Allgemein
Echte Frage
Es ist angenehm, die Müdigkeit sich ausbreiten zu spüren im eigenen Körper. Als flösse schweres Blei in die Gliedmaßen, als wögen die Augenlider. Du darfst nun ruhen, Ruheloser. Ach, ich werde über die Jahre des Lebens und Lebendigseins abwechselnd ruhiger und unruhiger. Derzeit bin ich unruhig, denn die Verhältnisse sind es ebenso. Ich suche noch nach der Ruhe in mir, die ich ihnen entgegenstellen kann. Es erscheint mir nicht logisch (zu sein), dann zu flattern, wenn bereits alle anderen flattern. Ich mag auch nicht sagen, was bereits gesagt wurde. Wozu sollte das taugen?
Reihenfolge der Sinne
Einige seltene Male war ich zu Gast in Tischgebetsfamilien. Da saßen sie zusammen am Eßtisch und hatten die Mahlzeit bereits auf dem Teller, doch statt zuzugreifen und reinzuhauen, wurde erst noch ein Gebet gesprochen. Retardierendes Moment eines unstillbaren Hungers. Danach schmeckte es umso besser. Da das Gebet jedoch zur Gewohnheit geworden war und halb rituell, halb achtlos ausgeführt wurde, geriet ich ins Nachdenken. Denn ich erkannte das Gute und Echte daran, aber zugleich das Aufgesetzte, das Behauptete: den Willen zur tradierten Form und die Hoffnung, über die Form an den eigentlichen Inhalt zu gelangen: die echte Dankbarkeit. Rituale verschleißen durch Gebrauch, schließlich verenden sie als Konvention. Das bedeutet nicht, daß es besser ist, eßpraktisch sofort loszulegen und hineinzuschlingen, was vor einem liegt, nur weil niemand mehr etwas zu sagen sich getraut, bevor das durchaus Notwendige geschieht. Über solche Dinge (Verhaltensweisen und -zusammenhänge) denke ich gern nach, denn sie lassen sich gestalten.
Kerzen und Katzen
Ein Tag geht vorbei. Wohin geht er, woher kommt er, was ist mit ‚gehen‘ gemeint? Vielleicht eilt er ja oder schleicht oder stolpert. Reine Empfindungssache offenbar, willkürlich wie andere Geschmacksurteile (angeblich) auch. Unsere metaphernreiche Alltagssprache schafft Bilder in Hülle und Fülle, man nimmt sie an, man gibt sie weiter. Vor einigen Tagen hörte ich nach langer Zeit einmal wieder das Wort ‚Pillenknick‘ und merkte auf. Der Pillenknick korrigierte die Geburtenrate nach unten: eine empirische Auffälligkeit im Verlauf der Geburtenstatistik, biochemisch (pharmazeutisch) und sozialpsychologisch induziert. Siehe auch die sexuelle Revolution. Solche Wortprägungen verleihen Phänomenen den erregenden und bewegenden Schwung. Schon läßt sich etwas empfinden, schon läßt sich Meinung hervorkitzeln – als könnte die etwas ändern. Meinungen ändern nichts, sie kleben sich auf wie Abzeichen oder Auszeichnungen. Meinungen sind das Rauschen des Windes im Blätterwald, aktuell wie ein Rülpser oder anderes, das entfährt. Ich bin nicht mit dem gebotenen Ernst bei der Sache, weil das Amüsement mich permanent weiterträgt. Zu meiner Entschuldigung: Ich gelte als ernsthafter und grüblerischer Mensch, aufgelegt allerdings zu mancherlei, und das nur, um sich nicht zu langweilen.
Leebenslang lernen, um leichter zu verschwinden
Lernen ist gut angesehen. Wohin man schaut, wird gelernt. Bis tief in die Nacht, sogar in den Schlaf hinein. Selbst die ganz Alten lernen noch. Gehirnjogging. Alzheimer und Demenz heißen die Schreckensgötter einer Gesellschaft, die den sicheren Tod nach hinten verschiebt. Durch lebenslanges Lernen werden ihnen Opfer dargebracht. Warum es lohnt, in Schwung zu bleiben. Tausend Gründe für ein aktives Leben im Seniorenstand. Morgens klatschen wir in die Hände und abends auch. Dreh dich nicht um, denn der Plumpsack geht rum. Eene meene miste, es rappelt in der Kiste. Senioren sind die neuen Kinder der Republik, sie werden infantilisiert. Nun heben wir das linke Bein, Frau Meier, dann das rechte. Neunzig Jahre leben, um zu enden wie ein Kindergartenkleinkind. (Das hat auch etwas Rührendes, gewiß. Der Kreis schließt sich, wir kehren zurück in die Bedürftigkeit.)
Aus dem Zusammenhang 312
„Ich hatte richtig Komplexe. Und dann im College habe ich nichts mehr gegessen. Später habe ich dann gelernt, daß man das Eßstörung nennt. Wie auch immer. Ich erzähle dir das alles nur, weil … ja, Schönheit kommt von innen. Aber die Art, wie wir uns der Welt präsentieren, hat Einfluß darauf, wie man uns behandelt, und das wiederum wirkt sich auf unser Befinden aus. Ich habe gelernt, daß selbst an Tagen, an denen ich mich unsicher fühle, es mir hilft, wenn ich mich aufraffe und mir was Tolles anziehe und mich schön schminke. Das baut einen auf.“
Expats, E5
Nüsse knacken
Nachts tanzen die Mäuse auf den Tischen und suchen nach Krümeln. In der Untergrundstation Yorckstraße tummelten sich während der Bauphase die Mäuse, huschten hinter dem Bauzaun hin und her. Sie zu betrachten vertrieb ich mir die Wartezeit. Was würde ich tun, wäre ich Maus. Das ist eine unechte Frage, eine echte Frage würde lauten: Was könnte ich tun, wäre ich ganz und gar Mensch. Das ist emphatisch gefragt, demnach rückt das Schweigen näher und schließt den Abstand zum Problem.
Abgelehnt
Es bedarf einer Sprache, um aus dem Wischiwaschi und dem Larifari der gefälligen Nichtigkeiten zu entkommen. Entkommen ist allerdings ein zu dramatisches Verb, denn niemand ist gefangen oder gefesselt. Wir können sprechen, wie wir wollen. Was wir wollen, scheint mir unklar. Druck steht zentimeterhoch auf der Wortwahl, doch Zentimeter sind nicht Meter. Ich weiß kaum mehr, was wir bedeuten soll. Ich halte ‚wir‘ für eine optimistische Größe. Zur Not sind wir zu zweit. Das geht sich aus, sagen sie woanders. Ja klar, wir kommen durch, das paßt schon. Das alles ist zur Unterhaltung gemacht, wenn auch nicht nur. Tanzen wir ein bißchen mit, ehe wir die Veranstaltung verlassen. Wer Sprache zu regeln versucht, will in die Gedanken.
Die Suppe war nicht heiß genug für den Teufel
Ich würde darauf verzichten, die Gegner anzugreifen, denn sie rechnen damit, angegriffen zu werden. Das gilt für beinahe alles. Anschließend läßt sich sehen und klären, was übrig geblieben ist von der auftreibenden Erregung und den Gefühlen. Ich rede nicht über Politik, die beansprucht ein eigenes Feld der Betrachtung und des Verstehens. Der Giftablaß ist ihr eigentliches Thema. Wir befinden uns derzeit nicht wohl in ihrem Feld, was zu besprechen und zu verstehen ist. Zwischenzeitlich schlagen wir uns durch. Ich sammle Steine am Steinhuder Meer.
Aus den Windungen
Den Zustand beschrieb ich wie folgt: Jeder an einem Platz; die Abstände genau richtig – angemessen, ohne ausgemessen zu sein; große Stille um Mitreisende, sie verbindend; Musik im Ohr wie ein Vorschlag zur Untermalung; ein Lächeln für die Situationen; Tag steht hellgrau und gut.