Zügig

Die Türen öffneten und schlossen automatisch. Leute stiegen aus und stiegen ein. Auf diese Weise wurden die Stehplätze und die Sitzplätze mit unaufhörlich neuen Individuen besetzt, ohne daß eigens jemand dies anordnen oder dirigieren mußte. Es geschah wie von selbst und verstand sich wohl wie von selbst, niemand wirkte erstaunt. Das war gut eintrainiert, das war geprobt worden. Wer einsteigt, findet einen Platz; wer aussteigt, gibt den seinen auf. So kann es bleiben, es funktioniert.

Zügig

Atemzüge

Westwinde strömen ein und vertreiben die Wüstenluft. Als großer Atem geht der Wind über Land, ein mächtiges Rauschen durchfährt die Stadt und übertönt den Lärm der Maschinen und des Verkehrs. Luftmassenaustausch und Temperatursturz: eine Kaltfront rückt an. Denn es war warm, und der Flieder blüht bereits. Da war ein Duft in der Luft gestern auf dem Parkplatz am Rande des Friedhofs, wohin wir die liebe Tote begleiteten. Während der Trauerfeier die Tränen. Das Leben bedarf des Todes, wußte ich während der Musik deutlicher noch als sonst. Wer die Familien kennt, weiß, was Menschen vor dem Tod brauchen.

Atemzüge

Smart

Steven Zaillian hat Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith neu in Szene gesetzt, den Roman ins Serienformat übertragen und schwarzweiß filmen lassen. Das kleine Meisterwerk nennt sich Ripley und trägt mich durch die notorische Schlaflosigkeit einer Hotelzimmernacht. Nebenan muß jemand dauernd auf die Toilette, jedenfalls geht die Spülung im Zwanzig-Minuten-Takt. Ich fühle mich geborgen und hätte Lust auf weitere Nächte. Tom Ripley ist ein Schmock, ein Plagegeist, ein Vampir. Daß man sich vor solchen Leuten in acht nehmen sollte, wissen wir insonders (vorzugsweise) durch Highsmith‘ Romane. Sie selbst zeigte sich fasziniert von der moralischen Flexibilität ihres hedonistischen Helden. Nachtrag: Statt smart würde ich nun windig einsetzen, undurchsichtig, verschlagen.

Smart

Jenseits der Beschwernisse

Kinder spielen auf der Straße, jemand ruft (Stimme eines erwachsenen Mannes), eine Autohupe ist zu hören. Die Luft und den Himmel trübt noch immer Sahara-Staub. Das Hotelzimmer ist klein und fast schon gemütlich, die goldrot gestreiften Vorhänge passen zur Rückwand des Bettes, und auf der Kühlschranktür steht FREE DRINKS. Man sollte etliche Tage oder Wochen in einer fremden Stadt verbringen, ausgedehnte Spazier- und Besichtigungsgänge unternehmen, zur Festung hinaufsteigen, ins Hotel zurückkehren, sich rücklings aufs Bett werfen und über alles noch einmal neu nachdenken, ganz ohne Eile oder inneren Druck. Alles was einem einfällt, das andere natürlich nicht. Man könnte beginnen, ein Buch zu schreiben, ganz zum Zeitvertreib. Etwas von der Luftigkeit und Verpflichtungslosigkeit einer fremden Stadt mit flüchtigen Begegnungen sollte darin enthalten sein, möglichst viel davon. Es wäre ein Sommerbuch des anderen Lebens.

Jenseits der Beschwernisse

Lektion eines Jahreszeitenwechsels

Betrunken vor Lebensdurst stehen die Leute auf den Bürgersteigen vor den Bars und Spätkaufstationen und lachen und reden und hoffen und bangen, daß die Gunst des Abends und der Nacht dazu führt, daß sie jemanden finden, mit dem sie ihre Begeisterung und ihr Lebensvertrauen teilen können, nachdem wie jedes Jahr wieder der hemmende Winter seine feuchtkalten Hände im Spiel hatte und Ruhe befahl. Frühling ist ein riskantes Spiel mit der Geduld, manch einem reißt der Faden. Aufwallendes Verlangen und asphaltstürzende Verzweiflung, die entgegengesetzten Pole werden mächtig stark. Der Feind ist niemals tot, selbst wenn es den Anschein hat. Er kehrt zurück zum nächsten Kampf. Im Politischen ist das tragisch, im Meteorologischen ewiges Spiel.

Lektion eines Jahreszeitenwechsels

Aus dem Zusammenhang 320

„Rebellin, Kraftprotz oder Influencer: Jede Graugans hat ihren eigenen Charakter. Ihre ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale entscheiden über ihren Erfolg in der Liebe, im sozialen Miteinander und letztendlich über das Überleben. Sie gehören zu den faszinierendsten Wildtieren, die wir auch in unseren Breitengraden erleben können. Die unglaublich klugen Pflanzenfresser erkennen einander am Ruf und an ihren unverwechselbaren Gesichtern – und sie vergessen kein Gesicht, auch nicht das von uns Menschen. Mehr als 100 Stundenkilometer schnell können sie fliegen, aus zwei Kilometern Entfernung erkennen sie nicht nur einen Adler, sondern auch, was er im Schnabel trägt. Vielleicht können wir auch etwas in Sachen Zusammenleben von den Graugänsen lernen: Die sozialen Tiere, von denen man lange annahm, dass sie streng monogam sind, leben vielmehr in vielen verschiedenen Beziehungsformen. In einer Gänseschar gibt es immer viel Drama – manchmal mit dem Ergebnis, dass ein enttäuschter Liebespartner in ein anderes Land zieht, um dort sein Glück zu versuchen. Kein Wunder also, dass mit der Erforschung der Graugänse durch Konrad Lorenz vor 50 Jahren auch die moderne Verhaltensforschung beginnt. In diesem Buch nimmt uns die Verhaltensbiologin Sonia Kleindorfer, die heute die Konrad Lorenz Forschungsstelle im Almtal leitet, mit in die Lebenswelt der einst als gottähnlich verehrten Tiere.“

Klappentext zu Sonia Kleindorfer: Die erstaunliche Welt der Graugänse. Wien 2024.

Aus dem Zusammenhang 320

Wo der Bürger sich ziert und mitmacht

Es wird zu jeder Zeit Leute geben, die binnen kurzem erklären, worum es geht, wie man was zu bewerkstelligen hat, damit es halbwegs läuft, und dir zusätzlich Ratschläge mitgeben, wie du dich ansonsten schadlos halten kannst in (meinetwegen) gefährlicher Zeit. Solche Informationen sind nicht wertlos, selbst wenn sie gewöhnlich erscheinen. In ihnen gibt sich eine Überlebensmentalität zu erkennen, die auf Anpassung durch Tarnung setzt und gewitzt Lücken des Systems auskundschaftet, um solcherart Vorteile zu ergattern. Berlin ist voller Gestalten, die exakt wissen, was jeweils zu tun ist und wo man was abgreifen kann. Das durchzieht die Gesellschaft von hoch oben bis nach tief unten. Der eigene Vorteil ist dasjenige Ziel, das von allen geteilt wird.

Wo der Bürger sich ziert und mitmacht

Verlauf eines Spaziergangs

Sich unverstanden fühlen (wähnen) – die zentnerschwere Last der „Symptomträger“. Sie sind diejenigen im System, die es spüren und auszuleben haben: das Gewicht der gemeinschaftlich angehäuften moralischen Schulden. Gemeinschaften sind jeweils um ein Problem angeordnet, von dem sie nichts wissen. Die Symptomträger, die darauf zeigen, erkennst du daran, daß du sofort mit ihnen sprechen kannst, und zwar auf fortgeschrittenem Niveau. Sie wissen vom Leid und vom Leben, sind anschlußfähig für weiterführende Gedanken und Ideen. Wer nichts von ihnen weiß, wird auch nichts von ihnen wissen wollen. Man soll sie nicht mit den „Systemsprengern“, wie sie der Film populär, jedenfalls immerhin bekannt gemacht hat, verwechseln. Sie schreien nicht hörbar, gestikulieren nicht wild in der Gegend herum, versuchen durchaus, sich anzupassen und unauffällig zu sein. Nicht selten verstecken sie sich. Noch häufiger halten sie sich für schuldig, nämlich dafür, daß „das System“ nicht gut genug funktioniert: sie nicht in ihm, es vielleicht besser ohne sie. Suizidgefahr, autoaggressives Verhalten. Das System ist wie eine Russische Puppe: vom Kleinen ins Große. Ihr Verdienst: daß sie anzeigen, wenn erhebliche Störungen vorliegen und die gern geglaubten Harmonien brüchig sind. Sie, die Träger solchen Wissens vom Leid, sind leicht zu lesen, will mir scheinen. Sie zeigen dir eigens und wenn du zuhören magst, was nicht stimmt. Nur daß du vielleicht denkst, es sei doch in Ordnung, was ist, allein dadurch bereits, daß es (noch) ist.

Verlauf eines Spaziergangs