Rütteln und schütteln

Wenn Schauspieler in ihrer Rolle rauchen sollen, obwohl sie außerhalb ihrer Rolle Nichtraucher sind und es immer schon waren, sieht man das. Als Kinder und Jugendliche mußten wir lachen, wenn Schauspieler in ihrer Rolle einen Bauern spielten und mit der Forke den Rindern Heu vorgaben oder auch nur mit dem Besen den Stallgang fegten oder mit dem Spaten ein Loch in die Erde zu graben versuchten. Es sah dilettantisch aus, jedenfalls ungeübt. Man erkannte, das war nicht echt. Auch im wirklichen Leben erkennt man die „Schauspieler ihres Ideals“ (Nietzsche) daran, daß sie etwas vorgeben, was sie nicht beglaubigen können. Echtheit ist ein hoher Wert. Der wäre wohl gemeint, wenn von Authentizität gesprochen wird.

Rütteln und schütteln

Neue Winde, alle Wetter

Viele Texte entstehen des Nachts in einem Zustand einer gewissen Enthobenheit. Die schätze ich sehr. Wäre ich ein Heißluftballon, wünschte ich das Kappen der Ankerseile herbei. Zugleich bin ich vorsichtig und verfliege mich selten. Doch es kann geschehen. Ich falle meinem Fehler nicht in den Rücken, sondern lasse ihn stehen. Man kann ihn sich markieren. Auch ich will von ihm lernen. Die Fehler sind das Interessanteste. Ich liebe sodann den Übermut. Er gefällt mir besser als der Untermut. Vorsicht mag gut sein, Feigheit riecht. Man darf sich was trauen, sonst vertraut man sich nicht. Angst hat niemals recht, gegen Furcht ist wenig zu sagen. Noch immer kreuzen Erinerungen und Gedanken an die vergangenen schlimmen Jahre mein Bewußtsein. Die Wunden sind verschorft, doch noch sichtbar. Ich kann verzeihen, aber nicht vergessen. Ich freue mich auf ein Lagerfeuer bald im Garten der Freunde.

Neue Winde, alle Wetter

Die halbe Republik

Erinnerung an N, die „Strebergarten“ sagte und sich wunderte, daß es Schrebergarten heißen muß. „Aber warum“, insistierte sie, „das paßt doch viel besser!“ Nun will es der Zufall (der will einiges), daß ich auf Moritz Schreber stoße und einige seiner Ideen: die Zimmergymnastik, den Geradhalter, das Kinnband. Derweil finde ich noch Zeit, mir einen Strebergarten auszumalen und Überlegungen anzustellen, wer dort leben wollen würde.

Die halbe Republik

F wie sonstwas

Februar heißt dieser Monat, den wir jetzt betreten haben. Er handelt von Reinigung. Auch ich möchte mich reinigen: von unterschiedlichen und unterscheidbaren Ängsten, von falschen Rücksichtnahmen, von Undeutlichkeiten. Ich möchte ein bißchen klarschiff machen und mich den Gegenständen widmen, die hier herumstehen, als seien sie heilig. Der Unerschrockenheit sei die Zukunft gewidmet. Ich möchte das nicht begründen müssen. Den Angstmachern und Angstempfängern spende ich Kamillentee. Ich habe keine Zeit für ihre Passionen. Geradeaus weiter, Umwege annehmend. Februar handelt von Klarheit in eigenen Dingen.

F wie sonstwas

F wie ficken

Da ich nun höre, daß Kinder das „F-Wort“ nicht sagen sollen und Pop- oder Filmtitel mit vier Sternen nach dem F aufwarten, frage ich mich, was an ficken so verkehrt sein soll. Sicher, es läßt sich anders benennen. Die Vorschläge erspare ich uns. Meine liebste Serie heißt The End of the Fucking World und handelt von Teenagern und Liebe und Grausamkeit und Sehnsucht und Suche. Natürlich haben sie die Buchstaben durch Sternchen ersetzt, damit niemand sich entrüstet. Warum soll sich niemand entrüsten? Das wäre doch schön, das wäre doch lustig. Vielleicht wäre es aufklärend. Ach, diese Sternchen, die die echten Sterne diskreditieren. Ein Stern, selbst wenn er gezeichnet ist, hat Kraft. Fünf Sterne in der Reihe sind bereits Abzeichen und erinnern an die Armee. Nein, wir folgen nicht der Armee, wir folgen unserem Instinkt. Der sagt mir jedenfalls, daß wir ficken sagen und meinen sollten. Und wenn wir ficken schön finden, werden wir es nicht verunglimpfend benutzen. Über Scheiße und scheiße handle ich ein anderes Mal. Es gibt derart viel zu klären, daß mir die Luft wegbliebe, hätte ich nicht genug davon.

[Siehe auch: Aus dem Zusammenhang 289, 27. Juni 2023]

F wie ficken

Achtung Kunstaktion

Intel inside. Aufkleberdurchhaltevermögen: acht Jahre. Heute hat er sich gelöst, liegt im Papierkorb, rechnerlos. Gedenken wir auch der papierenen Aufkleber auf der Brotrinde, die dort angeheftet waren, um uns zu signalisieren, wir hätten tatsächlich das Brot ergattert, um das wir zuvor angestanden und notfalls gekämpft hätten. Der Februar macht es möglich, in ihm fällt ab, was niemand mehr braucht. Sich reinigen, die Preisschilder abnehmen, die Markenwerbung am eigenen Körper in Rechnung stellen.

Achtung Kunstaktion

Nur ein Klacks

Eingeschlossen im Paradies. Die Fernbedienungen liegen parat. Auf Wunsch erscheint dies und das. Den Kühlschrank füllt das Programm, das Licht reguliert das Programm. Das Programm programmiert der Verbraucher. Gleich kommt ein Gast in die gereinigte Wohnung. Der Programmierer programmiert das Lichtprogramm und programmiert das Musikprogramm. Zehn Minuten nach Eintreffen des Gastes soll eine Melodie erklingen, die dem Gast signalisiert, daß sie sich wie zuhause fühlen kann. Den Programmierer plagt die Sorge, daß er selbst nicht ausreichend programmiert ist. Sitzt der Anzug, befindet sich der Dreitagebart angemessen zur Gesichtskontur. Wie verhält es sich mit dem Muskeltonus. Das Signal ertönt, ein Licht leuchtet auf. Besuch. Schon öffnet sich lautlos die Lichtschrankentür und läßt ein.

Nur ein Klacks

Kriechstrom

Ich fühle mich vereint mit den Alptraumtäumern und denen, die nachts noch wach liegen, weil innere Erscheinungen sie beschäftigen und bannen. Vereint mit den Mondsüchtigen und Schlafwandlern, verwandt mit jenen, die den Bildern des Tages folgen in deren nächtliche Belichtungen und Nachbelichtungen, befreundet auch allen, denen ein Satz nicht aus dem Sinn gehen mag, obwohl er doch klar und deutlich und damit versenkt zu sein schien. Nachts herrscht anderer Verkehr.

Kriechstrom

Ich komme mir nun schon vor wie ein Legionär, denn die Zeit rast angeblich, dabei steht sie fast schon still

Die Jahre 2020/23 sind nicht vergessen. Damals herrschte Angst. Man installierte sie, man stabilisierte sie, man ließ sie herrschen und herrschte durch sie.

So haben alle erleben können, was geschieht, wenn man die Angst siegen läßt. Dann diktiert sie die Geschehnisse. Ihr gegenüber verneigt man sich, ihren Ansprüchen muß Genüge getan werden, sie darf niemals unerwähnt bleiben.

So gerät die Angst zur Majestät. Einmal inthronisiert, schafft man sie nicht mal eben aus dem Raum. Daß sie der Vorsicht zum Verwechseln ähnlich sieht, wissen wir aus eigener Erfahrung. Das kommt der Angst entgegen, sie bedarf solcher Tarnung.

Spricht mir also jemand politischerseits von Angst, werde ich stutzig und denke: Komm schnell ins Denken, damit dein Handeln gerät. Ich wünsche dir das und mir.

Ödnis macht sich breit. Ich freue mich auf meinen nächsten Alptraum. Der wird spannender.

Ich komme mir nun schon vor wie ein Legionär, denn die Zeit rast angeblich, dabei steht sie fast schon still