Die Schere im Kopf wäre eine der Selbstzensur. Ihr Schneiden hätte zur Folge, daß die interessanten oder skandalierenden Passagen eigener Rede als Folge originellen Denkens herausgeschnitten würden. Schade darum. Es geht auch die Rede von vorauseilendem Gehorsam. Dies ist eine besonders unangenehme Form des Ja-Sagens, da eine Zustimmung noch gar nicht gefordert war. Gute Vorgesetzte verbannen aus gutem Grund die eilfertig Gehorsamen in die nachgeordneten Positionen. Auf sie wird bei starkem Gegenwind kein Verlaß sein. Andererseits eignen sie sich als Wetterhähne. Insofern ist ihnen eine Aufgabe zuzutrauen. Die Schere im Kopf als Form der angewandten Selbstkritik ist andererseits mehrfach sinnvoll. Herausschneiden, was geschwätzig, wichtigtuerisch, unangebracht, unangemessen oder nicht an der Zeit ist. Nicht an der Zeit ist, was aktuell nicht verstanden werden kann.
Allgemein
Hotelflure
Da ich von Kindheit an Katastrophiker bin, muß ich nicht auch noch Apokalyptiker sein. Andere springen ein und erfüllen halbwegs die tradierten Rollenanforderungen. Der Katastrophiker ahnt das zeitaktuelle Zuschlagen eines Unheils oder wittert eine sich demnächst entladende Spannung – oder fürchtet sie auch bloß. Mir ist all die Jahre meines bisherigen Lebens undeutlich geblieben, ob die Ursache solch vermeintlichen Erkennens in ausgeprägter Sensibilität liegt oder in kreativer Erschaffung eines denkbaren Auswegs in auswegloser Situation, einem gewaltsamen Entkommen demnach. Seit ich mich zu erforschen begonnen habe – denn das war nötig – bin ich insbesondere skeptisch gegenüber (eigenen) Ideen und Interpretationen. Ich lebe gleichsam auf doppeltem Boden. Die Aufgabe besteht darin, jeweils zu wissen, auf welcher Etage ich mich befinde.
Wem gehört wessen Zeit
„Danke für Ihre Zeit“, wird zunehmend gesagt, seit ein paar Jahren. Da Zeit Geld ist, dankt man für die Aufwendung. Früher dankte man für die Mühe, die Arbeit, den Einsatz. Jetzt bloß noch die Zeit. Zeit ist unschuldig, neutral, meßbar, übertragbar. Deshalb scheinen Zeit und Geld wie füreinander gemacht zu sein. Quantitäten. Sechzig Minuten für siebzig Euro oder für fünfhundert oder zweihunderttausend oder mehr oder weniger. „Vielen Dank, daß du dir Zeit für mich genommen hast“, klingt ein bißchen freundlicher, zumal mitausgesagt zu sein scheint, daß die Person, der der Dank gilt, vielbeschäftigt ist, oder die dankende kaum Anspräch hätte auf derlei Zuwendung. – Als ich „Danke für Ihre Zeit“ zum erstenmal hörte, horchte ich auf und fand es schön formuliert. Seltsam.
Fast nichts sein, laut und grell
Die Angst zu verschwinden … vielleicht eher die, gar nicht erst da zu sein. Unanwesend zu sein, natürlich nur gewissermaßen (so also ob). Man kann sich ja in die Backe kneifen. Das Gefühl also, als ginge es gar nicht um mich oder dich oder all die anderen, als ginge es um niemanden, nicht einmal um die Träger eines großen Namens. Ein furchtbares [eben stand hier noch: fruchtbares] Gefühl, das zermalmt und zernichtet. Es ist dem Nihilismus zugeordnet, der Lehre, das nichts zählt oder gilt, der Lehre vom mechanischen Leerlauf der Dinge in der Zeit. Als sei alles verbraucht worden, als gäbe es für uns keinen nährenden Sinn mehr. Die Götter sind mausetot, es existieren nur mehr Gespenster in kosmischer Steppe. Der Nietzsche-Befund, knapp hundertvierzig Jahre später, der ebenfalls aus sinnverbrauchter und sinnverbrauchender, also vernichtender Zeit schrieb, nur daß wir jetzt digital sind. Derweil läuft die Bullshit-Produktion hochtourig weiter im sogenannten Turbo-Kapitalismus mit seinen zahllosen Boostern und Verlängerungen und Überbietungen, und eine Sehnsucht erfaßt mich, daß die Menschen noch einmal zu lernen sich begäben, woher wir kommen und wessen wir wirklich bedürfen.
Aus dem Zusammenhang 313
„Warum macht nur jeder so viele Photos?“
„Damit wir nicht verschwinden.“
„Hast du denn Angst, daß du verschwindest?“
„Die ganze Zeit.“
Devil in Ohio, E4
Zahlen malen
Da etwas los ist im Land, könnte man denken, daß die politischen Parteien das als Chance begriffen und für sich zu nutzen trachteten. Pustekuchen, denn drei Parteien fallen aus. Sie befinden sich aktuell in der Regierung. Was ist mit der CDU/CSU? Die hat sechzehn Jahre regiert, der nimmt niemand ab, daß sie plötzlich etwas kann, das sie zuvor nicht konnte. Bleibt die AfD. Sie sammelt ein, was an Unzufriedenheit und Protest auf die Straße geht oder auf sie fällt. Stellen wir uns demnach nicht dumm, wenn man uns fragt. Wir wissen längst, warum die nach oben kommen.
Nicht weit von dort, woher ich stamme
Nieselregen in Lauenau an der Autobahn 2 von Hannover nach Dortmund. Dort liegt ein Zentrallager der Edeka-Gruppe, von dort wird sternförmig ausgeliefert weit hinaus bis nach sonstwo. Heute abend und in dieser Nacht blockieren Bauern mit ihren Treckern die Auslieferung und machen auf ihre Situation aufmerksam. Wir lieben Lebensmittel, steht auf den Edeka-LKW. Man müßte ergänzen: Wir halten die Produzenten in Schach, diktieren die Geschäftsbeziehung, bestimmen die Abnehmerpreise. Daß die Bauern sich dort melden, wo systembedingt die Kontrahenten sitzen, ist Teil des Spiels und seiner unausgesprochenen Regeln. Wer sich mit Landwirtschaftspolitik beschäftigt, gerät unweigerlich in Untiefen und Gestrüpp. Das erste und schwerste Opfer der europäischen Einigung erbrachten die Bauern. Sie tun es noch. Daß sie sich nun endlich wehren, erfreut mein unglückliches Bauernherz.
Wie es wird, wird es werden, keine Prognose
Sich besitzen lassen
Manche möchten reich werden, da sie denken, dann hätten sie was. Ich unterstütze ihr Begehren, denn nur so können sie lernen, was das ist, das sich auf solche Weise besitzen läßt.
Sausewind
Freitagabend und die Nacht auf Samstag und das Sklavenfreiheitsgefühl. Entlassen für gewisse Zeit der Untertänigkeit, die nicht so heißt und so genannt nicht zu werden verdient, denn die Vergangenheit lehrt, dafür ist die Schule da, daß es schlimmer war einstmals, denn immerhin haben wir Rechte und können nicht nur, sondern dürfen kündigen. Die Modalverben stimmen heiter wie stets, auf die Sprache ist Verlaß im Freuden- und Lusthaus des Lebens. Ach, wie angenehm lebt und atmet es sich des Nachts, wenn des Morgens keine Glocke läutet, kein Wecker scheppert, niemand irgendwas will. Ausschlafen, ein königliches Wort. Sollen sich die amtierenden Könige persönlich beschweren, ich stehe für ihr Recht ein, solange zu schlafen, wie sie mögen. Wie gut es doch ist, daß wir Arbeit fanden und haben. Es gibt viel zu tun. Ich arbeite nicht bei Rheinmetall, doch ich könnte.