Onoyo

Der Schlaf. Ich lag in ihm wie in Schichten, ich lag wie Stapelholz. Die Waagerechte hielt stabil, die Schwere verteilte sich auf die gesamte Länge des Körpers und seiner Unterlage. Keine Stelle schmerzte. Ich lag und lag. Zwischendrin erwachte ich und wußte, daß ich gut lag. Ich blieb liegen und schlief erneut. Hätte jemand gewarnt, ich läge auf einem Scheiterhaufen, wäre ich dennoch liegen geblieben. Ich hatte keine Träume.

Onoyo

Neue Sommer

Ich glaube jederzeit an mein Glück. An mein Unglück glaube ich nicht, obzwar es sich hin und wieder einzustellen scheint. Ich weiß nicht mehr, wie es früher war – ob es sich da umgekehrt verhielt. Ich traute mir alles zu und zugleich zu wenig. So kommt es, so geht es. Oft hängt man in der Schwebe mit sich, gerät in Hader mit dem eigenen Wesen: der Scheu und dem Größenwahn. Ohne Größenwahn bleibt Kunst Stümperei – auch so ein Satz aus meinen goldenen Dreißigern. Mir ist, als hätte ich damals dauernd im verwilderten Garten unter dem Baum gesessen und geschrieben, und immer war es Sommer, und ich reichte mir selbst die Getränke durchs Fenster, und ich wußte, daß ich jede Menge Zeit habe.

Neue Sommer

Fest in der Kabine

Mutter und Tochter hängen im Fahrstuhl fest. Mutter erteilt Lektionen, dabei ist die Tochter bereits vierzig. Szene aus Expats, die Serie spielt in Hongkong. Daß eine dritte Person eingeschlossen ist, kümmert die beiden nicht. Ihre Probleme sind absolut. Nichts an der eigenen Tochter ist der Mutter recht – nicht der Mann, nicht die Ohrringe, nicht die Wahl des Lebenswegs. Und wann kommt endlich ein Enkelkind. Nicht einmal das kriegt sie hin. Wie ergattert man einen Partner, der einem die Annehmlichkeiten der Welt nicht verschließt. Ganz einfach, man besucht ein Elite-College und so weiter. Ist ja nicht so schwierig. Dabei gibt die Tochter sich Mühe, hat sich Mühe gegeben, trainiert hart für die gute Figur. Und sie versuchen es wieder und wieder, sie und ihr Mann, daß da ein Kindlein komme. Da kann die Mutter nur lachen. Sie schwächt die Tochter mit jedem Satz, den sie sagt, mit jedem Blick, den sie sendet. Dabei möchte sie so sehr, daß es gut wird mit ihrem Kind, wenn es das schon nicht ist.

Fest in der Kabine

Drachen oder Drohne

Die Selbstzweifel sind stark. Man kann sich nicht überbrüllen. Ich vermag mich zu nichts zu überreden, zu gar nichts verführen. Ich kenne meine Schliche, würde ich sagen, und bewiese damit, daß ich sie nicht genug kenne. Die Wirklichkeit ist doppelbödig, das lernt sich so schmerzhaft. Wer viel spricht, hat häufiger unrecht. Ich spiele fangen mit mir selbst im Labyrinth. Wenn ich mich verleiten lasse, etwas zur Politik von mir zu geben, schäme ich mich. Andererseits soll es heraus. So liegt es da und hilft oder schadet. Ich weiß das nicht. Ich bin noch nicht an die äußeren Grenzen meines Labyrinths gestoßen, scheint es mir. Ich laufe derweil weiter und blicke manchmal wie im Traum oder Nahtod von oben auf mich herab, als sei ich selbst einer jener Geister, von denen es heißt, daß es sie nicht gibt.

Drachen oder Drohne

Machtmotiv und Anschlussmotiv

Allerdings ist man nach vorn meistens blind. Der Blick übersieht die Strecke bis zur nächsten Straßenecke oder Kuppe. Was danach kommen mag, wird zusammengerechnet und extrapoliert. Zudem sollen wir Ergebnisse erzielen via Analogieschluß. Politischerseits ist Skepsis in alle nur denkbaren Richtungen angezeigt – das ist mein Verfahren. Ich gebe keinen Vertrauensvorschuß – niemandem. Politik ist ein rauhes Land, eine glitschige Arena, ein Schleudergang der Meinungen und Karrieren. Ich betrachte das Angerichtete und das Vorgesetzte und frage mich, woher es kommt (Küche und Service). Vor allem frage ich, wohin es soll (Richtung, Ziel, Vison). Wohin soll das führen, was soeben von diesen empfohlen und jenen bekämpft wird? Wem nutzt, wem schadet es? Was steckt hinter den wohlklingenden Parolen? Wohin fließt das Geld – wessen Geld? Wer verdient an dieser, wer an jener Politik? Was wollen mich die Sprecher ihrer Überzeugungen glauben machen, welche Verhaltensänderung möchten sie anstoßen? Was erwarten sie von mir? Sodann forsche ich, was diejenigen, die ich vernehme, bisher getan und geleistet haben. Endlich beginnt die Recherche der verfügbaren Meinungen und Berichte, eine gute Übung in Medienkompetenz. Hier ist mir nicht alles, aber vieles recht. Ich möchte einen großen Fächer geboten bekommen, lese die Positionen und vergleiche ihre Plausibilität. Blasen viele Etablierte in eine Richtung, werde ich neugierig. Die Motivationsforschung gibt Antworten.

Machtmotiv und Anschlussmotiv

Luft anhalten, Daumen drücken, Highway to Hell hören

Seltsame Zeit, irrende und schwirrende Menschen. Es durchzieht uns wie Negativstrahlung. Von „Kriegsmüdigkeit“ ist die Rede (die wir uns nicht leisten können), davon, daß das „unser Krieg“ ist, davon, daß wir „kriegstüchtig“ sein sollten. Das sagen ganz normale Leute, Leute wie du und ich, finden es nicht erstaunlich, daß so gesprochen und gedacht wird, sie selbst so sprechen und wohl auch denken, hier im Land der Dichter und Denker, Richter und Henker. Churchill soll über die Deutschen gesagt haben: „Man hat sie entweder an der Gurgel oder zu Füßen.“ Vor allem folgen sie ihren jeweiligen Regierungen, gern auch ins Verderben.

Luft anhalten, Daumen drücken, Highway to Hell hören

Holzdrache

Es ist wirklich so, daß ich mich mit Schreiben rette. Als sei es wirklich das, was ich zu tun habe. Neben manchem anderen. Schon läßt sich wieder atmen, sogar ein Lächeln will gelingen. Die Traurigkeit ist fort. Heute endet das Jahr des Hasen, morgen beginnt das Jahr des Drachen. Das benötigt kein Ausrufezeichen, das ist bereits Ausruf genug. Möge es dem Schreiben gut tun, möge es den Menschen Gutes bringen. Heraus aus diesen verzankten und verklemmten Konstellationen, sich lösen aus den in die Tiefe ziehenden Umklammerungen.

Holzdrache

Jedesmal ein klein wenig verändert

Träume führen wieder und wieder in dieses Haus. Es steht in den Bäumen und öffnet sich dem Grün des Blattwerks. Teppiche auf den Böden, bequeme Sofas und Liegen, Hängematten. Man fragt sich, wo das Haus endet und wo der Hain beginnt. Es nähme nicht Wunder, wenn Affen hereinkletterten. Doch das Haus in den Träumen steht nicht in einer tropischen oder subtropischen Landschaft. Es gibt mehrere Etagen, am schönsten ist die oberste, in den Dachstuhl eingebaute. Wer das Haus betritt, fühlt sich verwandelt. Es ist, als wisse man erst dort, was wohnen bedeutet. In den Träumen möchte ich es nicht verlassen und tue es auch nicht. Erquickt erwache ich und sehe mich um.

Jedesmal ein klein wenig verändert