Politische Depressionen 1

Ich kann keinen Text unter eine Überschrift schreiben. Ob ich es je konnte, fragt sich. Ich kann keine Liebe spüren oder beginnen, wenn darüber Liebe stehen muß. Eine Wanderung besteht aus Schritten und benötigt keine Überschrift. Ich behandle Überschriften respektlos, sie fliegen umstandslos ein und werden installiert. Wer sich was dabei denken möchte, ist nicht gehindert. Hier entsteht ein Text, der sein Ziel noch sucht. Tastend geht es voran. Das Thema ist verdächtig, es schmeckt bitter und riecht nach verbranntem Fleisch. Ich umkreise meine politischen Depressionen. Mag sein, dies wird ein längerer Text. So kann man verfolgen, wie er zunimmt und wächst. Stürzt er ein oder wird jäh unterbrochen, ist das Teil des Plans oder der Idee eines Plans. Man kann das einen Vorwurf nennen: einen Vorwurf nicht als Anklage oder Vorhaltung, sondern als thematische oder stoffliche Vorlage eines Kunstwerks. Der Wurf nach vorn geht ins Ungewisse, voll der Hoffnung und des Bangens.

Politische Depressionen 1

Bretter

Vorhin am Telephon habe ich versprochen, meine Politischen Depressionen hier niederzulegen. Das mag passieren. Eine nach der anderen und ohne die Idee von Vollständigkeit, Korrektheit oder sonstwelchem Krempel. Wieder nur ein Dokument, wie man im Archiv zu sagen pflegt, wenn man Lust auf Mittagspause hat und einen Spaziergang im angrenzenden Park mit den Enten auf dem Teich und den Papierkörben neben den Bänken für drei bis vier Personen. Der Wind rauscht in die Pappeln, und es ist Jahreszeit genug, sich jeweils vor ihr zu schützen.

Bretter

Montag war Schluß

Jemand ist tot. Die Nachricht trifft ein. Wann sahen wir uns zuletzt, wo war das. Lange her. Vieles ist mittlerweile lange her. Ich bin alt genug dafür. Wir sprachen niemals viel, nur das Nötigste. Jetzt ist mir, als sei ich dort, wo wir zuletzt sprachen, zusammenstanden und eine Zigarette rauchten. Ein Gasthof an einer Straße, ein Jubiläumsgeburtstag der Schwiegermutter, meiner Patentante. Das verschmitzte Lächeln eines Mannes, der versteht, aber nicht alles sagt. Angeheiratete verstehen niemals ganz die Familie, in die sie fortan gehören sollen. Ich erkannte einen Schmerz oder eine Hilflosigkeit in seinen Augen und bemerkte die Kunst der Untertreibung beim Sprechen. Hin und wieder kam ein spärlicher Satz über seine Lippen, auch deshalb, weil es sich nicht gehört, gar nicht zu sprechen. Du weißt das, sagte er und lächelte dieses Lächeln.

Montag war Schluß

Verhaltensforschung

Vor langer Zeit fuhr ich auf einer Fähre hinüber nach Schweden. Im Preis für die Überfahrt war inbegriffen der Verzehr am Buffet. Die Mitreisenden schlugen sich den Magen voll, weil sie dachten, es wäre clever, sich möglichst viel von dem bezahlten Geld in Naturalien zurückzuholen. Sie hielten das für ein Geschäft und zahlten dafür mit Schmerzen und Unwohlsein. Die meisten stöhnten, einige gingen kotzen, über die Reling oder in die Schüssel.

Verhaltensforschung

Worauf ich mich freue

Schnee Anfang April, kein Scherz. Kirschblüte. Hof fegen. Rosensträucher beschneiden. Wolken bewundern. Kleider aussortieren. Offene Fenster, offene Herzen. Die betonschwere Last verlieren. Daß die Kriege enden und Verträge geschlossen werden. Rückkehr der Mauersegler. Vertrauen in die Wärme und Güte des Lebens. Vor Cafés sitzen und Kaffee trinken. Mit den Bimmelbahnen ins Umland fahren. Einen Picknick-Korb zusammenstellen. Bücher für eine längere Reise auswählen. Nicht zu wissen, wohin die Reise geht. Erschöpfung durch Hitze. Abkühlung in alten Gebäuden mit dicken Mauern. Kalte Fliesen. Hochsommer in Wien. Alte Hotels mit nicht mehr als einem Stern. Sitzen an Flüssen. Müde sein nach einem Tag.

Worauf ich mich freue

Mißtrauen und Kritik

Es hat uns ganz schön zerschossen, nicht. Mitten hinein in die Freundeskreise und in die Familien und in die Bekanntschaften. Politik erlebe ich als Horrortrip, nicht das erste Mal in meinem Leben. Mir ist, als müßten wir politisch erneut alphabetisiert werden, nachdem das in der Schule und in der Universität offenbar nicht so gut lief. Den Journalisten wäre aufgetragen, altmodisch wie früher saubere Interessenanalysen durchzuführen, ehe die eigene „Haltung“ durchschießt und glauben machen will, das Gute sei allein schon dadurch gerechtfertigt, daß es sich selbst für gut hält. Die aktuell schwierigen Lagen sollten den Journalisten ein Fest sein. Es gäbe so viel zu erforschen und zu entdecken, wir würden gemeinsam schwindlig.

Mißtrauen und Kritik

Nein, nicht als Spiegel

Wie aufgescheuchte Insekten tanzen wir speziesfremden Zuschauern einen unverständlichen Tanz vor. Wir sind das Schauspiel. Während wir doch annehmen, wir reagierten lediglich auf eine willkürliche Inszenierung des Anderen. Das Andere ist der Widerpart der aufgeklärten Vernunft. Längst fragt sich innerhalb des Wir, wer Wir ist und wer nicht. Verteilungskämpfe werden ausgefochten, Zuteilungskonkurrenzen sind sichtbar. Das läßt sich nicht geheimhalten. Menschen imitieren den Dschungel, dem ihre Vorvorfahren entkommen sind. Etwas in ihnen ruft sie zurück ins Wildbahnverhalten, macht sie hungrig und gefährlich und interessant. Wer sind den die speziesfremden Zuschauer, mag man fragen, muß man fragen, frage ich mich. Es sollte sie geben, es müßte sie geben. Sie dienen unserer Selbstkorrektur.

Nein, nicht als Spiegel

Fünfhundert Meter

Daß ich bedürftig bin, hat der Spätkauf-Chef erkannt. Ob ich einen Whisky mag, fragt er. Nach kurzem Zögern sage ich ja. Er zaubert hinter dem Verkaufstresen eine kleine Mokkatasse hervor, füllt sie mit Jack Daniels. Wir stoßen an: Auf das gute Leben. Whisky ist nicht meine Kultur, sagt er. Er kommt aus der Türkei, sein Bruder ist zugeschaltet via Whatsapp. Schon winken wir uns zu über die Tausende von Kilometern hinweg. Ob ich den Whisky wasserverdünnt lieber mag. Ja, das ist mir recht. Alkohol ist gut, sagt der Chef. Man kann so manches besser ertragen. Aber man muß aufpassen. Ich sage, daß ich Bier mag, da es mich beruhigt. Manche sind so, manche sind anders, sagt er. Daß ich bedürftig bin, weiß ich sehr. Nicht nach Whisky oder Bier. Die Verhältnisse machen mich traurig, und daß ich in ihnen sein muß und nicht weiß, was ich tun kann. Wenn ich schreibe, probiere ich aus, ob es hilft.

Fünfhundert Meter