Frühes Frühjahr

Es geht auf und ab im frühen Frühjahr. Zwischen Übermut und Mutlosigkeit schwankend laufe ich über graurauhes Pflaster und schaue an Häuserwänden empor auf einen blaugrauen Himmel ohne Tiefe. Wenig Freude, zähe Pflichten. Nur hin und wieder sticht die Sonne durch und trifft das verkühlte Herz, daß es lauter zu schlagen beginnt. Ich hatte auch schon ein Grinsen auf dem Gesicht, das gar nicht mehr weg ging, und die Gesichtsmuskeln schmerzten davon. Wir freuten uns wie blöde. Heute dagegen war wieder so ein Tag zum Fädenziehen, ich kann da wenig machen. Dem Optimismus der Vortage nachwinken, als ich bereits erkannte, daß den schlimmen Idioten nicht die Zukunft gehört. Sie scheitern an all ihren Linien und Winkeln, mit ihren Zahlen und Figuren, den Modellrechnungen und Modellen einer fürchterlichen Zukunft, in der die Abschaffung des Menschen vollbracht sein wird. Die Gefahr und das Rettende. Ich habe Mitleid mit Gott, sagte die Dreizehnjährige damals.

Frühes Frühjahr

Die echten Fragezeichen

Ob man in ein Schicksal hineinlebt und sich darin erfüllt? Mir ist, als sei dem so. Doch ich flüstere das und bin vorsichtig. Schon nimmt einem jemand die Worte weg und fügt sie anderem Verstehen ein. Doch mir war stets, als lebte ich auf etwas zu, dessen Antlitz mir verschlossen bleiben müsse, bis die Offenbarung geschähe. Ich wähle die großen Worte, denn die kleinen sind zu klein. Ich fühle groß, nicht klein. Ich weiß nicht, wie man klein fühlt. Ich ahne, wie man klein denkt. Doch das geht mich nichts an.

Die echten Fragezeichen

In die Bilder

Die Erneuerung der Lebensverhältnisse nimmt schnelle Fahrt auf. Fortan wird gedacht und gemacht und gelacht. Die Obrigen und Obristen schauen ungläubig aus verschwommener Ferne und striegeln den mürben Putz. Die Pläne des kontrollierten Übergangs in Vormundschaft und gehöriges Gewahrsam muten altertümlich an. Wurde tatsächlich geglaubt, Kontrolle sei der Schlüssel zum Guten. Wer Wem Was: Signatur der dreiseitigen Tür zur Erkenntnis. Im Keller unter dem Keller lebt Eduard, das vergessene Kind.

In die Bilder

Billy McBride raucht eine Zigarette

Dauernd springen Leute von der Brücke, schreien kurz auf und verschwinden dann im Wasser. Golden Gate Bridge. Bringen sich Leute um oder nehmen sich, wie man sagt, selbst das Leben, sind sie zuvor an einen Punkt gekommen, an dem es für sie keine Freiheiten mehr gibt. Freiheiten sind im Go-Spiel Möglichkeiten, eigene Steine auf das Spielbrett zu setzen. Wie soll einem bestehenden Zugzwang Folge geleistet werden, wenn man kein freies Feld mehr vorfindet? Man kapituliert. Es gibt doch andere Möglichkeiten, ermahnen die Gutmeinenden. Gewiß gibt es die. Doch nur außerhalb des Spiels. Innerhalb des Spiels ist man fertig.

Billy McBride raucht eine Zigarette

Zusammen arbeiten

Wer uns drangsaliert und auspreßt, wird wenig erhalten. Wir liefern ab, das war’s, gute Nacht, Sie mich auch. Im Inneren schwelen Abwehr und Haß. Der Tag der Entladung wird kommen, fraglich ist nur, wer ihn mehr fürchten muß. Racheakte ergeben kein Glücksgefühl, die Genugtuung bleibt aus. Irgendwann ist man auch zu alt oder zu erwachsen für solchen Vergeltungsstuß. Nelson Mandela wußte, was er nicht tat. Wer uns Raum gibt und Zeit einräumt, wird viel erhalten. Denn Geben und Nehmen sind eins, wenn auch zeitversetzt. Sie beruhen auf Übereinstimmung und einem, mag sein: ungefähren Gleichklang der Herzen oder einer Taktverwandtschaft des Denkens. Etwas, das zwischen Menschen derart anwesend ist, daß sie sich voreinander nicht zu fürchten haben, sondern vielmehr gewiß sind, daß es gut ist, etwas zu erschaffen, das taugt.

Zusammen arbeiten

Die Sackgassen der Schönheit in Erkenntnis

Da es die Hymnen an die Nacht gibt, begnüge ich mich mit einem Lob oder Dank an die Nacht. Undeutlich ist mir, dies sei angefügt, ob Novalis‘ Dichtungen verstanden worden sind. Es wird germanistisch viel gedruckst und einiges weggedrückt, was auf Unverständnis und potentielle Unerreichbarkeit hindeutet. Ein Mystiker? So mag er warten mit seinem Werk, jenseits der Dringlichkeiten von gestern, heute, morgen. Lob und Dank der Nacht, daß in ihr nichts geschehen muß, das erneut Handeln heraufbeschwört.

Die Sackgassen der Schönheit in Erkenntnis

Sie erkennen

Seltsamer Moment, als ich am Waschbecken stand und den Rasierpinsel ins Wasser tauchte. Ich brauche eine spirituelle Erfrischung, dachte ich. Zurück am Schreibtisch schrieb ich das ins Tagebuch. In dem lese ich nun, daß ich mich nicht rasieren wollte, sondern Wasserflaschen auffüllte. Das Gedächtnis ist ein dehnbares Mehrkammernsystem, man hilft sich dort gegenseitig aus und gibt sich mit Plausibilität zufrieden. Zuvor hatte ich über protestantische Freikirchen nachgedacht, die zuweilen etwas Sektiererisches kennzeichnet – eine Enge und Strenge des Zusammenhalts, eine Abwehr weltlicher Gott- oder Sinnvergessenheit. Meine spirituelle Erfrischung hat damit wenig zu tun: Möge sie weit, geöffnet und versöhnlich sein, die vermeintlichen Gegensätze integrieren und dem Augenblick zugewandt. Andererseits geht es mich auch nichts an. Ich halte mich wunschfrei, um freier und schöner erleben zu können, versuche es. Die unerwartete Gabe.

Sie erkennen