Schnell wechseln die Bilder. Das Café hat geöffnet, Tag und Nacht. 24/7 sagen sie. Hier wird gearbeitet, dies ist eine gastliche Baustelle. Die Verhältnisse sind in Bewegung geraten, leise bebt der Untergrund. Niemand muß eigens dramatisieren, die Aufmerksamkeit ist bereits gegeben. Meines Erachtens ist die Partei, die jetzt einige verbieten wollen, weil sie stimmenstark geworden ist, nicht Ursache, sondern Symptom einer Schwierigkeit, an die zu rühren sich die Verantwortlichen und die Sprecher offenbar scheuen. Bereits in den Nullerjahren schrieb ich, die Welt sei ein Tollhaus der Angst geworden – damals bezogen auf ein Phänomen namens Globalisierung. Seitdem sind Nöte und mit ihnen die Ängste produziert und kultiviert worden wie in einem Treibhaus. Mit Angst wird Politik gemacht, jedoch keine gute. Die Not ist echt; die Angst sitzt auf und flüstert ihre eingelernten Texte.
Allgemein
Sumpflandschaft und kalter Nebel
Die Krisen häufen sich derart, daß kaum jemand mehr weiß, wohin er kippen soll. Nun ist die abgelutschte Rechts-links-Logik zurück ins Geschehen geraten und zeitigt triste Folgen. Nichts und niemandem ist gedient, wenn sich die Debatten solcherart auftürmen. Man beschwört die Geister der Vergangenheit herauf und befördert sie noch. Doch auf Exorzismus verstehen wir uns nicht. Ich würde achtgeben. Geister sind unbestattete Tote, ruhelose familiäre und gesellschaftliche Energien, sich dort anheftend, wo sie neuerlich Leben ansaugen und oktroyieren können. Man kann die deutsche Debatte vampiristisch deuten. Untote torkeln herum und nehmen die Ahnungslosen an die Hand und führen sie ihren Zielen zu.
AIDA und die anderen
Die menschliche Welt ist voller Botschaften: man soll und sollte, muß und müßte, kann und könnte, darf und dürfte. Was man will – darum geht es. Was man dann tut – darauf sind sie abgestimmt, die Mechanismen der Bearbeitung (Verführung und Drohung). Selbstverständlich als Aufklärung angeboten. So wird gezeigt, wie es wirklich ist. Wir sind seit dreihundert Jahren begeistert. Nun lebe ich bereits länger und kann sagen: Vorher war es auch nicht besser, nur anders. Das Schlechte in der Welt nimmt weder zu noch ab. (Es wechselt allerdings die Positionen. Das Schlechte ist niemals ganz dumm – sonst existierte es nicht mehr, wäre ausgestorben.) Diesen Satz werde ich in dreihundert Jahren wiederholen.
(attention – interest – desire – action)
Erhofft vielleicht, erwartet: nein
Überlandbus
Etwas zehrt an den Nerven, scheint körperlich spürbar zu sein. Es ist nun oft die Rede von einer seltsamen Stimmung im Land. Deutschland als Stimmungsland. Auf den Straßen empören sich die Bauern und Bürger – gegen dies und gegen das. Gestern nacht noch sah ich mir das moderierte Podiumsgespräch zwischen Juli Zeh und Olaf Scholz an und weiß nun, warum man diesen Bundeskanzler Teflon-Scholz nennt. Nichts haftet an, er wendet die Waffel, bevor sie anbrennt. Es sind etliche Waffeln, doch die Autorin ist freundlich (auch wenn sie ihre Punkte setzt) und schont den Mann ohne Nerven. Alles wird gut, verspricht er und kann selbst doch nur hoffen. Sogar mit den Bauern wird er sich einigen, sagt er. Ein großes Projekt einige die Koalition – daß dagegen Widerstand angemeldet wird, überrasche nicht. Man müsse die Menschen mitnehmen.
Donnerstagswaggonrede
Ein Mann steigt ein und spricht, als befinde er sich in einer Veranstaltungshalle und sei als Redner bestellt worden. An wen sich seine Worte wenden, bleibt indes undeutlich. Er sieht niemanden an, spricht durch die Leute hindurch, über ihre Schultern hinweg an den Köpfen und Ohren vorbei. Wovon handelt seine Rede? Es geht um etwas Allgemeines, um Dinge, die jeder kennt. Hohe Preise, unzuverlässige Verkehrsmittel, verpaßte Gelegenheiten. Nicht der Redner redet, sondern die Rede redet. Sie wallt und schwallt aus ihm heraus. Betreten sehen seine Zuhörer zu Boden. Er geht nun auf und ab und gestikuliert. Zeige- und Mittelfinger bilden mit dem Daumen der rechten Hand eine Art Oval, die Hand fährt auf und nieder. Mittlerweile ist die Rede, die sich redet, unverständlich geworden. Nur noch vereinzelt klingen die Laute vertraut: beschissen läßt sich heraushören, verrückt ebenfalls, dann noch Riesenhaufen. Obgleich er niemanden ansieht, achtet der Mann, der nicht aufhören kann, auf jede Bewegung im Waggon. Er gibt den Weg frei, als ich aussteigen muß. Und jetzt treffen sich unsere Blicke. In seinen Augen steht das nackte Erstaunen – als sei er überrumpelt worden. Wie können die Zuhörer jetzt schon gehen, ich bin doch noch längst nicht am Ende.
„Verschwende dich in vollen Zügen“
Heute am Vormittag dachte ich: es geht letztendlich doch um spirituelle Heilung. —
An die Feststellung war noch etwas angeknüpft, die Gedanken waren dahingehend nicht erschöpft. Ich wußte, was mit einem solchen Satz impliziert ist und ging jenen Einschlüssen und Folgerungen nach. So vertrieb ich mir die Fahrten durch den Untergrund zwischen erschöpften fremden Körpern, die einen Wiederbelebungsversuch vertragen konnten. (Andererseits: Ist es nicht auch schön, derart müde zu sein und in Vorfreude auf das eigene Bett schon ein bißchen vorzutasten in die Welt des Schlafs. Jedoch: Diese Leute hatten noch einen ganzen Tag zu bestehen, außer jenen, die von der Nachtschicht heimfuhren. Müdigkeit kann schmerzen.)
Mittlerweile ist es Abend. Vor den Fenstern steht die Dunkelheit. Im Heizkörper rauscht das warme Wasser. Von spiritueller Heilung kann ich nicht sprechen, als sei das die Spielanleitung für menschliches Leben.
(So lautete der Wunsch.)
Auswahl
Wintertage können hart sein. In der U-Bahn todmüde Fremde, nach hinten gelehnt, die Augen geschlossen. Die Erschöpfung. Das Berliner Fenster, unser U-Bahnfernsehen, schickt Aufmunterung, wenn nicht Rettung in Form eines Zitats. „Ich will Bücher und Babys und Rindergulasch.“ Mit Sylvia Plath läßt sich noch der schlimmsten Tristesse trotzen. Daß es mit ihr nicht gut ausging, besagt gar nichts. Mit wem geht es schon gut aus? Muß es gut ausgehen, und wer entscheidet, was ein guter Ausgang ist? Wir müssen zahlen, soviel ist gewiß.
Die grausame Konsequenz
Das faßt und paßt ineinander
Die inneren Zustände und die äußeren. Wechselseitige Beeinflussung, sagt man, weiß man, denkt man, schreibt man. Man weiß ein bißchen von zu wenig. Poesie ist Kunst am lebendigen Bau, eine Forschungseinrichtung der Kultur an natürlichen Wesen. Wie man fragt, so antwortet es. Es ist das Wesen, das aus mir spricht und in mir steckt. Ich habe täglich damit zu tun und suche Frieden. Körperlicherseits kenne ich meine Grenzen, aber die Seele will weit hinaus, als flöge sie nach Haus. Früher nannte man eine Person, die unmusisch war und vom Wohl- und Wehklang nicht zu erweichen, eine prosaische Erscheinung. Da nun die halbe Welt (wer kennt die ganze) prosaisch sich erscheinen läßt, sind Leute wie ich nahezu aufgeschmissen. Andererseits kann jedes Teil jederzeit in sein Gegenteil umkippen und die dunkle oder hellere Rückseite zeigen. Es ist nicht aller Tage Abend, nur weil neuerlich und erschöpfend vom Weltuntergang die Rede ist.