Da wir doch alt und älter werden, müßte doch einmal ein Punkt erreicht sein, da wir sagen können: Jetzt weiß ich, was das menschliche Leben ist. Denn ich kann es erklären an eigenem Beispiel. — Solcher Punkt ist erdacht oder erwünscht, er wird niemals erreicht. Selbst die Weisen hüllen sich in Schweigen, wenn man sie nach den Geheimnissen befragt. Es mag sie geben, man weiß es nicht. Die wahrhaft Weisen, die echten Geheimnisse, die seltenen Gelegenheiten zu Einsicht und Erkenntnis, die verbotenen Bezirke, die verschwiegenen Texte. — Da wir doch älter und schließlich alt werden, was wissen wir denn schon. Lohnte es sich, uns nach etwas zu fragen. Würden wir uns selbst befragen, hätten wir die Wahl und wären jünger, als wir sind. Ich erspare erneut die Fragezeichen. Mir ist, als ähnelten sie umgekehrten Fleischerhaken, und der Punkt wäre einer der vielen Tropfen Blut.
Allgemein
Aus den Wertungen
Das Denken und Phantasieren, das Ideenhaben und Ideen-Entwickeln, die Ausfahrten des Geistes und seiner Vorstellungskraft sind gemindert. Die politischen, ökonomischen und administrativen Krisen spiegeln Schwäche und Siechtum der Vernunft. Intelligenz mag ein Repetiergewehr sein – doch der empfindsamere Geist zieht sich zurück. Wo scharf geschossen wird, fragt er nach der Notwendigkeit der ausgegebenen Befehle und der Qualität des Unterfangens. Das Gehirn als notorisch vorlautes Organ mag unentwegt quasseln und seinen üblichen Stuß verzapfen. Der Geist bleibt ruhig und bringt das Gehirn zur Ruhe. Exakt das ist Meditation.
Aus dem Zusammenhang 318
„Wir wollen ihnen geben, was ihnen am meisten fehlt – Freude.“
Jeremy Irons als Rodrigo Borgia (Papst Alexander VI.) in Die Borgias, S2 E1
Transformatorenhäuschen
Ob man den Körper als Tempel zu betrachten gelehrt bekam oder als Latrine, als Abort kennenlernen mußte, bestimmt die eigenen Wege. Woher soll die Achtung erwachsen, wenn Mißachtung erfahren wurde. Achte dich selbst wie jedermann sonst, aber achte dich eigens. Denn nur für dich selbst mußt du vollständig aufkommen, für die anderen, und seien sie noch so nahe, nur anteilig. Längst leben wir diesseits der Moderne, die hinter uns liegt wie ein breiter Strom, aus dem wir gefischt haben, was brauchbar schien, und in den wir warfen, was nicht mehr gebraucht wurde. Ansonsten sind wir über sie hinaus, was nichts Gutes bedeuten muß. Die Geschichte der Lieblosigkeit ist noch nicht zuende gelebt. Daß die häßlichen Seiten sich zeigen, zeugt von Anspannung und der Richtungslosigkeit ihrer Entladung. Die falschen Leute halten sich für Feinde. Umgeleitete Flüsse kehren in ihr altes Bett zurück, sobald man sie läßt. Künstlichkeit ist nicht Kunst.
Auch ohne Teleologie
Wir besitzen nicht einen Körper, wir sind dieser Körper und leben durch und in ihm. Wir besitzen nicht Geist, sondern sind Geist. Wir benötigen den Körper, um Geist zu verwirklichen – und umgekehrt. Die Durchdringung ist vollkommen. Nur die Begriffe trennen, was ohne einander nicht existiert.
Wir doch nicht
Ein Tag geht zuende, die Nacht hat übernommen. Tag-und-Nacht-Gleiche oder Äquinoktium. Wir machen halbe-halbe, sagten wir als Kinder, wenn wir teilten.
Zeit ist teilbar, doch keines ihrer Teile läßt sich zum Verschwinden bringen. Da nun die Tage länger und die Nächte kürzer werden, verändert sich unser Leben von Grund auf.
Wie seltsam doch, daß wir wenig aufs Datum schauen, wenn wir einen Brief oder eine Tagebucheintragung zu verstehen suchen. Wie können wir annehmen, daß das Bewußtsein und das Lebensgefühl gleichbleibend sind, da wir doch wissen, wie sehr die Witterungen, die Lichtverhältnisse, die Wärme- oder Kältephasen einspielen in unser Empfinden.
Müßte nicht danach gefragt werden: Was war das für ein Tag, als die Großmächtigen beschlossen, ein Land von der Karte Europas zu tilgen? Andererseits würde es kompliziert, man müßte Meteorologie und Sinnesphysiologie in die Geschichtsschreibung aufnehmen.
Es gibt einen Grund, weshalb ich von Wetter und Jahreszeit spreche, wenn gefragt wird, wie es geht oder ob es gut ergeht. Ich halte uns für witterungsabhängige Tierchen und wähle die Verniedlichung, da man den Tieren unterstellt, sie seien wüst und triebhaft.
Frühlingsgefühl
Müde Seligkeit in mir, während der Zugfahrt eine süße Schläfrigkeit. Wie köstlich, unter Fremden zu sein. Wie eine Fahrt ins fernere Bewußtsein, wo es schon bald nichts mehr weiß. Dort fragt man sich durch. In einer unbekannten Stadt das Café am Marktplatz mit Blick auf Kirche, Rathaus und Wochenmarkt. Die enge Gasse zwischen zwei Prunkhäusern führt in die Weinberge. Die Gunst der milden Klimate.
Mit Wassern gewaschen
Es ist gut, an den Fluß zu gehen und seine Wasser rauschen zu hören. Die tragen fort, was sich ereignet hat. Die Flüsse säubern die Städte und nehmen den Unrat mit. Ich entstamme einem kleinen Dorf, durch das ein Bächlein sich schlängelt, windet, bahnt. Dieses Bächlein, plattdeutsch Beeke genannt, erfüllte seine Aufgabe und erfüllt sie noch. Das Bächlein entspringt oberhalb des Ortes im Wald und fließt von dort bergab durch die Felder zu uns und durch uns hindurch in den nächstgrößeren Fluß, die Humme, die wiederum der Weser zuströmt. Als ich klein war, spielte ich im Bachbett und staute ihn, hielt Ausschau nach Forellen und erblickte einmal tote Ferkel hinter einer Scheune aus rotem Backstein. Da lagen sie bleich neben- und aufeinander. Deshalb habe ich eine Vorstellung davon, was ein Schindanger ist. Selten geht die Beeke über die Ufer. Wenn sie es tut, muß es zuvor hundert Liter auf den Quadratmeter geregnet haben. Auszuschließen ist das nicht. Ich bin dann stolz auf das Bächlein, sogar wenn alle schimpfen. Hochwasser bereiten Ungemach, Niedrigwasser macht Sorgen.
In den Malereien
Da ich in diesen Nächten nicht schlafe, oder wenn, dann nur kurz, mir stattdessen Sorgen mache um den Zustand der Welt, gerate ich in bizarre Erschöpfungszustände und könnte phantastische Bauten errichten aus dem, was sich tagträumend auftürmt zu schwindelerregenden Höhen. Visionen zukünftiger Freuden und Schrecken in den bewohnten Luftschichten, die fest genug sind, um den strampelnden Füßen Halt zu bieten. Man muß den Verstand ein Stück ausschalten, dann sieht man Luftschlangen und andere Ungeheuer. Ihnen zu entkommen erfordert Schnelligkeit und Wendigkeit, zusammengefaßt: Bewegungsintelligenz. Die Wälder ähneln von oben Broccolifeldern, der Rest ist Wüste aus Steinen, Felsen, Sand. Die Flüsse leuchten im roten Sonnenlicht. Die Luftschlösser sind errichtet, wir ziehen ein.
Glück besteht aus Kleinigkeiten
Es war ein Tag der Freundlichkeit und der Helligkeit. Obzwar kalt, lag eine Gunst auf den Stunden, matt schimmernd und dennoch warm. Der Winter geht und sein Gefolge mit ihm. Aus dem Bikini-Haus hat man einen Blick auf die Paviane im Affengehege des Zoologischen Gartens. Zwei von ihnen tauschten unterhalb des Steinhügels die Plätze und schmiegten sich einander an. Sechs Grad Außentemperatur. Der sonst mürrische Antiquar in der Bergmannstraße wünschte einen „Guten Tag noch“. Ich dankte und fragte, ob er denn auch etwas Sonnenlicht abbekomme (in seinem Buchverlies). Doch, versicherte er. Ich mußte schlucken, als ich das Geschäft verließ, Raymond Queneau im Gepäck, Heiliger Bimbam. So viel Freundlichkeit von jemandem, den zu belästigen man sich wähnt, selbst wenn man Bücher bei ihm ersteht, ist ein Geschenk. Wir kennen uns seit fünfzehn, zwanzig oder mehr Jahren, doch heute war er das erste Mal freundlich, wenn auch vielleicht widerstrebend.