Rolltreppe gegen die Richtung

Geburtstag eines Schulfreundes von damals, als wir heranwuchsen und ein eigentlicheres Bild von der Welt und den Vorgängen in ihr zu erhalten bestrebt waren. Wir diskutierten. Die Wirklichkeit, deren Teil wir nun auch geistig zu werden uns anschickten, forderte von uns, neu betrachtet und neu bedacht zu sein. Sie nannten es Pubertät. Auch die Körper wuchsen über uns hinaus. Sollte man sich ihrer schämen? Wir genossen unsere gottgegebene Intelligenz, ohne je an Gott zu denken. Der Konfirmandenunterricht war vorbei, erfolgreich absolvierte Initiation, es gab Geschenke. Wir waren weltlich und diesseitig bis zum Umfallen. Das Sexuelle quälte, wir gedachten der Liebe ehrfürchtig, ängstlich, in zitternder Vorahnung. Aus uns sollte was werden, das war gewiß – doch was genau. Wir waren Blutsbrüder (ohne Zeremonie mit Messer, Schnitt und Blut), dann kam es zum Streit. Auf einer Rolltreppe in einem Kaufhaus während einer Kursfahrt nach Berlin oder Wien. Wir hielten uns keine Minute länger aus. Der Streit schnitt uns entzwei, und unsere Entzweiung betraf den Freundeskreis, der sich in Hälften teilte. Dieser Schulfreund und Blutsbruder feiert heute Geburtstag. Ab und an denke ich an ihn, frage mich aber kaum, was er jetzt macht. Irgendwas wird er schon machen.

Rolltreppe gegen die Richtung

In der Speicherstadt

Man müßte das Vertrauen nicht eigens hervorheben, herrschte nicht eigentlich das Mißtrauen zwischen den Menschen vor. Wenngleich ich nicht sicher bin: Zwar sind die Leute mißtrauisch und vorsichtig, doch sehnen sie sich sichtbar danach, solche Positionen der Distanz und Reserve verlassen zu dürfen. Kinder sind diesbezüglich ein lehrreiches Beispiel. Der Mensch ist ein gruppen- und paarbildendes, äußerst soziales Wesen. Man kann sich selbst untersuchen, falls einem danach ist. Hin und wieder wird die Rede gebracht auf einen der sogenannten Menschenfeinde oder Menschenverächter. Es mag solche Leute geben, Schopenhauer wird oft genannt. Enttäuschungen begünstigen den Rückzug in die scheinbar selbstgewählte Einsamkeit. Allerdings beruhen die Enttäuschungen nicht selten auf Täuschungen, also einer unrealistischen, demnach wohl idealistischen Auffassung davon, wie ein einzelner Mensch, der Geltung beanspruchen möchte, zu sein habe. Insofern sind sie heilsam. Mit Menschen bewegt man sich im Relativ – im Kommt-darauf-an. Dies hinnehmen zu können, ohne in die Tiefen einer Verzweiflung zu stürzen, würde ich erwachsen, wenn nicht weise nennen – wobei der Protest nicht ausbleiben wird. Denn es muß das Absolute geben. Schließlich wird es ersehnt und sogar gefühlt.

In der Speicherstadt

Gebrochener Flügel

Als der Falke nicht weiter wußte, flog er mit letzter Kraft „zu den Menschen“ in den Hof, setzte sich auf die Trennwand zu den Fahrradstellplätzen, später ebenerdig aufs Pflaster an die Außenwand des Gartenhauses. Er ließ zu, daß man sich ihm näherte, eine Wasserschale bereitstellte und Futterstückchen neben ihn legte. Schließlich kam eine Frau von der Wildvogelstation des NABU und holte das verletzte Tier. Sie umhüllte den Körper mit einer Decke, legte ihn in die mitgebrachte Katzentragebox und fuhr zur tiermedizinischen Notfallstation. Das ist nur einige Jahre her; Turmfalken werden bis zu achtzehn Jahre alt.

Gebrochener Flügel

Politische Depressionen 4

Hilfloser Sarkasmus ist auch ein Zeichen der Depression. Immerhin aber ein Befreiungsschlag für ein Schmunzeln oder Gelächter; immerhin ein Lebendigkeitsbeweis, ein Lebensnachweis; immerhin ein Indiz für ein funktionierendes Bewußtsein, das ein taghelles Bewußtsein der Krise ist. Was denn, nur eine? Es sind deren viele, ich suche nach der Hauptkrise oder nenne sie der Einfachheit halber multiple Krise. Wozu schenkte man uns die Sprache? Um unterscheiden zu lernen und zu lehren. Auch um zu sagen, wie es sich anfühlt im brandaktuellen Hier und Jetzt.

Politische Depressionen 4

Ein Tag wird werden

Schon brüllt einen ein neuer Tag an. Die Vögel stimmen ein. Es ist früh bereits hell, früher als gestern und vorgestern, und so weiter zurück bis zur Wintersonnenwende. Die Pflanzen verstehen zu leben und treiben Knospen aus ins heilige Licht. Ich selbst notiere ins Tagebuch: „Vielleicht leben wir bereits in der Hölle, und die Jubelschreie im Stadion, wenn ein Treffer erzielt wird, sind die Schreie der Gemarterten.“ Derart aufgemuntert steige ich in Hose und Stiefel und reite hinaus in den freien Westen, zuvor ein Frühstück für starke Männer (Kurt Vonnegut, 1973).

Ein Tag wird werden

Zielkritik

Mißverständnisse sind der Weg ins Verstehen. Verstehen und Verständnis. Gestehen und Geständnis. Das Stehen und der Stand. Mit wenigen Ableitungen ist eine Weltwirklichkeit aufgezeichnet, die es in sich hat. Da werden Macht und Gunst verhandelt, Möglichkeiten und Zugänge gewährt. Gewähren und wahren. Mißverständnisse sind gut, denn sie verweisen auf die Rückseite ihrer Negativität. Ich verspüre keinerlei Lust, die nächsten Jahre oder Jahrzehnte in wechselnden Sprachmanipulationsmodi zu verweilen und eine Bootsfahrt nach der anderen ins Nichts zu unternehmen.

Zielkritik

Politische Depressionen 3

Wenig mobilisiert derart wie eine Depression. Dies sei sogleich angefügt, denn es wird überraschen. Eine Depression ist aufgestaute Handlung, ein blockierter Handlungsvollzug. Depression handelt immer von Hilflosigkeit, das habe ich gelernt. Hilflosigkeit ist der Zustand des Nicht-wissen-wie oder des Nicht-wissen-was oder des Nicht-wissen-wodurch. In solcher Hilflosigkeit gefangen, beobachten wir (wir sind sehe viele) den Fortgang der Dinge. Die Dinge – wenn man doch wüßte, wer die eigentlich sind. Endlich entstehen Konstellationen – sie erscheinen wie Plastiken – die festgefügt wirken, zuvor aber etabliert worden sind. Nicht nur meistens, sondern immer durch Worte und also Sätze. Sätze sind Setzungen, man darf das verstehen. Die Machtleute sind schneller als wir, sie besetzen die Sprache und führen bewußt Sprechweisen ein. Wir Gelähmten oder Erstaunten oder Unausgeschlafenen oder anderweitig Beschäftigten staunen nicht schlecht, daß die Fertigteile wie beim Messebau bereits stehen. Schon kommen die potenten Leute und bewegen sich Geschäfte machend zwischen den Sprachkulissen. Das nennt sich dann auch Wirklichkeit. (Ich will kein Wir ergaunern. Wer anders bemerkt, sieht, hört, denkt – kein Problem. Willkommen in den Diskursen.)

Politische Depressionen 3

Politische Depressionen 2

Ich möchte weiter an meinen politischen Depressionen arbeiten. Bemerkt habe ich sie (wie könnte ich sie übersehen), bekämpfen werde ich sie keinesfalls. Nicht die Depressionen! Eher käme mir gelegen, die Ursachen derselben verschwänden. Daß ich nicht der Maßstab der Dinge bin, wurde erklärt, doziert, exekutiert. Ich wußte das bereits vor solcher Maßnahmenpädagogik. Es steht mir nicht zu, in die Machtfindungs- und Machtballungsprozesse einzugreifen, ich darf sie jedoch beobachten, beschreiben und kommentieren. Ich beobachte sie am eigenen Leib – deren Einwirkungen auf Sinn und Sinne. Wir leben in einer Debattendemokratie. So mag ich Debatten führen, dabei zusehen oder zuhören, wie sie geführt werden und von wem. Ich mag das ganze Tableau, ich mag sogar, wenn Leute sich äußern, die von außerhalb der anerkannten Diskurse zu kommen scheinen oder sie nicht ausreichend beherrschen. Willkommen im Gespräch über Schwierigkeiten, die auftauchen können, wenn man mit- oder gegeneinander in einer Zivilisation lebt, die sich fortwährend selbst sucht. Geisterhaft.

Politische Depressionen 2