Ich hatte keine Kindheit, die davon geprägt war, daß Eltern oder andere Bevollmächtigte sich über mich hermachten, um sicherzustellen, daß aus mir das Beste würde oder es mir geboten wäre zur höheren Ausstattung und Weihe. Ich mußte es nicht einmal besser haben als meine Eltern, sie verlangten derlei nicht. Ich hatte Glück. Schule war auch für sie kaum mehr als eine Notwendigkeit. Ich absolvierte sie, das war alles, das war genug. In unserer Familie käme niemand auf die Idee, daß sich der Wert eines Menschen nach seinen Erfolgen bemißt. Wir sind keine Streber und mögen Streber nicht, doch wir lassen Streber streben. Ich mag meine Familie, in ihr läßt sich sein.
Allgemein
Gartenhaus mit Hühnern
Das programmierte Kind zeigt sich widerständig und läßt den Mardern die Tür auf zum Hühnerstall. Die Marder tun, was Marder tun, wenn sie auf aufgeregte Hühner stoßen. Das war ein Blutrausch, sagt der Vater und sammelt die Leichen ein. Seltsam nur, daß sie einen Weg hinein fanden, jemand muß die Tür entriegelt haben. Das programmierte Kind lächelt nicht, es sitzt zum Frühstück wie zu Gericht. Du mußt mehr essen, sagt die Mutter, sonst kannst du nicht lernen. Hör auf deine Mutter, sagt der Vater. Wir wollen dein Bestes, sagen beide. Ich möchte ein Huhn sein, dann wäre Schluß, denkt das programmierte Kind und nickt. Viel Spaß in der Schule, wünschen die Eltern. Viel Spaß mit den Hühnern, denkt das programmierte Kind und winkt.
Brocken
Im Traum schossen wir eine gewaltige Artillerieladung gegen ein Bergmassiv. Die Haubitze vibrierte nach. Wir sahen den Einschlag. Etwa dorthin hatten wir gezielt. Schon kamen Gesteinsbrocken zurück, einige davon größer als gewöhnlich. Der größte Brocken hatte die Ausdehnung eines bemannten Raumschiffs, schwebte majestätisch heran und detonierte ohren- und sinnebetäubend nicht weit von uns. Beschieße niemals die Berge, sie schießen zurück.
Trostspruch
Vor ein paar Tagen befand ich mich abends in bedrückter Stimmung, hatte Lust auf gar nichts und wäre deprimiert nach Hause gelaufen, hätte mich nicht „rechtzeitig“ eine Art Erkenntnis erfaßt und katapultiert. Ich sagte mir plötzlich (unvorhersehbar): Diese paar Clowns mit ihren jämmerlichen Darbietungen zwingen dich in die Knie, deprimieren dich und machen dich stumm, ist das dein Ernst. Du wohnst einer Farce bei und weißt es. Also laß dich meinetwegen hängen, aber gib nicht solchen Verhältnissen die Schuld. Sie sind offenkundig idiotisch, führen ins Verderben oder in die Irre, was geht dich das an. Besinne dich deiner Sache, und deine Sache ist ein eigenes Leben. Widme es sinnvoll, laß dich nicht ablenken. Der Irrsinn ist bald entschwunden. Je lauter, desto schneller ist er fort. Es sei dir eine Ehre, nicht aktuell zu sein.
Problemlage
Ob man sich im (eigenen) Innern verlaufen kann wie in einer ausgedehnten Gartenanlage, einem Schloß oder einem Labyrinth – mir ist, als sei das möglich. Korrespondieren Innen und Außen nicht wie das Wurzelwerk eines Baumes zu seinen oberirdisch sichtbaren Partien. Je mehr außen sich anfügt oder einbricht, desto tiefer gehen die Gänge und Verzweigungen ins innere Bergwerk. Man soll nicht verrückt werden über solchem Bild. Wird ein Bild zu mächtig, überdehnt es seinen Dienst und beginnt zu herrschen. Das ist nicht seine Aufgabe. Ein anderes Bild muß her oder gar keines. Es läßt sich gut eine Weile bildlos leben. Wir verstehen uns unzulänglich, bedürfen der Versuche, um Ungewisses zu klären. Deshalb nannte ich mich vor ein paar Jahren eine Versuchsanordnung namens Mensch. Ihr sehe ich zu, während ich sie bin. Das treibt auseinander, daher die Schmerzen.
Hobeln
Erwacht mit den Worten: der wunderbare Eigensinn des Menschen. Denn je mehr wir normieren, desto langweiliger wird es. Mit einem Wort: trist. Das beschreibt Leere, Öde, Trostlosigkeit, Eintönigkeit. Eines wie das andere. Fahre in unsere weltberühmten Städte, sie sehen alle gleich aus. Das genormte Paradies: da sagt niemand mehr was Falsches, da verfolgen alle dasselbe Ziel: nicht zu sterben.
Es ist an der Zeit
Der Tod hat das Leben erfrischt. Das ist seine Art. Es empfiehlt sich, während der Bestattungen aufmerksam zu sein, unabhängig von innerer Anteilnahme. Wir wohnen unserem eigenen Abgang bei, zeitlich verlagert auf einen Stellvertreter. So gehen die Dinge ihren Lauf, niemand soll sich beklagen, jeder kommt an die Reihe. Während der Trauerfeier dieser Geschmack im Mund: nach erneuertem Leben, nach Aufbruch, nach Sinn.
Zwei Schritte vor, einer zurück
Heute ist es besser. Die Freude kehrt heim. Wohin war sie, wohin für so lang? Sichelmond steht über dem Haus, ich habe ein Photo gemacht. Ich kann mir vorstellen, daß ein Leben möglich ist, nicht allein als fortdauerndes Sterben. Auch der geistige Bankrott soll aufgehoben sein, ein Jegliches hat eine Zeit. Hätten wir Zeit nicht, nähmen wir uns Raum. Ich lerne neu zu atmen. In den Träumen ist bereits allerhand los. Die Zuversicht der Vöglein ist immens, sie singen sich die Seele aus dem Leib.
Las Vegas 1970
Aus dem Zusammenhang 321
„Ich bin eine Frau. Es ist schön, eine Frau zu sein!“
Berlin, Markthalle am Marheinekeplatz, 3. April 2024 nachmittags