Man wird sehen lernen

Sollte ich aufs Land ziehen. Mir ist die große Stadt so durchschaubar wüst. Vielleicht befruchtet sie mich nicht mehr, vielleicht weiß ich bereits zuviel. Auf dem Land müßte ich Ziegen züchten oder Hühnern den Hals umdrehen. Ich erginge mich in den Wäldern und durchquerte die sonnigen Felder, hätte mit Nachbarn zu tun, die wissen wollen, wer ich bin und was ich ausgerechnet dort zu suchen habe, wo sie seit Generationen siedeln und zu wissen scheinen, was sie dort tun. Jedenfalls tun sie es. Frühling in Berlin anhören, Keimzeit. Am Sonntag war es schön, wir saßen in einem Café und plauderten, während um uns herum Leute kamen und gingen, die Ideen für Geschichten ergaben. In Berlin stirbt gerade etwas, das sich nicht zurückholen läßt.

Man wird sehen lernen

Traufe

Schon ist der Regen da und erfrischt das Land. Gegrüßt seiest du, Regen. Die Pflanzen haben dich erwartet, sogar ersehnt. Auch die Vogeltränke wird sich füllen. Immer wenn es regnet, ist mir wohl. Ich scheine pflanzlich veranlagt oder ein Vogeltränkentrinker geworden zu sein. Ich mag den Regen, seit es ihn gibt.

Traufe

Segelboot

Manchmal, das sei auch gesagt, ist es mir hier zu blöde. Wenn sie mit Waffen, Geld und Werten um sich schmeißen, wird mir übel. Ich fragte mich oft, ob die Lebenswirklichkeit (ich nannte sie Installation), in der ich zurechtkommen soll, mich sonderlich interessiert – und verneinte. Eine Anhäufung unverstandenen Materials, herbeigeschafft aus einer nachvollziehbaren Not, der Materie anvertraut, was sie nicht leisten kann. Ideen verbrannt, Hoffnungen zerbeult, Spiritualität mißbraucht. Wir sind am Arsch. Es gibt keine Richtung außer dem Weiter so. Wir (was für eine gemischte Gesellschaft) stürzen nach vorn und nennen unsere kollektive Flucht der Einfachheit halber Fortschritt. So machen alle mit und freuen sich auf die nächste Tombola. Besehe ich mir die Parteien, die sich aufstellen, muß ich derart lachen, daß mir der Atem stockt. Interessant, daß sich hier irgendwer zu irgendwem als Alternative begreift. Das ist ein Irrtum. Es geht nicht mehr um Alternativen, es geht um eine Analyse der Lage und eine Sichtung der Bestände. Man darf sich ehrlich machen. Alltagspolitisch siegt der Pragmatismus. Der ist das Beste, was wir haben.

Segelboot

Die Krise lebt

Daß ich lebe, überrascht mich manchmal. Als Kind war es mir selbstverständlich, allerdings nicht so selbstverständlich wie anderen, denn ich starb ja bereits bei meiner Geburt ein wenig oder viel oder lag nah am Tod. Insofern ist alles seitdem Zugabe und Geschenk, und so möchte ich es heilig nennen, das Leben, ansatzlos und spontan. Es versteht sich nicht von selbst, daß wir leben, insbesondere nicht, daß es Leben gibt. Wir könnten vielmehr tot sein, es könnte hier vielmehr nichts sein, das lebt.

Die Krise lebt

Luftdruck

Ein leises Wehen, ohne daß sich ein einziges Blättchen regt, geht durch das Zimmer. Als antworte es auf den großen Raum dort draußen, der dem Wetter ausgesetzt ist. Mir ist eigenartig heilig zumute, ich gehe langsam und gefaßt durch den kleinen Flur und besehe Küche und Schlafzimmer. Alles in Ordnung, nur daß es draußen weht. Hier im Innern wird kein Wehen gewesen sein, ich muß mir das eingebildet haben. Ich gehe vor die Tür, stehe unter diesem schwarzen Himmel und lausche dem Tosen des Windes. Schon fährt eine Böe in den Rosenstrauch, in die schlanke Birke, in die Rankgewächse des Innenhofs. Ich könnte die Tür zum Garten schließen, lasse sie geöffnet. Es ist gut, wenn der Wind mich bewegt. — Ich habe ihn allerdings auch schon einen Idioten, einen Irren, einen Wahnsinnigen genannt.

Luftdruck

Zugleich befürchten

Ist es nicht so, daß wir befreit werden möchten. Ist es nicht so, daß wir zugleich fürchten, befreit zu werden. — In Gefangenschaft gehalten werden Wildtiere älter. Man versorgt sie mit dem, was sie benötigen, die Zoo-Wissenschaft ist weit gediehen. Kürzlich wurde ein Gorilla 67 Jahre alt, Fatou im Zoologischen Garten Berlin. Sie kam über Marseille nach Berlin. — Was ist denn dort draußen in der Weltwirklichkeit, die Freiheit heißt. Was läßt sich denn dort erleben. Möchte man das wissen oder möchte man sich davon erzählen lassen. Daher die Filme, die Bücher, die Lieder, die ungestillte Sehnsucht. Man müßte, aber man muß nicht. Man könnte, aber man kann nicht.

Zugleich befürchten