Ein Tag ohne Wünsche. Doch, einen hätte ich: mich in die S-Bahn zu setzen, in die Ringbahn, und immer nur im Kreis zu fahren, also nirgendwohin. Dazu Musik zu hören und mir die Mitbürger anzusehen, die ein- und aussteigen, ohne mir das geringste zu ihnen einfallen zu lassen. Irgendwo würde ich aussteigen, würde auf die gegenüberliegende Seite des Bahnsteigs wechseln und in die Ringbahn steigen, die den Kreis anders herum befährt. Das wäre genug, das wäre stattlich.
Allgemein
Island
Ein Lavastrom ergießt sich über Geröll- und Schneefelder und nähert sich neuralgischen Punkten der Infrastruktur, den Fernwärmeleitungen. Man kann nichts machen, nur zusehen und filmen.
Kein Staudamm
Im Regen die Straße hinauf zum Haus. Leiser Regen beglückt mich. Eine meiner Ekstasen: ich weiß nun, was ich hier tue. Denke ja oft darüber nach und habe meine Zweifel. Alle Rede entstammt dem Augenblick, sie wird jetzt getätigt, nicht in zwei Stunden oder übernächstes Jahr. Und in diesen Augenblick hinein soll sie erfolgen, sogleich ankommen, gelesen werden können. Daß dies möglich ist, dank des Internet, ist mir ein Segen. So rede ich und kann mir einbilden, jemand höre zu, jetzt gleich oder in ein paar Minuten. Das ist nahe genug am Augenblick und seiner Gunst. Fingierte Mündlichkeit? Ach ich weiß nicht. Nein, echte Schriftlichkeit. Das Bestderzeitmögliche. Hinaus damit in die Welt. Möge auch diese Äußerung auf die Reise gehen wie ein Vögelchen oder ein Pfeil, der einen anderen Vogel vom Himmel holt, irgendwo dort draußen in der Weite des Wirklichen oder in der Nähe des Herzens. Ich will mich nicht aufstauen, das macht mir Schmerzen.
Wort und Gewalt
Worte haben Defensivcharakter. Wer denkt, sie seien für die Offensive geschaffen worden, irrt. Es geht um Abwehr und Bann. Die Macht der Worte besteht darin, daß sie bezeichnen. Ihr Inhalt ist Gewalt. Gewalt als Herrschaft. Herrschaft als Abzeichen. Ich nenne dich. Brandzeichen. Qualm und Gestank. Deshalb war am Anfang das Wort. Vorher war sonstwas. Das Spiel der Buchstaben und Zeichen hat begonnen.
Wortnot
Wenn ich nicht mehr weiter weiß, lege ich ein Lied auf. Ich kann das Schweigen mögen, doch ich spüre schnell, wenn es lastet. Schön ist das Schweigen aus Erschöpfung. Schön auch das Schweigen, wenn andere derart viel reden, daß es erstaunlich ist. Schön ist das Schweigen an heiligen Orten. Schön ist das Schweigen im schlummernden Bett. Schlimm ist das erzwungene Schweigen als Kind, schlimm das erzwungene Schweigen als Erwachsener. Schweigen gelingt gut, wenn zwei Menschen einhellig sind. Sie spüren das. Die Worte dürften auch aufliegen, aber sie müssen nicht.
Was fehlte
Mein Schmerz war, daß ich keine Schwester hatte. Umgeben von Brüdern habe ich sie immer vermißt, meine kleine oder große Schwester. Vermutlich bis heute fehlt sie. Wünsch dir das nicht, warnten mich andere. Die hatten eine, atmeten tief ein und zogen vielsagend die Brauen in die Höhe. Mädchen sind anders, sagten sie, oh mein Gott.
Das war was
Zum Ein-Drittel-Ende des Stückes landet die Tanzstunde in Erleichterung und Triumph. Gut, so mag es stattfinden können. Bei mir war es anders. Wir lernten, vierzehn- oder dreizehnjährig, die Schritte der Tänze im Tanzstundenunterricht. Es gab einen Tanzlehrer, der machte es mit seiner Tanzpartnerin vor. Wir machten es ihm nach – erst einzeln, dann mit einer Tanzpartnerin. Mädchen und Jungen, Jungen und Mädchen. Zwei Welten, zwei Kontinente. Angstverbunden. Heute lacht man darüber – allein ich lache nicht. Zu tief sitzt bis heute der Schrecken. Wie spricht man als Junge ein Mädchen an, worüber läßt sich sprechen, was sollte unterlassen werden, worauf achtet ein Mädchen beim Jungen, wie kann man ihr gefallen, sofern sie einem gefällt, und so weiter, kaskadenartig und strudelnd, alle Gedanken und Energien einsaugend, der Verzweiflung zutreibend. Endlich muß man fragen: Möchtest du mit mir den Abschlußball tanzen? Natürlich gibt man sich gelassen, wie das Jungen so tun oder tun zu können vorgeben. Natürlich zeigt man sich desinteressiert, natürlich meidet man die, die man am schönsten findet. Ach, diese Manöver des Widerstreits zwischen Stolz und freiwilliger Unterwerfung. Ich bin doch auch was wert – doch was bin ich schon wert, wenn sie mich nicht sieht, nicht erhört, nicht will. Schmerzhafte Zeit, Zeit der Vernichtung – um daraus hervorzugehen als jemand Neues? Ach, ich bin mir nicht sicher. Vielleicht sind wir gar nicht derart wandelbar, wie sie sagen. Vielleicht absolvieren wir den Parcours und landen dennoch bei uns selbst, im Bereich unserer Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Ich weiß das alles nicht, deshalb schreibe ich darüber, was soviel ist, als redete ich gerade jetzt. Schon wieder drei Uhr des Nachts. Über mir werden Stühle oder Tische gerückt. Wer weiß, was aktuell anliegt. Ich war nicht beim Konzert von The Slow Show, ich war nicht beim Konzert von American Aquarium, ich fühle mich schuldig. Wir sollten die Leute unterstützen, die uns helfen mit ihrer Kunst. Ich mag das Lied, das davon handelt, tanzen zu lernen, doch ich mag nicht den gestrichenen Triumph. So einfach ist es nicht. Auch das Tanzen kann hin und wieder schwierig werden, und manchmal ist einem nicht danach. Mir ist auch nicht dauernd nach Gedichten oder anspruchsvollen Filmen oder ernsthafter Musik. Ich weiß gar nicht, was das sein soll.
Furcht vor der Tanzstunde
Die Situationen
Von Zeit zu Zeit, alle zwei bis drei Generationen etwa, muß eine Zivilisation, die sich stabil gehalten hat, deren Institutionen intakt sind, deren ökonomische Basis gewährleistet ist, sich einer hübschen kleinen Kulturrevolution unterziehen, damit die Eliten nicht zu fett werden und das Denken und Handeln nicht verspießern. Dazu braucht es jüngere Leute, deren Sinnen vorerst nicht um Pfründe und Pöstchen (die Stelle) kreist, sondern um eine Neuordnung der überkommenen Verhältnisse – eine Umwertung der Werte, wenn man so will. Auch Kulturen müssen sich erneuern, ihre Substanz ist nach einer gewissen Zeit aufgebraucht. Das erkennt man an vielerlei Symptomen, vor allem daran, daß der Sinn schwindet (versickert) und mit ihm die Zustimmung. Orientierungslosigkeit macht sich breit, das Sektenwesen blüht auf. Absurde Ansprüche werden geltend gemacht, alles scheint mit einem Mal möglich zu sein. Zugleich sind alle Wege verstellt.
Solches erklärt mir, feiner noch ausgesponnen, eine Stimme im Kopf. Sie will mir helfen, die Situationen zu verstehen. Die Stimme sagt weiter:
Nicht eine Kulturrevolution wie die chinesische. Eher eine Revolte wie die der Studenten 1967/68. Was den Studenten zuzutrauen ist, muß derweil offen bleiben. Der Revolte zuvorzukommen bedürfte es grundlegender Reformen innerhalb vieler Bereiche. Doch eine Selbstüberprüfung des Systems ist schwierig. Es geht um viel Geld und jede Menge Interessen. Eine Politik, die das Land „zukunftsfähig“ machen möchte, wäre tatsächlich vonnöten. Fraglich scheint zu sein, in welcher Richtung nach einer Zukunft zu suchen ist. Fraglich auch, ob man mit einfachen Manövrierkommandos wie links oder rechts wird steuern können. Auch ein Zurück wird es nicht geben, da das Leben sich niemals zurückbewegt (auch wenn die Gespenster das wollen). Dialektisch gedacht müßte eine Synthese gefunden werden, sie könnte integrierend wirken. Niemand in Sicht, der für die Integration der widerstreitenden Lager steht. Die CDU wäre aufgerufen, solches zu leisten.
Die Stimme will noch weiter sprechen. Vielleicht höre ich ihr morgen wieder zu.