In einem Alptraum letzter Nächte war es mir auferlegt, einem Ahnungslosen zu erläutern, was Krieg bedeutet: anschaulich und einfühlsam. Sag mir mehr, forderte der Ahnungslose, als ich bereits begonnen hatte. Sag mir auch, woher du weißt, was du zu wissen vorgibst. Sein Gesicht befand sich dicht vor mir. Etwas Höhnisches lag in seinen Worten. Als wäre es verächtlich, des Krieges Bilder zu zeigen, indem man sie sagt. Du weißt nichts, triumphierte er endlich. Du weißt genauso wenig wie ich. Alles, was du mir bietest, ist erdacht, ausgemalt, erfunden. Nur wer im Krieg war, weiß, was im Krieg geschieht. Darum, so schloß er, ziehen wir doch in den Krieg. Das verstehst du doch, nicht wahr.
Allgemein
Lametta-Soldaten, Tipp-kick-Fußballer
Während man kämpft und sich in Gefahr begibt, denkt man kaum daran, daß man später einmal davon berichten wird, wie es war, sich in einen Kampf zu begeben und in die Gefahr. Die Veteranengesänge sind lang und vielstimmig. Ihre Sänger haben überlebt. Die Gesänge der Gestorbenen existieren nicht. Von dort, wo sie sind, landet kein Laut an unser Ohr. Die Fastgestorbenen, die können vielleicht noch singen oder sagen. Von denen kennen wir manches Lied. Es gibt auch die Lieder derer, die sich einen Kampf oder Krieg lediglich vorstellten und ihn ausschmückten und priesen, doch das waren diejenigen, die sich übergeben mußten oder das Weite suchten, wenn man einen Kampfplatz ihnen von Nahem zeigte oder sie der Gefahr aussetze für einige Augenblicke des Sehens und Verstehens.
Ostereier, Schokohasen, Kreuzigung
Jetzt ist wieder Zeit für Hasen und Eier. In Divisionsstärke stehen die Lindt-Hasen im Kaufhaus bereit, Blick in eine Richtung, Hasen der Glamour-Sonderedition, postiert auf einem Verkaufstisch im Gang hinaus auf die Straße und in die Freiheit und die solide Härte eines Frühlings in Neukölln oder sonstwo. Seid fruchtbar und ehret euch. Vielleicht wäre die Passionsgeschichte unerträglich ohne den heidnischen Firlefanz mit bunten Eiern und einfältigen Hasen, vermutlich fehlte dem schokoladen-konsum-degenerierten Fruchtbarkeitskult ein ernsthaftes Gegengewicht. So gehört zusammen, was nichts miteinander zu tun hat. Kompromisse solcher Art stimmen friedlich, man will gar nicht erst kategorisch werden. Humor besiegelt die Sache. Nichts gegen Triebe, sie handeln mitunter von Liebe.
Regenwannentropfen
Bei Regenwetter ist es gut, angemessen gekleidet zu sein. Ein Regenmantel läßt das Wasser ablaufen, wasserdichte Stiefel halten die Füße trocken. Die Heimkehr wird zur Rückkehr ins Behagliche. Die nassen Klamotten kommen in den Heizungsraum oder werden im Badezimmer über der Wanne aufgehängt. Hinein in die Hausschuhe und ab aufs Sofa, der Film beginnt gleich. Er zeigt einen Mann, der aus dem Regen nach Hause kommt und sich aufs Sofa setzt, um einen Film zu schauen. Was er zu sehen bekommt, gefällt ihm.
Explosionen
Professionalität ist eine fragwürdige Größe oder Eigenschaft. Nimmt man sie positiv und wie sie gedacht ist, erkennt man in ihr Fachkundigkeit und Systemkompatibilität. Rückseitig wären Routiniertheit, Schematik und Unfruchtbarkeit aufgetragen. Nichts Neues unter der Sonne der Profis. Kreativität ist kein bekannter Akt der Professionalität. Kreativitätstraining schon.
Kunst war ein Gefängnis
Daß die Musik zurück auf die Straße gehört, wissen wir längst. Es darf nun noch geschehen. Es ist, als sei mit der Moderne oder einem der anderen Gespenster (der Verwertung und des Verbrauchs) eine große Verängstigung über die Leute gekommen, daß sie fortan sich der Professionalität zu beugen und eigene Versuche zu unterbinden hätten, dergestalt, daß das Vollendete als Produkt zwar konsumierbar sei, die Kunst als Form des wirklichen Lebens jedoch ausgelöscht werde. — Wir aber sollten überall spielen, singen, tollen. Wenn ich mir solches vorstellen kann, wird es woanders längst gemacht.
Was ist falsch an mir, fragen sich die, an denen nichts falsch ist
Hineingeboren in eine teure Leere
Und zwar richtig
Seit Jahren ist mir, als schliefen sie. Meine Freunde, meine Mitstreiter, meine Verstehenden. Sie werden verhindert sein, angestrengt woanders zu tun haben, entschuldigt sein auf vielfältige Weise. Von Zeit zu Zeit meldet sich jemand, taucht auf wie ein Maulwurf, bildet einen Hügel auf dem Rasen. So leben sie also doch. Unterirdisch ist es warm und dunkel, man kriecht die bekannten Gänge entlang und kennt die Futterablagestellen. Warten, bis die Luft rein ist. Niemals ist sie rein genug. Die Filteranlagen sind schuld. Ich möchte ein Fest des Lebens feiern.
Schlingpflanzen
Wozu ich eigentlich lebe, fragte ich etliche Male. Allmählich gerinnt eine Antwort zu verschwommener Klarheit, die gänzlich zu klären ich mich aufmachen soll. In dieser Installation, sagte ich noch vor kurzem und konnte auf das zeigen, was die sogenannte Wirklichkeit ausmacht, habe ich wenig zu suchen, noch weniger habe ich in ihr zu finden. Der Verkehr verkehrt, die Straßen verbinden, die Elektronik funktioniert. Das ruft in mir keine Begeisterung hervor, ich bin verwöhnt offenbar.
Was ich suche, kann ich gar nicht finden. Was ich finde, habe ich nie gesucht.
So wußte ich es also doch. Es könnte Steine regnen oder Bomben erschien 1999.