Noch ist es mild, 9°C, Regen

Erneut und anhaltend dieser wirre Wind, der die Leute verrückt macht und an den Mänteln und Markisen zerrt. Es regnet, die einschlagenden Tropfen klingen an den Fensterscheiben. Das ergibt ein leises Prasseln. Die Böden sind fett von Wasser, nun auch in der Tiefe. Heute keine Nachtgedanken. Ich bin froh, im Trockenen und Warmen zu sein, und gedenke derer, die es nicht sind. Wer unterwegs ist, auf der Flucht oder kein Heim hat, kennt die Nässe und die Kälte und den Wind. Eine Wand oder Mauer hilft gegen den Wind, eine Plane schützt vor der Nässe, doch vor der Kälte gibt es kein Entkommen.

Noch ist es mild, 9°C, Regen

Erkennen lernen

Die guten Leute erkennen sich. Ich meine das nicht moralisch. Vielmehr sind diejenigen gemeint, die zueinander sollen und gehören, die sich zu brauchen vermögen. Um eine Not zu wenden. Aus mir unbekanntem Grund wußte ich das sehr früh, bereits als Kind, spätestens als Heranwachsender, also mit zwölf dreizehn vierzehn. Um herauszufinden, wer das sein könne, fügte ich in meine Sätze oder Ausführungen kleine Hinweise ein, unauffällig für die anderen, sichtbar und diskret funkelnd für diejenige Person, der ich ein solches Erkennenszeichen geben mochte. Umgekehrt achtete ich selbst darauf, ob jemand etwas von sich gäbe, das als ein Zeichen der Verbindung hätte zu deuten sein mögen. Solches Zeichengeben und Zeichenlesen galt nicht nur im Bekanntenkreis – mir war, als fände es universelle Anwendung. So funktioniert auch Politik, wußte ich. Aber schöner ist es doch, wenn es dabei hilft, daß zwei Menschen sich erkennen lernen.

Erkennen lernen

Alles gibt es nicht

Wäre ich in einer Kirche Mitglied und hätte Theologie studiert und zudem noch eine Ausbildung für das Pfarramt absolviert, wäre ich Landpfarrer geworden. Keine Frage. Das begriff ich erst, als ich bereits Mitte vierzig war und hier in Berlin im Umkreis einer Bar oder Kneipe die Freunde und Bekannten beriet. Eigentlich redeten wir bloß, führten Gespräche. Sie setzten sich zu mir und verlangten nach Rat. Ich war ständig im Dienst und half, wo ich konnte. Das trug mir Geschichten ein, ich kann nicht klagen. Sagt mir jemand, die Menschen seien alle gleich, muß ich lachen. Jeder hat sein eigenes Päckchen, wie man sagt, zu schleppen. Doch wohin? Wohin soll das Päckchen? Wie soll ich das wissen – trage meine eigenen sonstwohin. Am Pfarrersein könnte mich einiges stören. Ich wäre nicht frei, ich dürfte nicht alles sagen. Ich aber will alles sagen.

Alles gibt es nicht

Sich gedulden heißt, die Bedingtheit des Augenblicks akzeptieren

Es gibt solche, die passen nicht schnellhin und auf Anhieb in die gesellige und geschäftige Gemeinschaft. Die stoßen an und prallen ab. Für die scheint es keinen Platz zu geben. Mir sagte man einmal, ich paßte nicht ins Team. Café Notre Dame, Hannover. Und sie hatten durchaus recht – ich paßte nicht ins Team. Anfangs passe ich selten ins Team, schließlich aber will man mich nicht mehr gehen lassen. Das ist mir eine Lehre auch für andere. Es geht nicht um Eitelkeit oder Schmeichelei, sondern um die brauchbare Einsicht, daß es etwas dauern darf und aus der allmählichen Gewöhnung ein Fast-schon-gebraucht-Werden erwachsen kann. Wir Menschen sind nicht gut in Geduld, denn man hat uns auf Eile gedrillt. Lassen wir uns Zeit bei vielem, spricht der Landpfarrer aus mir.

Sich gedulden heißt, die Bedingtheit des Augenblicks akzeptieren

Breche das Brot

Andere wollen es gemütlich. Ich will das auch. Mit Freunden treffen und dies und das bereden. Dazu darf auch getrunken werden, das macht die Stimmung. Schließlich ein Einvernehmen, daß es heute gut ist und schon einmal schlimmer war. Wer wollte widersprechen, wer wollte die gute Stimmung verderben. Sind wir nicht letztlich alle einer Meinung – bis auf diejenigen, die es nicht sind. Warum sind sie es nicht. Was fehlt ihnen. Wenn wir es haben, was ihnen fehlt, können wir es ihnen reichen. Haben wir genug davon, können wir teilen.

Breche das Brot

Wieder einer diese Flüge

Daß mit allem zu spielen ist und das Einzelne nur als Einsatz zählt und ein Gewinn oder eine Niederlage nur beispielhaft ist, also als Beleg noch weiterexistiert für diese oder jene Idee oder Theorie, ansonsten aber bedauerlicherweise tot ist oder zerschmettert, weitergegeben in eine Anstalt, die solcher Fälle sich annimmt, das ist die Logik des Militärs und der Wissenschaften. Beide arbeiten auf Gebrauch und Verbrauch. In mir empört sich etwas, da ich dies schreibe. Ich wünsche mir eine bessere Wissenschaft, so ich mir vielleicht kein besseres Militär wünschen darf. Ich lerne die Grundrechte auswendig.

Wieder einer diese Flüge

Die letzten Bauern

Nun endlich ist mir auch deutlich, was ich bei allem Gerede (über diese und jene Gruppen), die die Politik anstimmt und die die Journalisten mitanstimmen – unklar, wer wen anstimmt – vermisse: die Würde des einzelnen. Politik handelt nicht vom einzelnen, Wissenschaft ebenso wenig. Wir kommen als die, die wir sind, dort nicht vor. Das macht das Einsamkeits- und Kältegefühl, wenn man sich anhört und durchliest, was geredet und verbreitet wird. Ich muß die Gruppenbezeichnungen nicht erst aufrufen, durch die wir uns entweder aufgehoben fühlen oder untergebracht sehen. Gruppen interessieren mich aus der Perspektive des Betrachters. Politik versucht, die Gruppen zu sortieren, zu organisieren und zu segregieren. Herrschaftstechnik. Berater zeigen, wie es geht. Das ist eklig, das ist Praxis. Mir lief es kalt den Rücken herunter, als ich die Bauern vorm Brandenburger Tor sah, mit ihren starken Zugmaschinen. Mir war, als erblickte ich Ureinwohner.

Die letzten Bauern

Lastende Zeit (falls sie Gewicht hat)

Grau, naß und düster beginnt der Februar. Er, der eigentlich das Licht bringt an hellen, kalten Tagen. Ich lief durch die Straßen wie ein Verurteilter. Es war anders schlimm als noch vor zwei Jahren – ich hätte ja einkehren können und zu den Menschen gedurft, aber ich mochte nicht. Verwechsle deinen Zustand nicht mit dem des Landes, ermutigte ich mich. Immerhin traf ich eine Nachbarin von vor langer Zeit, als wir hier hausten wie die Heiligen der letzten Tage, niemand ein Geld hatte und das Glück in den Sternen stand oder auf dem Gehsteig lag. (Es gibt auch eine Kirche, die sich Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage nennt. Das ist deren Sache.) Wir alle sind älter geworden, einige sogar ruhiger. Mit mir will die Ruhe derzeit nichts zu tun habe, dabei wünsche ich sie mir. Andererseits schätze ich die Aufwallungen des Temperaments. Aber diese Traurigkeit heute – die war schon was. Vielleicht geht es anderen ähnlich. Manchmal frage ich herum, um zu hören, ob dem so ist. Wieder eine dieser Strömungen, die uns umfaßt und verwirbelt. Tief greifen die Geschehnisse in jeden einzelnen, wir teilen die Problematik.

Lastende Zeit (falls sie Gewicht hat)