattform ist, von der die nächsthöheren Ebenen ins Visier genommen und als erreichbar erkannt werden. Dazu sei gesagt, daß ein wie auch immer gearteter Realismus in der Kunst (also der Wahrnehmung und Darstellung) erst auftauchen kann, wenn die Wirklichkeit ungewiß geworden ist oder des einen Wirklichkeit nicht die des anderen sein kann. Realismus ist Ausdruck eines Kampfes um Darstellung und Auffassung von gesellschaftlicher Wahrheit, oft mit pädagogischem Eifer.
Was wäre gewonnen, frage ich mich, wenn ich daran ginge zu beschreiben, wie heute mittag mein Klo verstopfte, wenn ich zeigte, welche Anstrengungen ich unternahm, dieses Malheur zu beheben, welcher Mittel ich mich bediente und wie es schließlich gelang. Sagen wie es ist. Andererseits verblüffen mich Menschen, die mir mitteilen, sie gingen jetzt mal kacken. Ähnliches hätte ich mir denken können, müßte es aber nicht tun. Sie verschwänden einfach und kämen später zurück. Als Realist trifft man demnach eine Entscheidung, und die handelt nicht zuletzt von Geschmack. Die Kassierin im Baumarkt, die mir das kleine Werkzeug, das ich benutzte, abzog, wünschte mir einen schönen Abend.
Wenig wäre gewonnen, antworte ich mir. Ein verstopftes Klo stellt nichts in Frage, nicht einmal das Abflußrohr. Es mag ungelegen kommen, es kann niemals zur richtigen Zeit geschehen. Eigentlich hätte ich anderes erledigen müssen. Doch ist es Wesensmerkmal des Wirklichen, vordringlich zu sein. Bei einem Wasserrohrruch, wenn die eigene Wohnung volläuft, hört selbst der Poet auf zu dichten und ruft um Hilfe. Wirklichkeit ist nicht immer schlimm. Es gibt auch Schönes.
Wie gelangt man auf seinen Gipfel
Was macht das Schreiben zu einer mitunter heiklen Angelegenheit – daß man schier daran verzweifeln kann? Ist es die Übererwartung, ist es die Überschätzung der eigenen Möglichkeiten? Ich habe das Kind, das ich war, vor Augen, wie es eine Geschichte nach der anderen beginnt, sie jeweils mit Zeichnungen versieht und nach einigen wenigen Seiten regelmäßig abbricht. Nicht gut genug. Wie lange bleibt man unter seinen Möglichkeiten, wann finden Möglichkeit und Wirklichkeit zueinander. Wenn ich mir etwas Großes vornehme, scheitere ich noch immer. Also nehme ich mir Großes gar nicht vor. Stattdessen verstreue ich kleine Texte wie Blümchen oder Blätter hierhin und dorthin. Hier sind etliche von ihnen gesammelt, fast täglich kommen neue hinzu. Das ist die mir angemessene Form des Schreibens, scheint es. Sie ist sprunghaft, sie ist situativ, sie ist lebendig. Alles Lang-und-breit-Treten bereitet mir Pein. Inmitten des Romans frage ich mich, ob er nicht bitte bald zuende sein möge. Durchhalten mag eine Tugend sein, ich gestehe das zu. Ich halte in meinem eigenen Leben ganz gut durch, das sei bemerkt. Allerdings suche ich noch immer nach dem Kniff, der die Verhältnisse ins entscheidend Bessere wendet. Du wirst dich noch einmal umschauen, prophezeite meine Großmutter. Das Leben besteht nicht aus Jux und Tollerei, wollte sie sagen. Daß ich dies anzunehmen scheine, war ihr gewiß. Sie wußte nicht, wie sehr mich quälte, was sie für Leben hielt: tägliche Mühsal, verbissene Arbeit, gläubiges Erdulden. Ich habe mir vorgenommen, vermutlich bereits im Alter von neun Jahren, daß ich einen Gegenbeweis antreten werde. Der Gegenbeweis lautet, daß Leben mehr ist als tägliche Mühsal und gläubiges Erdulden, nämlich Freude zu empfinden und schöpferisch zu sein, weise zu werden mit den Jahren, mag sein, und keinen Unsinn mehr von sich geben zu müssen. Es ist ungerecht von mir, meiner Großmutter vorzuwerfen, daß sie dachte und handelte, wie sie es tat. Sie nahm alles aus ihrer Welt. Ich erschaffe mir die meine, und das dauert. Ich würde später gern einmal mit ihr sprechen, dann könnten wir vergleichen und die Unterschiede genießen.